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echt
Interview
Profit
und Moral schließen sich nicht aus...
Frank
Lehmann wurde 1942 in Berlin geboren. Der studierte Betriebswirt kam über
ein Praktikum zum Hessischen Rundfunk, wo er zunächst beim Hörfunk
arbeitete. Lehmann moderierte zahlreiche Fernsehsendungen, bevor er im
November 2000 begann, ARD-weit von der Frankfurter Börse zu berichten.
Seit August 2001 ist er zudem Leiter der beim HR neu geschaffenen Programmabteilung
Börse.
Kaum
einer versteht es wie Frank Lehmann, Börse verständlich zu vermitteln.
Mit Sachkenntnis, Humor und flotten Sprüchen moderiert er seit vier
Jahren die ARD-Sendung "Börse aktuell". Durch seine lockere
Art macht der "Börsenbabbler" Aktienkurse täglich
zu einem Event. echt sprach mit ihm über
Geld, Werte und Gesellschaft.
Herr
Lehmann, warum sind Aktienkurse für den Normalbürger so interessant
geworden?
Man hat gemerkt, dass man mit Aktien sehr schnell Geld verdienen kann
- und verlieren. Der eigentliche Kick war die T-Aktie, die von Politik
und Promis als "Superanlage" auf breiter Front gefördert
wurde. Da hat noch der letzte Blöde gesagt: Wir sind doch eigentlich
dumm, dass wir noch keine Aktie haben. Also nicht das Geld in den Sparstrumpf
stecken, sondern es arbeiten lassen.
Ist
es auch das, was Sie an der Börse fasziniert?
Ich war immer schon für die Beteiligung der Bevölkerung am Produktivvermögen.
Sie sollte dicht dran sein an den Unternehmen in dem Sinne: "Ich
kauf' mir ein paar Aktien und habe ein Mitspracherecht." Langsam
kommen die Unternehmen drauf, dass sie Kleinaktionäre auch ein bisschen
pflegen und ihnen auf der Hauptversammlung nicht nur 'ne Bockwurst geben.
Was
hat sich im Finanzbereich allgemein verändert?
Die Flexibilität war in Deutschland noch nie so hoch. Man wechselt
fast wie das Hemd Aktien und Fonds - das ist eine positive Erfahrung.
Negative haben wir aber auch: Gier frisst Hirn. Leute, die sagen: "Hauptsache,
ich bin dabei, da kann ja nix passieren." Da haben viele Lehrgeld
bezahlen müssen.
Organisationen
wie Gewerkschaften oder Parteien haben gewaltig an Akzeptanz verloren.
Orientieren sich die Leute stattdessen am Geld?
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Als überparteiliche Plattform will der BürgerKonvent,
den es in mehreren deutschen Städten gibt, den Reformstau in
der Politik aktiv überwinden. Er ist keine politische Partei,
sondern möchte eine nachhaltige, zukunftsorientierte Politik
fördern. |
Nicht unbedingt. (lacht)
Wir müssen die Demokratie von unten erneuern, von oben funktioniert
das nicht. Arbeitgeber und Gewerkschaften regeln gar nix mehr, die bremsen.
Diese neue Bewegung von unten, den BürgerKonvent*,
finde ich unheimlich spannend.
Und
die Politiker?
Die kapieren gar nix mehr. Ich hab' mir sagen lassen, dass die von uns
bezahlten Mitglieder des Bundestages den Jahreswirtschaftsbericht nicht
verstehen und froh sind, wenn die 'nen Waschzettel kriegen und dann drei
Sätze rausziehen. Das kann ich auch. Ich dachte immer, das sind so
ein bisschen Fachleute, die mich vertreten.
Aber
in Resignation versinken, bringt ja nichts ...
Die Resignation ist so ein deutsches Lebensgefühl. Pessimismus, Jammertal
- das ist den Deutschen eigen. Es wird uns ja auch von keinem Lager in
der Politik vermittelt, was es bedeutet, wenn wir einsparen. Bei der Steuerreform
heißt es: Du kriegst fuffzehn Milliarden. Zum Jahresanfang gucken
dann die Leute auf ihren Lohnzettel und fragen sich: Wo ist denn da was?
Jetzt sind's auch keine fuffzehn, sondern nur acht. Die Leute fühlen
sich verarscht.
Sind
die Deutschen denn überhaupt zu Reformen bereit?
Die Leute ja. Das Problem ist die Unfähigkeit der Manager, die ja
zum Teil vor Gericht stehen. Wir haben riesiges Humankapital. Vom Wissen
der Leute werden laut Statistik nur 15 Prozent abgerufen. Der kleene Mann
wird gar nicht eingebunden in die Prozesse - soll's aber richten. Viele
wollen ja malochen, nur sie merken, wir sind offensichtlich zu teuer.
Der Manager sagt: Ich muss dich einsparen, ich geh' nach Osteuropa oder
China, weil da die Produktionsbedingungen für mich besser sind.
Ist
da nicht auch mehr Initiative von den Arbeitnehmern gefragt?
Viele sagen ja: Wenn es klamm wird, halt ich mich mal ein bisschen zurück
mit den Forderungen, dem Urlaubsgeld. Oder wenn's mal hart kommt, mach'
ich drei Überstunden mehr. Das wird dann aber von der Gewerkschaft
verboten. Die großen Betriebe schweben auf Wolke sieben, machen
die Global-Player, aber bei den kleineren merkt man: Die Leute wollen
mitarbeiten.
Können
Sie positive Beispiele nennen?
Der Trigema-Chef auf der Schwäbischen Alb sagt, ich mache nur deutsche
Arbeitsplätze. Vielleicht hat das auch was mit Patriotismus zu tun
- oder der Ecke, wo man sagt, na, na, na. Aber er macht's und ist erfolgreich
damit. Warum? Er motiviert die Leute, er bezahlt sie anständig und
er kitzelt das Letzte an Produktivität raus. Und ist kein Sklaventreiber.
Die Leute sind happy und sagen: "Unser Wolfgang Grupp." Wer
sagt denn so etwas zu einem anderen Manager in Deutschland? Etwa "unser
Esser?" (Lacht schallend.)
Als
"Börsenbabbler" bringen Sie komplexe Zusammenhänge
verständlich rüber. Was möchten Sie erreichen?
Ich bin Dolmetscher, mein wichtigstes Anliegen ist Aufklären. Meine
Kollegen und ich haben aber leider nicht viel erreicht. Die Deutschen
sind Finanzanalphabeten, obwohl mittlerweile Geldsachen so wichtig geworden
sind.
Wo
bleibt Ihr eigener Standpunkt als Berichterstatter?
Manchmal sage ich durchaus meine Meinung. Zum Beispiel beschäftigt
mich das Absahnen von Managern trotz hoher Arbeitslosigkeit sehr. Die
sagen: Das ist internationale Gepflogenheit, aber verlieren völlig
ihre Glaubwürdigkeit.
Verändert
der tägliche Umgang mit Geld die eigenen Werte?
Geld ist für mich zuerst einmal ein Tauschmittel. Ich merke mit Genugtuung,
dass sich manche Leute gerade umorientieren. Zum Beispiel stellt ein Autozulieferer
in Baden-Württemberg nur noch über 40-Jährige ein, weil
er sagt: "Ich habe einen großen Fehler gemacht, jahrelang nur
junge und dynamische Leute zu nehmen. Jetzt fehlt die Mischung."
Das Humankapital wird plötzlich entdeckt. Aber noch nicht von vielen.
Welche
Unternehmen sind das?
Leider nicht die großen. Die werden immer noch von den Börsenwerten
gepeitscht. Die wissen sich dann nur mit dieser alten Schablone zu helfen:
Kosten senken, Leute raus, billiger im Ausland produzieren. Das kann ich
nicht mehr hören.
Können
Anleger etwas zu einer positiven Entwicklung beitragen?
Im Fondsbereich beginnt das Wort Ethik wieder zu blühen. Mittlerweile
sind viele ethische Fonds sehr erfolgreich. Selbst die großen Gesellschaften
entdecken das, weil sie ihren Anteil an diesem Markt haben wollen. Moral
und Profit haben sich noch nie ausgeschlossen.
Verändert
sich da etwas in der Gesellschaft?
Wenn die neuesten Umfragen stimmen, sind die wichtigsten Lebensziele Selbstbestimmung,
Familie, Partnerschaft und Hilfsbereitschaft, wogegen Kapital und Geldanlage
ganz unten rangieren. Durch die Erfahrungen mit Kapitaleinbrüchen
scheint die Spaßgesellschaft jedenfalls passé ...
Was
heißt das Ihrer Meinung nach für die Kirche, die ja finanziell
auch unter großem Druck steht?
Die Kirche muss sich mehr einmischen. Nach den Motto: Tue Gutes und rede
darüber. Was die Kirche tut, ist gigantisch: Diakonie, Kindergärten,
Altenpflege und so weiter. Das muss man aber auch vermitteln - und das
macht die Kirche noch immer viel zu wenig. Anstatt daran zu sparen muss
man sich vielleicht von einigen überflüssigen Gebäuden
trennen. Wenn man Leute mehr einbinden will, muss man ihnen jedenfalls
erst einmal klar machen, worum es eigentlich geht.
Interview:
J. Rainer Didszuweit/Jörn Dietze
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