Pro & Kontra

Sollten sich die Kirchen in die Sozialpolitik einmischen?

Ganz gleich, ob das Thema Steuer, Gesundheitsreform oder Kürzung von Zuschüssen lautet: Um eine gerechte Verteilung von Mitteln und Belastungen streiten die Politiker hart. Wie aber reagieren die Kirchen? Sollten sie sich in die Diskussion einmischen oder sich eher zurückhalten? echt hat nachgefragt.




Dr. Wolfgang Gern ist Vorsitzender des Diakonischen Werks für Hessen und Nassau





Pro

 



Prof. Dr. Norbert Walter
ist Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe



 

Kontra

 

Soziale Gerechtigkeit gehört zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft. Kirche und Diakonie als ihr sozialer Arm tragen Mitverantwortung dafür, dass Talente, Kräfte und Vermögen zum Wohl aller eingesetzt werden und dass das soziale Gleichgewicht nicht aus den Fugen gerät. Wo die soziale Balance in Gefahr ist, muss sich die Diakonie zu Wort melden.

Frieden und Gerechtigkeit sind zentrale Werte in der Bibel. Ohne Bereitschaft zum Teilen gibt es nirgendwo dauerhaften Frieden. Davon sprechen nicht nur die Texte des Alten Testaments, die Weltgeschichte belegt es. Sozialstaat und soziale Marktwirtschaft verbinden die Leistungsfähigkeit des Einzelnen und die solidarische Verantwortung für das Ganze in vorbildlicher Weise: Jeder Mensch wird seinem Vermögen und seinen Fähigkeiten entsprechend belastet.

Reichtum wird zum Segen, wo er hilft, dass Schwache gestärkt werden. Ich denke an die wachsende Zahl von Menschen, die Hilfe brauchen - weil sie krank sind oder pflegebedürftig, weil sie ohne Arbeit sind oder kein Dach über dem Kopf haben. Sie alle brauchen Unterstützung, sie brauchen Hilfe zur Selbsthilfe und sie brauchen eine Stimme, die leidenschaftlich für sie spricht.

Anstatt Sozialpolitik zu betreiben, sollten die Kirchen Menschen gewinnen, die Zeit und Mittel zur Verfügung stellen. Wenn ein kirchlicher Bericht zum Ergebnis kommt, wir seien zu einem armen Land geworden, lässt er außer Acht, dass wir beispielsweise zahlreiche Asylbewerber aufgenommen haben und dennoch einigermaßen gut dastehen. Das sollte uns stolz machen.

Warum kommt nicht zur Sprache, dass ein Arbeitnehmer, der auf der 35-Stunden-Woche beharrt, unsolidarisch handelt? Er verweigert einen Großteil seiner Leistungsfähigkeit, weil er es für sich selbst gemütlich haben möchte. Wenn Banken und Wirtschaft für alle sozialen Probleme verantwortlich gemacht werden, ist das größtes Pharisäertum. Beim Abbau von Arbeitsplätzen verhalten sich Kirchen nicht anders als McKinsey.

Die Kirche erwartet selbstverständlich, dass ich 80 Wochenstunden arbeite und fast 10 Prozent meiner Einkommensteuer an sie abführe. Weil ich aber mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdiene, habe ich mich als Reicher disqualifiziert. Statt die Reichen aus dem Tempel zu treiben, sollte man versuchen, ihre Mittel zu gewinnen.

» Ausführliches Statement von Prof. Norbert Walter

www.diakonie-hessen-nassau.de
www.norbert-walter.de

Aufgezeichnet von: Jörn Dietze


erschienen in echt, 1. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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