echt Verantwortlich


Wenn aus Kindern Täter werden

14-Jährige und ein 19-Jähriger prügeln und treten über zwei Stunden lang den wohnsitzlosen Johann Babies zu Tode. Normale Kinder aus normalen Familien in einem kleinen Ort. Die Tat schockt ein Dorf und droht es zu spalten. In Empörte, die harte Strafen fordern, Ratlose, die nach Erklärungen suchen. In Menschen, die vergessen möchten, und andere, die handeln wollen, damit sich solch eine Tat nicht wiederholt.

 

Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte", sagt Hildegard Kuppinger und greift sich immer wieder mit beiden Händen in die grauen Haare. Die 72-Jährige organisiert seit zehn Jahren das Obdachlosenfrühstück der Arbeiterwohlfahrt in Neulußheim, einem kleinen Ort zwischen Heidelberg und Speyer. Der Platz an der Stirnseite des Frühstücktisches ist verwaist. Hier saß oft der 54-Jährige Johann Babies, der in einer zerfallenen Hütte am Waldrand außerhalb des Dorfes seinen Unterschlupf hatte. Der Wohnsitzlose ist tot, umgebracht von Jugendlichen, die bis auf einen 19-Jährigen alle erst 14 Jahre alt waren. Die Jugendlichen haben den am Boden liegenden Mann zwei Stunden lang geschlagen und getreten. Einige jüngere standen daneben, unterhielten sich, rauchten und sahen zu. Die Jungen und Mädchen, fast alle Realschüler und Gymnasiasten aus eingesessenen Neulußheimer Familien, ließen "Penner Paule", wie sie den Mann nannten, schwer verletzt liegen. Keiner holte Hilfe. Niemand erzählte den Eltern davon. Johann Babies starb in der kalten Oktobernacht vor seiner Hütte an seinen Verletzungen.

Ausgrenzung ist der falsche Weg
Hildegard Kuppinger kann den Tod des Mannes schwer verwinden, doch sie kennt auch das Leid der Familien, die sich nicht erklären können, wie aus ihren Kindern Täter werden konnten. Da ist ihre Bekannte, die den Enkel nach der Scheidung der Eltern großgezogen hat. Die Leute grüßen sie nicht mehr. Die alte Frau fühlt sich gebrandmarkt, traut sich kaum noch auf die Straße. "Wenn Sie mich noch wollen", hat sie geantwortet, als Frau Kuppinger sie um Mithilfe bei einem Dorffest gebeten hat. Die Familien der Täter sollen wegziehen, hieß es in Neulußheim nach dem Verbrechen.

"Jede Ausgrenzung, jede Abspaltung ist der völlig falsche Weg", sagt Bürgermeister Gerhard Greiner darauf. Auch der getötete Johann Babies war ein Ausgegrenzter.

Eine abbruchreife Hütte - die letzte Wohnung von Johann Babies
Stumme Zeichen am Ort des Verbrechens

Die Gemeinschaft hat versagt
Schuldzuweisungen sind dem Mann mit dem buschigen Schnauzer entschieden zu wenig. "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass solch eine böse Tat von Kindern begangen wurde, die bei uns aufgewachsen sind, unsere Kindergärten und Schulen besucht haben", sagt er. Um das Versagen als Gemeinschaft, als Gemeinde geht es ihm. Um gründliches Aufarbeiten und vor allem um Konsequenzen aus der Tat. Zusammen mit dem evangelischen Pfarrer und dem Rektor der örtlichen Grund- und Hauptschule hat der Bürgermeister einen "Steuerungskreis" gegründet. Alle, die in Neulußheim mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sollen ein dichtes Netz knüpfen, das jungen Menschen Halt gibt und Eltern und Lehrern bei der Erziehung hilft.

160 Menschen kamen zu dem ersten Treffen, einige aus Neugier, viele wollten mitarbeiten: Vertreter von Vereinen, Elternbeiräte, Pfarrer, Kirchengemeinderäte, Kommunalpolitiker und Pädagogen. Fest steht: Schon die Jüngsten im Kindergarten sollen verstärkt das friedliche Miteinander üben. Für ihre Eltern wird es Vorträge und Seminare über Erziehungsfragen geben. Die Lehrer an der Grund- und Hauptschule arbeiten an Unterrichtskonzepten zum Thema Gewalt für die Klassen eins bis neun.

"Wir müssen bei uns anfangen, unser Handeln und Verhalten ändern", ist die Botschaft. Das ist nicht allen recht in dem 6500-Seelen-Dorf. Nicht wenige wollen am liebsten einen Schlussstrich ziehen. Dass er und seine Mitstreiter angefeindet werden, ficht Gerhard Greiner nicht an. Der Bürgermeister, der bis zu seinem Amtsantritt vor zehn Jahren Kunsterzieher war, will so lange weitermachen, "bis die Menschen im Ort von unseren Kindergärten und unseren Schulen sprechen". Nur das Vorbild von Erwachsenen, die sich für das Gemeinwesen stark machen, gibt den Jugendlichen seiner Meinung nach Orientierung. "Wir müssen Toleranz, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage im Alltag vorleben", hat er bei der Trauerfeier für Johann Babies gesagt.

Ihnen tut es gar nicht Leid
Und doch bleiben viele Fragen. Allen, die mit den jungen Tätern zu tun haben, ist ein tiefes Unbehagen anzumerken. Bei den Vernehmungen erschraken die Beamten, weil die Heranwachsenden lange Zeit unbeteiligt, ja "cool" neben ihren weinenden Eltern saßen. Auch die Lehrer an der Neulußheimer Schule sind verstört. Die an dem Verbrechen beteiligten Schüler verhalten sich, als wäre nichts geschehen. "Man kann den Eindruck gewinnen, denen tut es gar nicht Leid", sagt Rektor Peter Scholl. Sie habe doch eigentlich gar nichts gemacht, sagte etwa die 13 Jahre alte Laura (Name geändert) zu ihren Lehrern. Sie hatte tatenlos zugesehen, wie Johann Babies zu Tode gequält wurde.

Nicht mehr wegschauen
Der evangelische Pfarrer Uwe Sulger hat einige der betroffenen Familien betreut und kennt das Mädchen aus dem Konfirmandenunterricht. Anfangs habe sie Angst gehabt, ausgeschlossen zu werden, jetzt komme sie kaum noch. Sie habe neue Freunde gefunden, erzählt er, Kinder, die von Gewalt fasziniert seien. Er werde das Mädchen anrufen, es nicht "abtauchen" lassen, sagt Pfarrer Sulger. Die Erwachsenen haben in Neulußheim zu lange weggeschaut. Mindestens 11 Kinder und Jugendliche waren beteiligt, als Verabredungen "zum Pennerklatschen" getroffen wurden. Johann Babies war am Abend seines Todes nicht zum ersten Mal Opfer von Angriffen geworden.

Die Hütte am Wald ist mittlerweile abgerissen worden. Der Waldboden planiert. Ein paar Backsteine, ein Stück Ofenrohr und eine leere Schnapsflasche - sonst ist nichts geblieben. Trotzdem wird der Tod von Johann Babies nicht so schnell vergessen werden. "Die Leute wollen, dass endlich Gras über die Sache wächst", erzählt Hildegard Kuppinger, "aber der Bürgermeister, der lässt nicht locker."

Text: Silvia Planz












Streibarer Mahner für Frieden und Versöhnung: Vor 20 Jahren starb der erste Kirchenpräsident der EKHN Martin Niemöller. Daran erinnert ein Transparent an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Brentanostraße 3 in Wiesbaden.

Foto: EKHN


erschienen in echt, 1. Quartal 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt
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