Leben in der Grauzone

Sie kommen nach Deutschland, ohne zu fragen. Sie leben hier ohne Erlaubnis, ohne Krankenversicherung - ohne Rechte und ohne Schutz. 500.000, vielleicht sogar eine Million Menschen ohne Aufenthaltsrecht gibt es in Deutschland. Heimliche Menschen, die nicht auffallen dürfen und mit der Angst leben, entdeckt zu werden. Und es gibt Menschen, die fragen nicht, ob jemand illegal hier ist, sondern helfen. Ihre Namen hat die Redaktion geändert. Aus gutem Grund. Fernsehpfarrer Helwig Wegner wurde letztes Jahr angezeigt, als er im "Wort zum Sonntag" gesagt hatte: "Es ist richtig, auch gegen staatliche Gesetze dem Gebot der Nächstenliebe zu folgen und dem eigenen Herzen."

Zweieinhalb Jahre versteckten seine Eltern den kleinen Michael Militsch in einer Einzimmerwohnung. Sie wussten nicht, wohin mit dem Kleinen, während sie arbeiteten. Und sie hatten Angst, aufzufallen, entdeckt zu werden. Familie Militsch lebt und arbeitet hier ohne Papiere.

"Das ist unzumutbar", sagt Petra Schulz, Leiterin einer evangelischen Kindertagesstätte, "wenn Kinder ausgeschlossen von der Gesellschaft leben müssen." Jetzt im Kindergarten "muss Michael alles nachholen, mit allen Sinnen, muss alles anfassen." Verhaltensauffällig sei er, bringe die Erzieherinnen an ihre Grenzen.

Ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland leben beispielsweise Flüchtlinge, deren Asylverfahren abgelehnt wurde, Opfer von Menschenhandel und Zwangsverschleppungen, Angehörige, die zu ihren Familien wollen, Menschen, die vor Armut und Not flüchten.

Menschen ohne Papiere leben hierzulande praktisch rechtlos, obwohl ihnen nach Grundgesetz Artikel 1 der unbedingte staatliche Schutz der Menschenwürde garantiert ist.

Die Synode, das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, fordert für Menschen ohne Aufenthaltsrecht deshalb unter anderem eine medizinische Grundversorgung und die Möglichkeit, Kindergarten und Schulen besuchen zu können.

Nach geltendem Recht darf Michael eigentlich keinen Kindergarten besuchen. Trotzdem ist er da, wie schon Kinder ohne Papiere vor ihm und nach ihm. Petra Schulz hat sich entschieden, auch "Schattenkinder" in der Kita aufzunehmen, die sie leitet: "Damit sie eine Chance haben und wachsen können." Ganz ohne Zögern und Zittern geht das nicht. Mögliche rechtliche Konsequenzen für sie selbst nehme sie in Kauf, sagt die Kindergartenleiterin. Aber sie will die Einrichtung nicht gefährden und die Menschen nicht, die sie unterstützt. Deshalb habe sie auch lange überlegt, ob sie in echt darüber rede. Doch das Thema müsse öffentlich werden.

"Mit dem ganzen Reden von Illegalen und Wirtschaftsflüchtlingen bauen wir uns Scheingegner auf", meint Petra Schulz. Es gebe Gründe, warum Menschen ihr Ursprungsland verlassen: Angst vor Bedrohung, Armut, Not. "Und ich sehe nicht, dass sie uns etwas wegnehmen."
"Für uns ist das eine ganz normale Sache", sagt das Arzt-Ehepaar Müller. Der Frauenarzt Arndt Müllerbehandelt Frauen ohne Aufenthaltsrecht kostenlos. Gerda Müller hat sich in ihrer Kirchengemeinde jahrelang für Flüchtlinge engagiert. Irgendwann sei sie gefragt worden: "Könnten wir eine Frau zu Ihnen schicken, die ohne Pass und ohne Krankenversicherung hier ist?" So habe das angefangen. Besonders Schwangere brauchten ärztliche Unterstützung. "Wir machen das, was wir hier machen können", sagt Dr. Müller. "Dass das nicht legal ist, ist uns klar", aber das sei zweitrangig. Die Gesundheit der Patienten stehe an erster Stelle. "Wenn jemand Probleme hat und uns als Ärzte braucht, fragt man nicht nach dem Aufenthaltsstatus." Gerda Müller hat sich lange im diakonischen Bereich engagiert. "Da käme ich mir unaufrichtig vor, zu sagen: ‚Nein, ich helfe Dir nicht.' Wenn das Zusammenleben in der Gesellschaft klappen soll, geht das nur so."

Rainer Lange

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erschienen in echt, 1. Quartal 2004
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