Himmelreich",
heißt ein Campingplatz, nicht weit von Potsdam. Er liegt schattig
unter Kiefern und Eichen auf einer Sandbank in der Havel. Es gibt fast
nur Dauercamper dort - Leute, die sich rings um ihre Wohnwagen ein kleines,
privates Paradies geschaffen haben. Mit Blumenampeln und Lichterketten,
Eichenschrankwand im Vorzelt und bunten Plastikdecken auf den Tischen.
In
einem kleinen Zelt am Rande vom Platz wohnt Ines. Sie ist 23, schlaksig,
mit zwölf silbernen Ringen im Ohr. Sie jobbt als Putzfrau bei einer
Zeitarbeitsfirma, morgens von fünf bis neun, für fünf
Euro die Stunde. Macht 20 Euro am Tag. Es sei denn, die Chefin ordnet
Überstunden an. Dann bringt sie es manchmal auf 40. "Aber
der Tag ist dann auch gelaufen", sagt Ines. Es bleibt nur schlafen
und essen und wieder schlafen, denn am nächsten Tag muss sie kurz
vor vier wieder aus dem Haus.
Wir
sitzen, reden. Ich frage sie nach ihrer persönlichen Idee vom besseren
Leben. "Ein Wohnwagen wäre klasse", sagt Ines, "oder
ein Haus im Grünen." Auf eine Art sei es aber auch schön,
einfach wie jetzt im Zelt zu wohnen, aufs Wasser zu gucken und zu beobachten,
wie die Enten ihr Gefieder putzen und die Schwalben Mücken jagen.
Und zu träumen. "Wovon träumst du?" "Davon,
dass ich eines Tages reich und berühmt bin."
Der
Tagtraum weist nach vorne
Der Philosoph Ernst Bloch hat sich sein Leben lang mit dem Träumen,
dem Hoffen, der Sehnsucht nach einem besseren Morgen beschäftigt.
"Das steckt in uns, was man werden könnte", sagt er.
Während der Nachttraum sich vor allem aus Bildern der Vergangenheit
speist, weise der Tagtraum nach vorne, in die Zukunft. Es werden "Luftschlösser
errichtet, auf Spaziergängen oder in ruhigen Pausen bezogen. Oft
windige, weil da ja nicht mit viel Überlegung des Drum und Dran
gebaut wird, oft ausschweifend kühne und schöne, weil die
Baukosten bei dergleichen keine Rolle spielen."
Die
Traumschlösser schaffen Entlastung - und die kleinen Träume,
die sich Menschen erfüllen. Sie machen den Alltag erträglich,
helfen einem, schwere Zeiten zu überstehen. Wohl jede und jeder
hat eine kleine Gegenwelt. Ein Boot, die Märklin-Eisenbahn im Keller,
ein Liebesnest oder den wöchentlichen Kinoabend. Orte des Sich-Selbst-Vergessens,
des Glücklich-Seins im Hier und Jetzt. Für Ines ist ihr kleines
Zelt auf dem Campingplatz ein solcher Fleck. "Ich denke Montag
schon an Freitag und freue mich", sagt sie. "Diese Freude
ist wie eine Ritterrüstung, die mich schützt."
Bei
manchen Menschen kippt die Gegenwelt und aus dem Träumen, dem Sehnen
wird Sucht: ständiges Abtauchen in Filme, Romane, TV-Soaps; oder
der Ausstieg in den Rausch, in Gewalt. Das hindert einen daran, Unerträgliches
zu verändern. Aber auch dann bleibt im Kern eine Vision: dass man
auch ganz anders leben könnte, als man es tut. Ohne dass andere
einen herumschubsen. Frei. Im Überfluss, ohne Mühe.
Manchmal
hat man Glück, vor allem an solchen Orten außerhalb vom Alltag,
und für einen winzigen Moment leuchtet ein Bild auf von der Zukunft.
Das ist wie ein Gewitter nachts im Wald, wenn man schon Stunden im Finstern
herumgeirrt ist, weil man vor lauter Bäumen nichts findet, woran
man sich orientieren könnte. Dann zuckt ein Blitz auf und für
den Bruchteil einer Sekunde ist es hell. Man sieht alles, auch den Weg.
Und im gleichen Moment spürt man neue Kraft.
Visionen
entfesseln Kräfte
"Die Vitalität selbst ist das Resultat einer Vision",
beschrieb der Psychoanalytiker Erich Fromm dieses Wunder. "Wenn
es keine Vision mehr gibt von etwas Großem, Schönen, Wichtigem,
dann reduziert sich die Vitalität, und der Mensch wird lebensschwächer."
Ines
lacht, als ich vom Gewitter im Wald erzähle. "Neulich",
sagt sie, "hat das Arbeitsamt mich zu einem Kurs geschickt, nach
dem Motto: So kriegen Sie Ihr Leben in den Griff. Der Berater sagte:
"Machen Sie die Augen zu. Versuchen Sie sich vorzustellen, wer
Sie in fünf Jahren sind. Wie Sie dann aussehen, was Sie tun, wie
Sie leben. Nehmen Sie sich Zeit dafür. Lassen Sie das Bild so konkret
werden wie möglich." Und dann? "Steuern Sie auf dieses
Bild zu." "Und?" "Tja", sagt Ines, "was
ich sah, war toll: mich hinter einem großen Stapel von Büchern
und auf den Umschlägen stand mein Name. Aber der einzige Job, den
das Arbeitsamt mir anbot, war die Stelle als Putze."
Visionen
können unglaubliche Kräfte entfesseln. Fast alle Religionen
zeugen davon. Buddha fand unter einem Feigenbaum die Erleuchtung. Moses
stieg auf den Berg Sinai. Und als Paulus in der Nähe von Damaskus
war, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel her. Er stürzte
zu Boden und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: "Saul,
Saul, was verfolgst du mich?" Da fragte er: "Wer bist du,
Herr?" Der aber sprach: "Ich bin Jesus, den du verfolgst.
Doch steh auf und geh in die Stadt hinein, und es wird dir gesagt werden,
was du tun sollst." Ohne dies Erlebnis hätte es die christliche
Kirche vielleicht nie gegeben. Ähnliches gilt für den Islam:
Auch Mohammed erschien Gott. Erst dachte er, ein böser Geist sei
in ihn gefahren. Doch dann begann er zu predigen, was er gehört
hatte. Auch Mohammeds Vision muss dicht dran gewesen sein an den Träumen
der Menschen seiner Zeit, denn als er starb, war der Sieg des Islam
über weite Teile Arabiens entschieden.
Der
Lohn im Himmelreich
Natürlich: Solche großen, die Geschicke der Welt verändernden
Visionen sind selten. Und wenn jemand sie hätte, würden die
Leute vermutlich spotten. Spinner! Träum weiter! Lass uns mit deinen
Ideen in Frieden! Jesus rät in der Bergpredigt seinen Jüngern,
sich nicht von Schmähungen und Verfolgungen entmutigen zu lassen.
Er spricht die selig, die seiner Vision nachfolgen. Ihr Lohn, sagt er,
wird groß sein. Im Himmelreich.
Auf
dem Campingplatz sitzt Ines später, einen Stift in der Hand, ein
kleines blaues Buch auf den Knien. Sie schreibt ihre erste Erzählung.
Cornelia
Gerlach