Der
Mann quält sich. Zusammengekauert, immer wieder aufschreiend,
schlaflos in einer kargen Mönchszelle, sucht er ein Entkommen
vor dem Zorn und der Strafe Gottes. Davon hat er viel in der Bibel
seiner Klosterbibliothek gelesen, und er ängstigt sich fast
zu Tode. Zu sehen ist diese - historisch belegte - 500 Jahre alte
Szene im Augustinerkloster Erfurt jetzt in dem eindrucksvollen
amerikanisch-deutschen Kinofilm "Luther", der seit Herbst
in den Kinos ist.
Die
Diagnose ist ja auch unerfreulich. Uralte Erfahrungen sind in
der Bibel versammelt und die realistischen Schilderungen erscheinen
oft wie der Querschnitt einer heutigen Tageszeitung: Von sich
aus ist der Mensch keineswegs edel, hilfreich und gut, sondern
zu allererst kurzsichtig, vergesslich, dümmlich, egoistisch
und zerstörerisch. Das biblische Wort dafür lautet "Sünde".
Es
brauchte Jahre intensiven Bibel-Studiums, bis der Mönch Martin
Luther, inzwischen Theologie-Professor in Wittenberg an der Elbe,
neben dem menschlichen Versagen noch eine ganz andere Botschaft
in der Bibel erkannte, die auf der ersten aufbaut: Dass in Jesus
Christus Gottes Liebe zu uns Menschen sichtbar geworden ist. Seitdem
hat nicht mehr Gottes Zorn, sondern seine Gnade das letzte Wort.
Aber: Wir müssen sie annehmen. Und zwar jeder Mensch für
sich selbst. Diese Erkenntnis Luthers war die Geburtsstunde der
evangelischen Kirche.
Der
Ertrag entscheidet
Zweimal jährlich, sagte Luther, habe er die Bibel ganz durchgelesen.
Seine Methode, zu lesen, funktioniert auch heute noch: "Wenn
die Bibel ein großer mächtiger Baum wäre und alle
Worte die Ästlein", sagte er in seiner bilderreichen
Sprache, "so habe ich alle Ästlein abgeklopft und wollte
gerne wissen, was dran wäre, und was sie trügen. Und
allezeit habe ich noch ein paar Äpfel und Birnen heruntergeklopft."
Neugierig
Neugier ist ein guter Anfang. Neugier führt zu Entdeckungen.
Allerdings: Für den "gesunden Menschenverstand"
enthält die Bibel jede Menge schmerzhafter Widerworte und
Widerhaken. Maßstäbe werden meist auf den Kopf gestellt.
Vielleicht am deutlichsten zeigt sich das in der Bergpredigt Jesu
mit den "Seligpreisungen" (Matthäus, Kap. 5): "Selig
sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen."
Auf Anhieb ist das kaum zu verstehen. Es braucht Zeit, die unglaubliche
Vision dahinter zu entdecken.
Geduldig
Die Bibel ist keine schnelle und einfache Lektüre. Sie ist
kein Roman, kein Sachbuch und erst recht keine Rezeptsammlung
fürs Leben. Der Umgang mit ihr erfordert Ruhe. Es lohnt sich,
Tröstendes einzuprägen, mehrfach zu lesen und mitzunehmen
in den Tag. Eine gute Hilfe sind dabei die blauen Büchlein
der "Herrnhuter Losungen", die es in vielen Buchhandlungen
gibt. Für jeden Tag sind ein Bibeltext und ein Lehrtext ausgewählt,
dazu ein passender Liedvers. Außerdem gibt es einen fortlaufenden
Leseplan, der in vier Jahren durch die ganze Bibel führt.
Kritisch
Niemand muss heute mehr bedingungslos glauben, was einem zum ersten
Mal begegnet. Nachdenklichkeit und Zweifel sind normal. Die sichere
Erkenntnis, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel fällt,
ist auch in Fragen des Glaubens selten. Er braucht Zeit, um sich
zu entwickeln. Besonders gilt das für Passagen der Bibel,
die auf längst vergangene Zeiten und Kulturkreise bezogen
sind. Oder sollte es heute noch ernsthaft ein Thema sein, seine
Tochter in die Sklaverei zu verkaufen (2. Mose 21,7) oder Arbeit
am Samstag mit dem Tod zu bestrafen (2. Mose 35,2)? Wer heute
die Bibel liest, kann das nur mit dem Kopf und dem Herzen eines
heutigen Menschen tun. Das führt dann schon mal zu Ärger
unter den Christen - etwa, wenn es um den Stellenwert von Homosexualität
damals und heute geht.
Wo
anfangen?
Wer als erstes an die "harten Brocken" gerät -
und von denen gibt es einige -, kann verzweifeln oder schnell
die Lust verlieren. Wer begeistert sich schon an endlosen religiösen
Gesetzen wie im vierten Mosebuch oder an langatmigen Ahnenlisten
wie am Anfang des Matthäus-Evangeliums?
Ein
Lied ist immer ein guter Einstieg. Das Liederbuch der Bibel sind
die Psalmen. Mögen manche ihrer Bilder uns heute auch fremd
sein: Es sind wunderbare Texte voller Trost und Hoffnung. Gerade
recht, um sich mit der Bibel und ihren Gedanken anzufreunden.
Man kann gut mit dem Psalm 1 beginnen, dann vielleicht den berühmten
Psalm 23 lesen oder den Psalm 37, in einer Zeit großer Angst
vielleicht den Psalm 69. Ein Muss sind der Psalm 90 und der Psalm
103.
Das Markus-Evangelium ist der älteste und manchmal auch klarste
zusammenhängende Bericht über das Leben Jesu. Die Apostelgeschichte
liefert ein anschauliches Bild vom Leben der ersten Christen.
Und ein uraltes Lied aus dieser Zeit ist auch überliefert:
Philipper-Brief 2, 5-11.
"Nimm
und lies!"
Vom
Kirchenvater Augustinus wird erzählt, als junger Mann habe
er nach ziemlich wüsten Jahren in einer Lebenskrise eine
Kinderstimme gehört, die lateinisch "Tolle, lege!"
sagte - "Nimm und lies!" Es mag
ein Ruf aus einem Spiel von Kindern gewesen sein. Aber Augustinus
bezog es auf die Bibel. Sie ließ ihn bis zum Ende seines
Lebens nicht mehr los.
|

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist
und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau.
|
Joachim
Schmidt
Fotos: KNA-BILD
»»»
Zehn Bibelworte quer zum
«««
»»» "gesunden Menschenverstand" «««