echt Bibel



Zum Jahr der Bibel 2003
Teil 4

Für die Kirchen in Deutschland ist 2003 das "Jahr der Bibel", mit zahlreichen Veranstaltungen, Aktionen und Veröffentlichungen. Natürlich auch ein Thema für echt. Die Themen bisher: Ist die Bibel Gottes Wort? Wie die Bibel entstand, Glaubenskriege und Scheiterhaufen. Diesmal: Wie liest man eigentlich die Bibel?
 
 


Wider Worte

Wer eine fromme Bestätigung für seinen "gesunden Menschenverstand" sucht, sollte besser die Finger von ihr lassen. Er könnte enttäuscht werden.
Genau betrachtet, stehen die Texte der Bibel häufig in krassem Widerspruch zu dem, was schon immer für richtig und wichtig gehalten wurde. Das kann beunruhigend sein - und Hoffnung geben.

 


Schild "Paradies" (c) KNA-BILDDer Mann quält sich. Zusammengekauert, immer wieder aufschreiend, schlaflos in einer kargen Mönchszelle, sucht er ein Entkommen vor dem Zorn und der Strafe Gottes. Davon hat er viel in der Bibel seiner Klosterbibliothek gelesen, und er ängstigt sich fast zu Tode. Zu sehen ist diese - historisch belegte - 500 Jahre alte Szene im Augustinerkloster Erfurt jetzt in dem eindrucksvollen amerikanisch-deutschen Kinofilm "Luther", der seit Herbst in den Kinos ist.

Die Diagnose ist ja auch unerfreulich. Uralte Erfahrungen sind in der Bibel versammelt und die realistischen Schilderungen erscheinen oft wie der Querschnitt einer heutigen Tageszeitung: Von sich aus ist der Mensch keineswegs edel, hilfreich und gut, sondern zu allererst kurzsichtig, vergesslich, dümmlich, egoistisch und zerstörerisch. Das biblische Wort dafür lautet "Sünde".

Es brauchte Jahre intensiven Bibel-Studiums, bis der Mönch Martin Luther, inzwischen Theologie-Professor in Wittenberg an der Elbe, neben dem menschlichen Versagen noch eine ganz andere Botschaft in der Bibel erkannte, die auf der ersten aufbaut: Dass in Jesus Christus Gottes Liebe zu uns Menschen sichtbar geworden ist. Seitdem hat nicht mehr Gottes Zorn, sondern seine Gnade das letzte Wort. Aber: Wir müssen sie annehmen. Und zwar jeder Mensch für sich selbst. Diese Erkenntnis Luthers war die Geburtsstunde der evangelischen Kirche.

Straßenschild "Hölle" (c) KNA-BILDDer Ertrag entscheidet
Zweimal jährlich, sagte Luther, habe er die Bibel ganz durchgelesen. Seine Methode, zu lesen, funktioniert auch heute noch: "Wenn die Bibel ein großer mächtiger Baum wäre und alle Worte die Ästlein", sagte er in seiner bilderreichen Sprache, "so habe ich alle Ästlein abgeklopft und wollte gerne wissen, was dran wäre, und was sie trügen. Und allezeit habe ich noch ein paar Äpfel und Birnen heruntergeklopft."

Neugierig
Neugier ist ein guter Anfang. Neugier führt zu Entdeckungen. Allerdings: Für den "gesunden Menschenverstand" enthält die Bibel jede Menge schmerzhafter Widerworte und Widerhaken. Maßstäbe werden meist auf den Kopf gestellt. Vielleicht am deutlichsten zeigt sich das in der Bergpredigt Jesu mit den "Seligpreisungen" (Matthäus, Kap. 5): "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Auf Anhieb ist das kaum zu verstehen. Es braucht Zeit, die unglaubliche Vision dahinter zu entdecken.

Geduldig
Die Bibel ist keine schnelle und einfache Lektüre. Sie ist kein Roman, kein Sachbuch und erst recht keine Rezeptsammlung fürs Leben. Der Umgang mit ihr erfordert Ruhe. Es lohnt sich, Tröstendes einzuprägen, mehrfach zu lesen und mitzunehmen in den Tag. Eine gute Hilfe sind dabei die blauen Büchlein der "Herrnhuter Losungen", die es in vielen Buchhandlungen gibt. Für jeden Tag sind ein Bibeltext und ein Lehrtext ausgewählt, dazu ein passender Liedvers. Außerdem gibt es einen fortlaufenden Leseplan, der in vier Jahren durch die ganze Bibel führt.

Schild "Jesus" (c) KNA-BILDKritisch
Niemand muss heute mehr bedingungslos glauben, was einem zum ersten Mal begegnet. Nachdenklichkeit und Zweifel sind normal. Die sichere Erkenntnis, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel fällt, ist auch in Fragen des Glaubens selten. Er braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Besonders gilt das für Passagen der Bibel, die auf längst vergangene Zeiten und Kulturkreise bezogen sind. Oder sollte es heute noch ernsthaft ein Thema sein, seine Tochter in die Sklaverei zu verkaufen (2. Mose 21,7) oder Arbeit am Samstag mit dem Tod zu bestrafen (2. Mose 35,2)? Wer heute die Bibel liest, kann das nur mit dem Kopf und dem Herzen eines heutigen Menschen tun. Das führt dann schon mal zu Ärger unter den Christen - etwa, wenn es um den Stellenwert von Homosexualität damals und heute geht.

Wo anfangen?
Wer als erstes an die "harten Brocken" gerät - und von denen gibt es einige -, kann verzweifeln oder schnell die Lust verlieren. Wer begeistert sich schon an endlosen religiösen Gesetzen wie im vierten Mosebuch oder an langatmigen Ahnenlisten wie am Anfang des Matthäus-Evangeliums?

Straßenschild "HImmelreich" (c) KNA-BILDEin Lied ist immer ein guter Einstieg. Das Liederbuch der Bibel sind die Psalmen. Mögen manche ihrer Bilder uns heute auch fremd sein: Es sind wunderbare Texte voller Trost und Hoffnung. Gerade recht, um sich mit der Bibel und ihren Gedanken anzufreunden. Man kann gut mit dem Psalm 1 beginnen, dann vielleicht den berühmten Psalm 23 lesen oder den Psalm 37, in einer Zeit großer Angst vielleicht den Psalm 69. Ein Muss sind der Psalm 90 und der Psalm 103.
Das Markus-Evangelium ist der älteste und manchmal auch klarste zusammenhängende Bericht über das Leben Jesu. Die Apostelgeschichte liefert ein anschauliches Bild vom Leben der ersten Christen. Und ein uraltes Lied aus dieser Zeit ist auch überliefert: Philipper-Brief 2, 5-11.

"Nimm und lies!"

Vom Kirchenvater Augustinus wird erzählt, als junger Mann habe er nach ziemlich wüsten Jahren in einer Lebenskrise eine Kinderstimme gehört, die lateinisch "Tolle, lege!" sagte - "Nimm und lies!" Es mag ein Ruf aus einem Spiel von Kindern gewesen sein. Aber Augustinus bezog es auf die Bibel. Sie ließ ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr los.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt (c) Daniel Kilian
Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

 

Joachim Schmidt
Fotos: KNA-BILD

»»»       Zehn Bibelworte quer zum      «««
»»» "gesunden Menschenverstand" «««





 

echt info

· Infos zum Jahr der Bibel gibt es unter » www.2003dasjahrderbibel.de

· Die » Frankfurter Bibelgesellschaft informiert über das Bibelmuseum und andere Veranstaltungen

· Die » Heilige Schrift im Härtetest. Volker Rahn hat moderne Bibelausgaben miteinander verglichen.

· Geschenktipp: Das Bibel-Spiel
"Das Buch & das Leben"
Infos unter www.spieltriebgbr.de
Button: "Das Buch und das Leben" anklicken

 

Den ersten Teil dieser Serie
zum Jahr der Bibel der Bibel finden Sie
» hier im echt-Archiv

Den zweiten Teil dieser Serie
zum Jahr der Bibel der Bibel finden Sie
» hier im echt-Archiv

Den dritten Teil dieser Serie

zum Jahr der Bibel der Bibel finden Sie
» hier im echt-Archiv

 


erschienen in echt, 4. Quartal 2003
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück