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Bereits über 40.000 Menschen haben die Ausstellung "Körperwelten" seit dem 16. Januar in Frankfurt besucht. Und fast täglich führt die Schau mit den plastinierten Leichen zu neuen Kontroversen: Was die einen als gelungenen Einblick in Aufbau und Funktion des menschlichen Körpers betrachten, finden andere schlicht gruselig oder gar unmoralisch. Vorwürfe des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", Organisator Gunther von Hagens habe Hinrichtungsopfer für seine Modelle verwandt, sorgten für neuen Zündstoff. Bei einer Revision in seiner Firma im chinesischen Dailan seien 650 Leichen gefunden worden, von denen einige Schussverletzungen und aufgeschnittene Bäuche aufwiesen, hieß es. Von Hagens dementierte: Sein Institut für Plastination verwende lediglich von der Polizei angelieferte "herrenlose Leichen". Alle Mitarbeiter, die Leichen mit derartigen Verletzungen angenommen hätten, habe er entlassen. Die Beteuerungen des umstrittenen Anatoms jedoch halten viele für reine Taktik. Zugleich bleibt die spektakuläre Schau auch unter anderen Aspekten umstritten: Kirchenvertreter sehen durch die Plastinate die Würde des Menschen verletzt und auch Mediziner üben harsche Kritik. Die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) etwa erklärte, von Hagens verstoße gegen medizinethische Regeln. Wie DGP-Sprecher Manfred Stolte betonte, seien Anatomische Sammlungen "zur würdevolleren Aufklärung und eben nicht für kommerzielle, die Schaulust ansprechende Veranstaltungen". echt hat nachgefragt: |
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![]() Helmut Deckert, Lehrer und Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Landesverband Hessen www.vbe-he.de ![]() |
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| Viele Plastinate, die bei Körperwelten gezeigt werden, sind pädagogisch wertvoller als alle anderen Darstellungen des menschlichen Körpers. Sie vermitteln Schülerinnen und Schülern bessere Einsichten in den Aufbau und die Funktion des Körpers, als es in der Schule vorhandene Präparate vermögen. Zum Beispiel gibt es nirgendwo sonst eine so anschauliche Darstellung des menschlichen Blutkreislaufes. Wichtig ist selbstverständlich eine gute Vorbereitung auf die Ausstellung. Dazu bietet Körperwelten sehr gute pädagogische Begleitmaterialien, die für Lehrerinnen und Lehrer kostenlos sind. Sie haben ebenfalls die Möglichkeit, die Ausstellung vor einem Besuch mit der Klasse kostenlos anzuschauen und die Schülerinnen und Schüler so intensiv darauf vorzubereiten. Das ist ein Grund, warum der VBE mit Körperwelten kooperiert. |
Die Ausstellung verstößt gegen die Menschenwürde. Gunther von Hagens arbeitet mit Leichen, die nicht mehr als ehemalige Menschen erkennbar sind. Er tut so, als ob sie Material wären, das er gestalten kann. Er betrachtet Menschen als Sache und setzt sich selbst an die Stelle des Schöpfers, indem er aus Teilen von Menschen etwas neues kreiert. Es gibt auch sehr unterschiedliche Aussagen zu der Frage, ob die einzelnen wirklich freiwillig ihr Einverständnis dazu gegeben haben. Die Ausstellung fördert eine Tabuisierung des Todes. Sie gaukelt vor, der Tod sei etwas Schönes. Das ist er ganz oft aber nicht. Dieser Härte müssen wir uns stellen, um den Tod wirklich zu enttabuisieren. |
| Gerade Jugendliche gehen sehr viel unverkrampfter und bewusster mit der Ausstellung um, als es Erwachsene oft vermuten. Ihnen ist durchaus klar, dass die Plastinate keine Sachen sind, sondern einmal lebendige Menschen waren. Außerdem kann man sie bewusst darauf vorbereiten. Wir haben festgestellt, dass junge Menschen durch den Besuch der Ausstellung oftmals ein anders Verhältnis zu ihrem Körper gewinnen. Zum Beispiel konnte ein Kollege mit einer neunten Klasse nach dem Besuch der Ausstellung viel intensiver und ernsthafter über das Thema Schwangerschaft und Geburt reden. Bei Filmen dagegen hatten vor allem die Jungs ständig gelacht und Witze gerissen. |
Die Plastination ästhetisiert den Tod. Die meisten Besucher der Ausstellung überlegen nicht, welche Schicksale wohl hinter den Plastinaten stehen, sondern betrachten sie als Kunstwerke. Schließlich sind die Leichen in Posen inszeniert, in denen ein Mensch im Tod nie sein könnte. Pathologen dagegen gehen mit Toten viel sensibler um. Sie bemühen sich um die Möglichkeit von Trauerfeier und Bestattung, denn jeder hat das Recht, wieder zu Erde und Staub zu werden. Was jedoch aus den Leichen bei Körperwelten wird, bleibt ungewiss. Von Hagens selbst hat gesagt, die Plastinate seien für die Ewigkeit geschaffen. Wann sollen diese Körper ihre Ruhe finden, und wie können die Angehörigen trauern? |
| Die Sensationslust, mit der die Ausstellung in Zusammenhang gebracht wird, ist sehr stark von den Medien geschürt worden. Wenn ich bedenke, was sich Jugendliche jeden Tag unkontrolliert im Fernsehen ansehen, ohne dass sie darauf vorbereitet werden, kann ich die Aufregung um Körperwelten nicht nachvollziehen. Ich bin selbst evangelischer Religionslehrer und würde mir von Kirchenvertretern eher zu dieser Thematik einmal deutliche Worte wünschen. Ethische Fragen kann man nach dem Besuch der Ausstellung mit Schülerinnen und Schülern hervorragend thematisieren. Ein Mensch hat selbstverständlich das Recht, nach seinem Tod wieder zu Staub zu werden. Doch das schließt ebenso das Recht ein, sich für etwas anderes zu entscheiden. Wir halten immer das Bild eines mündigen Staatsbürgers hoch, sind dann aber entsetzt, wenn sich jemand für etwas entscheidet, das uns nicht passt. | Die Ausstellungsmacher stellen das Spektakuläre bewusst in den Vordergrund und werben dementsprechend. Damit sollen die Leute in die Ausstellung gelockt werden. Schließlich gehen die meisten Menschen nicht zum Tag der offenen Tür in der Uniklinik, um sich über Pathologie zu informieren, obwohl dies möglich wäre. Dass so viele Besucher kommen, sagt auch etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aus. Ich frage mich: Welchen Kick brauchen Menschen heutzutage? Hätten wir eine würdige Kultur des Abschiednehmens, würde Körperwelten sicher weniger Faszination ausüben. So aber kann man einer Perversion öffentlich frönen. Die Schamgrenze ist weit überschritten. Man muss sich nicht rechtfertigen, dass man in die Ausstellung geht. Was gilt eigentlich noch als Norm, wenn Menschen sich so etwas ansehen? |
| Körperwelten wirft Menschen auf Fragen zurück, die in unserer Gesellschaft sonst verdrängt werden. Mit dem Nachdenken über Tod und Sterben wird auch Gott aus unserem Weltbild verbannt. Wer pflegt heute noch Angehörige bis zu ihrem Tode? Die Körperwelten-Ausstellung indes kann auch folgendes bewusst machen: Was mich als Mensch ausmacht, ist viel mehr als das, was man plastinieren kann. | Wenn man sinnvoll Einblicke in den menschlichen Körper nehmen will, gibt es weitaus bessere Möglichkeiten, zum Beispiel gläserne Menschen in Museen. Und Medizinstudenten lernen an Leichnamen die Anatomie, um Menschen helfen zu können. Körperwelten dagegen bietet keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und stellt zudem keinerlei Zusammenhänge her. Man kann nicht erfahren, wie etwa der menschliche Kreislauf oder Nervenstränge funktionieren. Das vermitteln zahllose Biologielehrerinnen und -lehrer über andere Medien wie Bücher oder Filme tagtäglich weitaus anschaulicher. |
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Diskussionsforum zum Thema "Pro und Contra Körperwelten"
Aufgezeichnet von Jörn Dietze echt - Das Magazin für Mitglieder der EKHN |
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erschienen
in www.echt-online.de, 29. Januar 2004
Copyright by EKHN, Darmstadt |