echt Interview

"Ich habe mich immer für das Neue entschieden"

Bundesministerin Renate Schmidt leitet ein Ressort, das Generationen überspannt, das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Im Dezember feiert sie ihren 60. Geburtstag - Zeit, zurückzublicken und in die Zukunft zu schauen.

Renate Schmidt (c) picture-alliance/dpa

Renate Schmidt ist, streng genommen, Hessin, geboren in Hanau 1943, doch aufgewachsen ist sie in Franken, wo sie auch ihre politische Karriere begründete. Sie war Programmiererin und Systemanalytikerin, schließlich freigestellte Betriebsrätin bei Quelle. 1972 trat sie in die SPD ein, wurde später Mitglied des Bundestages, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages (1990 bis 94) und Landesvorsitzende der SPD (1991 bis 2000) Bayern. Seit Oktober 2002 ist sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.



Foto links: Renate Schmidt bei der Vereidigung als Bundesministerin "mit Gottes Hilfe".

Renate Schmidt hat drei Kinder, die sie zwischen 17 und 26 bekam. Nach 23-jähriger Ehe starb ihr Mann, da war sie 43. Inzwischen gibt es vier Enkelkinder. Seit 1998 ist Renate Schmidt wieder verheiratet. Am 12. Dezember feiert sie ihren 60. Geburtstag.

 

Sie hatten 1961, als Sie die Ausbildung zur Programmiererin machten, den richtigen Riecher für eine viel versprechende Branche. Was raten Sie heute jungen Leuten, zum Beispiel Ihren Enkelinnen?

Zum Glück gehen meine zwei fast erwachsenen Enkelinnen ihren eigenen Weg, die beiden jüngeren sind noch zu klein. Bei mir war es Zufall, dass ich Systemanalytikerin geworden bin. Damals war Datenverarbeitung noch kein hoch spezialisierter Beruf, sondern Learning by Doing. Dass sie sich als Zukunftsbranche entpuppt hat, war ein Glückstreffer. Jungen Leuten heute würde ich raten, sich an ihren Interessen, Verdienstmöglichkeiten und den passenden Arbeitsbedingungen zu orientieren, so wie wir das auch getan haben. Ich hatte übrigens doppelt Glück, denn nicht nur der Beruf, sondern auch meine Arbeitsbedingungen stimmten. Als junge Mutter von drei Kindern konnte ich auf einen Betriebskindergarten und relativ flexible Arbeitszeiten zurückgreifen - ein Segen. Leider erkennen heute noch zu wenige Firmen, dass sich familienfreundliche Maßnahmen für das Unternehmen lohnen. Eine Studie der Prognos AG in meinem Auftrag hat ergeben, dass sich solche Maßnahmen rein betriebswirtschaftlich rechnen.

Welches Rüstzeug braucht die junge Generation,
um beruflich Fuß zu fassen ?

Bildung und Ausbildung ist heute wichtiger denn je. Mit großer Sorge betrachte ich die Ausbildungsplatzlücke, die zwischen Nachfrage nach einer beruflichen Ausbildung und dem Angebot durch die Wirtschaft klafft. Wir müssen alle Anstrengungen darauf verwenden, jungen Leuten eine berufliche Erstausbildung zu ermöglichen. Sonst haben sie es schwer, in unserer spezialisierten Arbeitswelt Fuß zu fassen.

Was sagen Sie einem jungen Paar, das zaudert,
eine Familie zu gründen?

Ich würde ihnen sagen: Zaudert nicht. Kinder sind das Schönste, was man im Leben geschenkt bekommt. Ohne Einschränkung.

Sie haben schon in den 60er Jahren Mann und Kinder ernährt. Kriegen Sie schlechte Laune, wenn Haus- und Teilzeitmänner noch immer als Pioniere bestaunt werden?

Ich freue mich, wenn ich über Männer lese, die ihre Familie in den Mittelpunkt rücken. Junge Väter brauchen schließlich Vorbilder. Mein Mann wurde auch nicht als Hausmann geboren. Wir waren beide ziemlich herkömmlich in unseren Ansichten. Er ist in den 70er Jahren aber bei den Kindern geblieben, weil ich mehr verdiente als er. So entscheiden Paare heute noch. Mütter müssen auch loslassen können, toleranter sein und Väter auch mal machen lassen, wenn wir Familienpflichten teilen wollen. Umgekehrt gilt es für Väter, den heute stärker vorhandenen Wunsch nach Zeit mit den Kindern auch um- und durchzusetzen gegen die Vorurteile von Vorgesetzten, Nachbarn und der eigenen Familie.

Betrachten Sie Ihren Werdegang eher als ein Ergreifen von Gelegenheiten oder als Verfolgen von Zielen?

Wann immer ich vor einer Entscheidung stand, etwas Neues zu wagen oder bei dem Alten zu bleiben, habe ich mich für das Neue entschieden. Ich habe Ziele im Politischen, aber nicht beim Erreichen einer bestimmten Position. Ich ergreife Gelegenheiten, wenn sie sich bieten.

Was waren Ihre Motive, 1993 wieder in die
evangelische Kirche einzutreten?

Die Kirche hatte sich seit meinem Austritt gewandelt, sie ist moderner, offener, weltzugewandter geworden. Zu meiner Schul- und Konfirmandinnen-Zeit hatte mir mein Pfarrer immer nur von einem Gott erzählt, der Regeln aufstellt und straft. Mit diesem Gott konnte ich schon als 13-Jährige nichts anfangen. Es gab später vieles, was mir an der Kirche nicht gefallen hat. Der Pfarrer an meiner Schule hat beispielsweise nicht zu mir gestanden, als ich als 17-Jährige ein Kind erwartete und deswegen von der Schule verwiesen wurde. Schließlich bin ich ausgetreten, habe aber nie den Glauben an Gott verloren. Den letzten "Kick" für den Wiedereintritt hat mir ein Artikel gegeben, in dem über steigende Kirchenaustritte berichtet wurde. Ich wollte ein Zeichen dagegen setzen.

Was erwarten und erhoffen Sie von Ihrer Kirche?

Ich erwarte von der Kirche, dass sie Glauben modern präsentiert. Christ sein ist für mich immer noch hochaktuell. Außerdem möchte ich, dass sich Kirche auch künftig einmischt in weltliche Fragen - selbst wenn das für manche unbequem sein mag.

Wenn Sie Bischöfin in der evangelischen Kirche wären - auf welche Aufgaben würden Sie sich in Zeiten knapper Kassen konzentrieren?

Das kann ich für die Kirche nicht beantworten. Mein Amt ist das der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Als die weiß ich, welch wichtigen Beitrag die Kirchen in der sozialen Arbeit leisten - von Kinderbetreuung angefangen über die Jugendarbeit bis hin zur Altenbetreuung. Hier wären Einschnitte schmerzlich.

Ihr Leben ohne Kunst - was würde Ihnen fehlen?

Kunst - dazu gehören Literatur, Musik, Architektur und Malerei - ist das, was uns erst zu zivilisierten Menschen macht. Kunst bringt die Farbe in unser Leben, ist der Ausdruck unseres Seins. Ein Leben ohne Kunst ist für mich schlicht nicht vorstellbar.Renate Schmidt (c) picture-alliance/dpa

Wie und wo sehen Sie sich mit 70? Mit 80?

Mit 70 und 80 Jahren genieße ich die Zeit mit meinem Mann und meiner immer größer werdenden Familie. Ich werde mich ehrenamtlich engagieren und habe viele Pläne. Viele werde ich umsetzen können, denn ich will mindestens 98 Jahre alt werden.

Würde Ihnen eine bundesweite Plakat-Aktion geschenkt: Welche Botschaft würden Sie vermitteln wollen?

Das Zauberwort für ein glückliches Familienleben heißt Zeit.

Interview: Marie Lampert


erschienen in echt, 4. Quartal 2003
Copyright by EKHN, Darmstadt
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