Ein Berufsleben - schön wär's
Eigentlich wollte ich nach dem Realschulabschluss was mit Metallbau
lernen. Aber es gab weit und breit keine Lehrstelle. Vielen aus meiner
Klasse ging es ähnlich, viele hängen heute noch zu Hause
rum und haben bis jetzt nichts lernen können. Ich bin immer wieder
zum Arbeitsamt nach Havelberg gefahren und hab' nach Möglichkeiten
gefragt, auch meine Eltern haben mir bei der Suche geholfen. Dann
vermittelte mir das Arbeitsamt einen Platz in einem Chemnitzer Berufsbildungswerk.
Dort konnten wir uns zunächst auf verschiedenen Gebieten ausprobieren,
bevor wir uns festlegten. Das war gut so, denn viel interessanter
als Metallbau fand ich Fachinformatik. Das hab' ich dann drei Jahre
gelernt. Zu dem Zeitpunkt boomte ja die Branche. Schon ein halbes
Jahr vor Abschluss der Lehrzeit hab' ich das Internet nach
geeigneten Firmen durchsucht und angefangen, mich zu bewerben - bei
großen, mittleren, kleinen Betrieben, in und um Hamburg, Berlin,
Chemnitz, per Jobsuchmaschine online mit angehängtem Lebenslauf
und digitalem Foto, schriftlich mit Bewerbungsmappe. Vierzig Bewerbungen?
Fünfzig? Irgendwann hab' ich aufgehört zu zählen. Meistens
kam nicht mal was zurück. Und wenn eine Antwort kam, dann war
es eine Absage: Meine Qualifikation passe nicht ins Team - Fachinformatik
ist nun mal ein breites Feld. Meine Kenntnisse reichten nicht aus.
Keine freie Stelle.
Ich will
zeigen, was ich kann
Lange Zeit war ich voll motiviert. Dann glomm da immer noch ein
Funke Hoffnung. Aber im Winter, als gar nichts mehr zurückkam,
war ich unglaublich deprimiert. Ich will doch arbeiten, finanziell
unabhängig sein von meinen Eltern und von der Gesellschaft,
ich will weiter lernen und zeigen, was ich kann. Man fühlt
sich so abgelehnt, so ausgestoßen, so allein gelassen. Zu
Hause hocken kotzt mich einfach an. Hier in Sachsen-Anhalt ist jeder
Vierte arbeitslos. Die sitzen rum und hoffen. Jetzt hab ich in einem
Berliner Betrieb eine Weiterbildungsmöglichkeit zum Datenbankentwickler
bekommen. Das Arbeitsamt finanziert das. Meine Eltern überlegen,
ob sie mir ein Zimmer in Berlin bezahlen können, damit ich
nicht täglich vier Stunden mit Zug und Bus unterwegs sein muss.
Die Ausbildung dauert zwölf Monate. Sie ist in einzelne Module
aufgeteilt, ich kann mir also aussuchen, welche für mich sinnvoll
sind. Ich baue ganz fest darauf, dass ich nach diesem Jahr bessere
Chancen habe. So ein Abschluss sieht doch auch im Bewerbungsschreiben
gut aus. Jetzt fühle ich mich wie damals, als ich meine Lehre
angefangen habe: Da war ich so stolz, zu den wenigen zu gehören,
die eine Lehrstelle bekommen hatten. Da hatte ich noch eine Perspektive.
Protokoll: Brigitte
Biermann

Sebastian Trux,
20 Jahre,
Nitzow bei Havelberg
Foto: Wolfgang Masur
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Ein Berufsleben - schön war's
Mit 14 war ich mit der Volksschule fertig. Meine Mutter sagte: "Kind,
du malst doch so gerne und zeichnest, du könntest Stoffdruck
lernen." Mein späterer Chef sagte: "Ja, wir haben
Ausbildungsplätze, ich zeig' ihnen das mal." Da sind wir
dann zu dritt durch die Firma gezogen und ich sagte: "Sehr
schön." Ich war eigentlich ein bisschen schockiert von
dem Gestank und dem Lärm.

Ständig
neue Muster
Ich hab' meine Lehre dort gemacht, Drucker und Farbmacher, und bin
dann dort geblieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich
einen anderen Beruf hätte haben können. Die Liebe zum
Textilen wurde im
Lauf der Jahre immer stärker. Ich bin in der Schablonenwerkstatt
gewesen - wir hatten ein Lager von etwa 10.000 Schablonen. Dann
war ich in der Zeichnerei. Wir haben ständig neue Muster gesehen,
neue Zeichnungen. Ich hab' schon ganz früh Stoffe bedruckt
mit Zeichnungen von Janosch. Wir haben auch noch mit Modeln gedruckt.
Das ist was extrem Teueres. Der Stoff wurde auf dem Tisch aufgeklebt,
damit er sich nicht verziehen konnte, wenn die nasse Farbe drauf
gedruckt wurde, und die Model hatte vier so Nägel, das sind
die Picos, und dann wurde die Model ganz vorsichtig in Farbe eingesetzt,
ausgesetzt und zweimal draufgeschlagen. Und alle anderen Modeln
mussten da rein passen. Dann stimmte das Muster. Der blanke Horror,
wenn man mit 50 Modeln auf diesem Stoff rumkajolt hatte, dann hat
man irgendwann den Überblick verloren. Dann musste man sich
frei machen, wir haben 'ne Zigarette geraucht, ein Bier getrunken
und weitergemacht. Das war die schönste Handarbeit, die ich
je gemacht habe. An so einem Stück - 30 Meter - haben wir drei,
vier Wochen gedruckt. Museen haben so was geordert, die brauchten
Originalbezüge für Wandbespannungen oder für Sessel.
Das war
also der ursprüngliche Textildruck, dann kamen die Schablonen
in den 50er Jahren, und dann kamen Druckwagen, erst manuell, später
elektrisch, wo die Schablonen fest verspannt waren, und dann kamen
Rundschablonen, und dann kamen die Druckmaschinen.
Dem Handdruck
wein' ich nach
1997 war hier Schluss mit Drucken. Da ich Betriebsrat war, war ich
unkündbar, ich konnte bei der Firma bleiben und verkaufe heute
Reststoffe. Ich bin bald 50 Jahre in der Firma. Jetzt mach' ich
mir schon langsam Gedanken um meine Pensionierung, ich hab nur noch
vier Jahre. Es ist ein saukomisches Gefühl, wenn ich mir vorstelle,
mal nicht mehr arbeiten gehen zu dürfen.
Dem Handdruck
wein' ich heute noch nach. Wir hatten uns hier eine Qualität
erarbeitet und ein Know-how, das war Wahnsinn, wir waren alles Spezialisten.
Manche Maschinen, die waren ja mimosenhaft. Wenn man die schon schief
angeguckt hat, dann streikten die. Und dann wurde mal hier geklopft
und dann da und dann liefen die wieder. Das musste man natürlich
wissen. Wenn ich heute nochmal drucken dürfte - ich wär
sofort dabei.
Protokoll:
Marie Lampert

Hermann Czibulinski,
60 Jahre,
Oberursel im Taunus
Foto: Daniel
Kilian
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