echt Leben

Einer steht am Anfang, der andere am Ende. Zwischen den Jahrgängen 1942 und 1983 liegen nicht nur vier Jahrzehnte, sondern Welten. Hier ein erfülltes Arbeitsleben, Enttäuschung inbegriffen. Dort das Prinzip Hoffnung - schon so lange. Arbeiten zu dürfen ist Thema bei beiden, Betonung auf dürfen.

Innenansichten jung,
Innenansichten alt.

Ein Berufsleben - schön wär's

Eigentlich wollte ich nach dem Realschulabschluss was mit Metallbau lernen. Aber es gab weit und breit keine Lehrstelle. Vielen aus meiner Klasse ging es ähnlich, viele hängen heute noch zu Hause rum und haben bis jetzt nichts lernen können. Ich bin immer wieder zum Arbeitsamt nach Havelberg gefahren und hab' nach Möglichkeiten gefragt, auch meine Eltern haben mir bei der Suche geholfen. Dann vermittelte mir das Arbeitsamt einen Platz in einem Chemnitzer Berufsbildungswerk. Dort konnten wir uns zunächst auf verschiedenen Gebieten ausprobieren, bevor wir uns festlegten. Das war gut so, denn viel interessanter als Metallbau fand ich Fachinformatik. Das hab' ich dann drei Jahre gelernt. Zu dem Zeitpunkt boomte ja die Branche. Schon ein halbes Jahr vor Abschluss der Lehrzeit hab' ich das Internet nach geeigneten Firmen durchsucht und angefangen, mich zu bewerben - bei großen, mittleren, kleinen Betrieben, in und um Hamburg, Berlin, Chemnitz, per Jobsuchmaschine online mit angehängtem Lebenslauf und digitalem Foto, schriftlich mit Bewerbungsmappe. Vierzig Bewerbungen? Fünfzig? Irgendwann hab' ich aufgehört zu zählen. Meistens kam nicht mal was zurück. Und wenn eine Antwort kam, dann war es eine Absage: Meine Qualifikation passe nicht ins Team - Fachinformatik ist nun mal ein breites Feld. Meine Kenntnisse reichten nicht aus. Keine freie Stelle.

Ich will zeigen, was ich kann
Lange Zeit war ich voll motiviert. Dann glomm da immer noch ein Funke Hoffnung. Aber im Winter, als gar nichts mehr zurückkam, war ich unglaublich deprimiert. Ich will doch arbeiten, finanziell unabhängig sein von meinen Eltern und von der Gesellschaft, ich will weiter lernen und zeigen, was ich kann. Man fühlt sich so abgelehnt, so ausgestoßen, so allein gelassen. Zu Hause hocken kotzt mich einfach an. Hier in Sachsen-Anhalt ist jeder Vierte arbeitslos. Die sitzen rum und hoffen. Jetzt hab ich in einem Berliner Betrieb eine Weiterbildungsmöglichkeit zum Datenbankentwickler bekommen. Das Arbeitsamt finanziert das. Meine Eltern überlegen, ob sie mir ein Zimmer in Berlin bezahlen können, damit ich nicht täglich vier Stunden mit Zug und Bus unterwegs sein muss. Die Ausbildung dauert zwölf Monate. Sie ist in einzelne Module aufgeteilt, ich kann mir also aussuchen, welche für mich sinnvoll sind. Ich baue ganz fest darauf, dass ich nach diesem Jahr bessere Chancen habe. So ein Abschluss sieht doch auch im Bewerbungsschreiben gut aus. Jetzt fühle ich mich wie damals, als ich meine Lehre angefangen habe: Da war ich so stolz, zu den wenigen zu gehören, die eine Lehrstelle bekommen hatten. Da hatte ich noch eine Perspektive.

Protokoll: Brigitte Biermann

Sebastian Trux,
20 Jahre,
Nitzow bei Havelberg



Foto: Wolfgang Masur


Ein Berufsleben - schön war's


Mit 14 war ich mit der Volksschule fertig. Meine Mutter sagte: "Kind, du malst doch so gerne und zeichnest, du könntest Stoffdruck lernen." Mein späterer Chef sagte: "Ja, wir haben Ausbildungsplätze, ich zeig' ihnen das mal." Da sind wir dann zu dritt durch die Firma gezogen und ich sagte: "Sehr schön." Ich war eigentlich ein bisschen schockiert von dem Gestank und dem Lärm.

Ständig neue Muster
Ich hab' meine Lehre dort gemacht, Drucker und Farbmacher, und bin dann dort geblieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich einen anderen Beruf hätte haben können. Die Liebe zum Textilen wurde im
Lauf der Jahre immer stärker. Ich bin in der Schablonenwerkstatt gewesen - wir hatten ein Lager von etwa 10.000 Schablonen. Dann war ich in der Zeichnerei. Wir haben ständig neue Muster gesehen, neue Zeichnungen. Ich hab' schon ganz früh Stoffe bedruckt mit Zeichnungen von Janosch. Wir haben auch noch mit Modeln gedruckt. Das ist was extrem Teueres. Der Stoff wurde auf dem Tisch aufgeklebt, damit er sich nicht verziehen konnte, wenn die nasse Farbe drauf gedruckt wurde, und die Model hatte vier so Nägel, das sind die Picos, und dann wurde die Model ganz vorsichtig in Farbe eingesetzt, ausgesetzt und zweimal draufgeschlagen. Und alle anderen Modeln mussten da rein passen. Dann stimmte das Muster. Der blanke Horror, wenn man mit 50 Modeln auf diesem Stoff rumkajolt hatte, dann hat man irgendwann den Überblick verloren. Dann musste man sich frei machen, wir haben 'ne Zigarette geraucht, ein Bier getrunken und weitergemacht. Das war die schönste Handarbeit, die ich je gemacht habe. An so einem Stück - 30 Meter - haben wir drei, vier Wochen gedruckt. Museen haben so was geordert, die brauchten Originalbezüge für Wandbespannungen oder für Sessel.

Das war also der ursprüngliche Textildruck, dann kamen die Schablonen in den 50er Jahren, und dann kamen Druckwagen, erst manuell, später elektrisch, wo die Schablonen fest verspannt waren, und dann kamen Rundschablonen, und dann kamen die Druckmaschinen.

Dem Handdruck wein' ich nach
1997 war hier Schluss mit Drucken. Da ich Betriebsrat war, war ich unkündbar, ich konnte bei der Firma bleiben und verkaufe heute Reststoffe. Ich bin bald 50 Jahre in der Firma. Jetzt mach' ich mir schon langsam Gedanken um meine Pensionierung, ich hab nur noch vier Jahre. Es ist ein saukomisches Gefühl, wenn ich mir vorstelle, mal nicht mehr arbeiten gehen zu dürfen.

Dem Handdruck wein' ich heute noch nach. Wir hatten uns hier eine Qualität erarbeitet und ein Know-how, das war Wahnsinn, wir waren alles Spezialisten. Manche Maschinen, die waren ja mimosenhaft. Wenn man die schon schief angeguckt hat, dann streikten die. Und dann wurde mal hier geklopft und dann da und dann liefen die wieder. Das musste man natürlich wissen. Wenn ich heute nochmal drucken dürfte - ich wär sofort dabei.

Protokoll: Marie Lampert

Hermann Czibulinski,
60 Jahre,
Oberursel im Taunus



Foto: Daniel Kilian


erschienen in echt, 4. Quartal 2003
Copyright by EKHN, Darmstadt
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