echt Weihnachten

Innerer Ausnahmezustand

Weihnachten hinter Gittern

Mit der Familie essen, Geschenke auspacken - und dann nichts wie ab in die Disco." Der Heilige Abend hatte für David* einen klaren Ablauf. Seit letztem Jahr ist alles anders. Der 18-Jährige sitzt im Gefängnis - in der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche im oberhessischen Rockenberg.

Weihnachten hinter Gittern / Foto: CorbisMit den Gefühlen alleine
"Die Weihnachtsgeschichte kannte ich zwar nicht, aber ich wollte an diesem Tag auf keinen Fall alleine sein", sagt der junge Mann, der letztes Jahr nach einigem Zögern Pfarrer Uwe Wießner zusagte, den Heiligabendgottesdienst im Knast mitzugestalten. "Gott ist schließlich zu denen gekommen, die ganz unten sind", betont der Gefängnisseelsorger, für den Weihnachten hinter Gittern dadurch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt. Dass Menschen "von draußen" den Festgottesdienst gemeinsam mit Gefangenen feiern, hat in Rockenberg Tradition. "Die Dorfbewohner leben selbstverständlich mit dem Knast", erläutert Wießner und ergänzt: "Früher haben Gefangene den Bauern auf dem Feld geholfen, bis vor wenigen Jahren hatte ein Bäcker fast immer einen Freigänger als Lehrling."

Auch Birgit Reich wechselte an Heiligabend mit ihrer ganzen Familie für eine Stunde auf die andere Seite der Mauer. "Das hat das gesamte Fest beeinflusst", sagt die 44-jährige Erzieherin. "Was die im Knast wohl jetzt machen - ob die auch feiern?", hatte sich ihr 11-jähriger Sohn Johannes nach dem Besuch immer wieder gefragt. "Auf der Zelle, wenn andere um den Weihnachtsbaum sitzen", versucht der 17-jährige Peter [Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.]* eine Antwort, "ist es am schlimmsten. Da gibt es keine Ablenkung mehr. Man ist mit seinen Gefühlen alleine." "Das ist der Moment im Jahr, an dem man am meisten über die Tat, seine Schuld und die Zukunft nachdenkt", pflichtet David bei.

Die Kinder im Gottesdienst beäugen die Gefangenen besonders aufmerksam, manche streicheln den Kleinen zaghaft über den Kopf. "Sie erinnern die Jugendlichen an ihre eigenen Geschwister", weiß Wießner, der die plötzliche Familienbegeisterung jedoch realistisch sieht: "Was man im Gefängnis nicht mehr hat, wird idealisiert."

Irgendwie skurril
Im Gottesdienst, den Wießner und sein katholischer Kollege immer mit einer Gruppe Gefangener vorbereiten, ist es unruhig, hier und da gibt es Zwischenrufe, insgesamt herrscht eine knisternde Atmosphäre. Die beiden Pfarrer sind stets auf Unvorhergesehenes gefasst, müssen improvisieren, wenn sich etwa ein Jugendlicher vor Lampenfieber oder Scham nicht mehr imstande sieht, seinen Text vorzulesen. Das Ambiente des ehemaligen Klosters, in dem die Haftanstalt seit 1811 untergebracht ist, tut ein Übriges. "Alles wirkt irgendwie skurril, es passt scheinbar nicht zusammen", beschreibt Wießner die Spannung. Schließlich sitzen 90 Jungs unterschiedlicher Nationen in Trainingsanzügen in einer feierlich geschmückten Rokokokirche. Gefühle fahren Achterbahn und manch kindlich glänzende Augen, die eben noch den reich geschmückten Weihnachtsbaum bewundert haben, füllen sich im nächsten Moment mit Tränen. Ein Entkommen in Kneipe oder Disco ist unmöglich. Es herrscht ein "innerer Ausnahmezustand", den der Seelsorger im Gottesdienst thematisieren und auffangen möchte.

Gefahr für die Krippe
"Genau betrachtet sind wir hier näher an der ursprünglichen Bedeutung von Weihnachten als anderswo", sinniert Wießner. Die Geschichte von Jesu Geburt lesen die Gefangenen in verschiedenen Sprachen. "Obwohl man nur zu gerne die Idylle zeigt, spielt die Weihnachtsgeschichte keineswegs in einer heilen Welt - es gab viel Dunkelheit, Unsicherheit und Gefahr für die Krippe", zieht der Pfarrer Parallelen zur Situation der Gefangenen. Er möchte, dass die Gottesdienste letztendlich als Kraftquelle wirken, die Zeit im Gefängnis zu überstehen und danach einen neuen Versuch für ein anderes Leben zu starten. "Ich frage mich seitdem, ob Weihnachten mit seiner Hoffnungsbotschaft nicht gerade an solche Orte gehört", bemerkt Birgit Reich, die in diesem Jahr auf jeden Fall wiederkommen möchte. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwiegermutter. "Für sie", sagt die Frau, "war das hier kein richtiges Weihnachten."

Jörn Dietze


erschienen in echt, 4. Quartal 2003
Copyright by EKHN, Darmstadt
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