echt Interview

Die Kraft aus der Fantasie

Der auf Mallorca lebende Musiker Peter Maffay gehört zu den erfolgreichsten deutschen Rockstars aller Zeiten. Mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet, erweitert er 1983 das Spektrum seines Schaffens mit dem Rockmärchen "Tabaluga". Und beginnt sich für Kinder zu engagieren.



Herr Maffay, was war für Sie der Anlass, sich für Kinder zu engagieren?

Der Startschuss fiel Anfang der 80er-Jahre, als ich mit Tabaluga begann, einen Erzählstoff für Kinder zu vertonen. Das war der Einstieg in eine Welt, die ich vorher nicht gekannt habe. Niemand hat damals vermutet, dass eine Entwicklung beginnen würde, die irgendwann mein Leben so bestimmt.

 

Und wie kam die Idee zu Tabaluga?

Meine damalige Frau war Lehrerin und hat mir oft erzählt, welche Rolle Werte in der Schule spielen. Wir haben gemerkt, dass vieles in der Gesellschaft verrohte und auch das Fernsehen Gewalt immer mehr verherrlichte. Die Fantasie ging immer mehr verloren. Das wollten wir mit einer kleinen Arbeit ins rechte Licht rücken.

Daraus ist etwas Großes geworden. Was ist heute Ihre Rolle dabei?

Als einfacher Musiker bin ich immer auf die Kompetenz von Fachleuten angewiesen. Umgekehrt kann ein Lehrer, der nicht selbst Musik macht, etwas von meiner Emotionalität mitnehmen.









echt Tipp
Peter Maffay "Tabaluga und das verschenkte Glück" live - mit Rufus Beck, Heinz Hönig, Sissi Perlinger u.v.a.: In der Festhalle Frankfurt vom 31. Oktober bis 3. November je zwei Konzerte pro Tag, in Köln (Kölnarena) vom 24. bis 26. Oktober. Tickets: 01805/570000 (12 Cent/Min).

 








Was bedeutet denn ein Rock-'n'-Roll-Leben?

Es ist der Versuch, möglichst frei von Konventionen zu leben, bedeutet Anti-Haltung und Auflehnung. Und das ist mit jedem gelingenden Schritt gefährdet. Möglicherweise stirbt der Rock'n'Roll irgendwann in einem. Das heißt aber nicht, dass man als kreativer Künstler aufhört zu existieren. Die Formen und die Prioritäten mögen sich ändern, der Kern nicht so schnell.

Ältere Musiker werden ja bisweilen als Rock-Opis belächelt …

Ich glaube, viele Leute sagen so etwas, weil sie selbst ihre müden Knochen nicht mehr bewegen wollen. Obwohl sie es von ihrer Gesundheit her könnten, sind sie nicht ehrgeizig und arbeiten nicht an sich. Da spielt sehr viel Neid und eigenes Versagen eine Rolle.

Wie möchten Sie im Alter gerne leben?

Ich träume von Würde und hoffe, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe. Es muss attraktive Alternativen geben zu dem, was ich irgendwann nicht mehr kann. Die sollten mich genauso ausfüllen.

Sie werden demnächst Vater. Was möchten Sie ihrem Kind mit auf den Lebensweg geben?

Ein Gleichgewicht, das aus Zufriedenheit hervorgeht. Das Gefühl, mit Situationen klarzukommen und Konflikte mit Zuversicht und Energie zu überstehen. Und am Ende seiner Zeit ist es ja für jeden schön, wenn man zurückschaut und nicht nur verbrannte Erde sieht, sondern auch das eine oder andere Pflänzchen, das gedeiht.

Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?

Ich habe die Stehaufmännchen-Mentalität. Die Tatsache, dass ich zwei Schritte machen muss, wenn ein Zweimeter-Mann einen macht, hab ich irgendwann auf mein ganzes Leben übertragen. Das ist wie bei einer Schildkröte, die langsam auf das Wasser zugeht, weil sie es nie aus dem Kopf verliert. Sie will es erreichen, koste es, was es wolle.

Ein Song von Ihnen heißt "Lieber Gott". Glauben Sie?

Absolut. Das ist die Kraft, aus der alles resultiert. Obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ist bei mir irgendwann die Gewissheit entstanden, dass es eine Institution gibt, an der ich mich ausrichten kann, wenn alles andere versagt. Und das ist eine Kraft, die durch nichts zu ersetzen ist.

Das Gespräch mit Peter Maffay führten
J. Rainer Didszuweit und Jörn Dietze





Können Erwachsene auch von Kindern lernen?

Wenn uns jemand gefragt hat, für wen wir Tabaluga machen, haben wir immer gesagt: für Kinder und solche, die es geblieben sind. Nicht ahnend, dass Kästner* noch einen viel schöneren Satz gesagt hat, nämlich: "Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch." Darin liegt die Quintessenz: Die Kraft, die man aus der Fantasie schöpft, ist durch nichts zu ersetzen.

(* Erich Kästner)

Als Herbert Grönemeyer "Kinder an die Macht" sang, warfen ihm viele Kritiker Naivität vor …

Ich wundere mich immer, wie viele intelligente Menschen es gibt, die sich mit der linken Hand am rechten Ohr kratzen. Ist es nicht schade, dass unsere Gesellschaft geschlagen ist mit einer solchen Seriosität? Was Herbert gesagt hat, ist, dass Unverbogenheit an die Macht gehört. Die großen Lügner gibt es zuhauf. Aber diejenigen, die ihre Meinung unverblümt sagen, das sind die Kinder. Auch, wenn sie fachlich nicht in der Lage sind, das Bruttosozialprodukt zu steigern, (lacht).

Sie haben sich stets politisch engagiert. Nutzen Künstler heute zu wenig ihren Einfluss?


Die Gesellschaft wiegt sich allgemein in einer trügerischen Sicherheit. Es kracht zwar, aber in einer Dimension, die nicht alles in Frage stellt. Die Toten in New York rütteln die Weltöffentlichkeit nicht so wach, wie Hiroshima das getan hat. Andere Aspekte stehen im Vordergrund, wie wirtschaftlicher Erfolg oder Luxus. Und plötzlich spielen Nebensächlichkeiten eine Hauptrolle. Künstler können diese Umstände durch Impulse ändern.

Was sind denn für Sie Hauptsächlichkeiten? Hat sich da mit zunehmendem Alter etwas verschoben?

Zur Lust, Musik zu machen, sind noch andere Lüste hinzugekommen. Jeden Morgen bin ich um sechs Uhr auf den Beinen, fahre 15 Kilometer mit dem Fahrrad ins Dorf und nehme dort meinen Kaffee. Das würde ich so in Deutschland nie machen. Ich könnte mich dort auch nicht so anziehen, ohne Aufsehen zu erregen. Die Einheimischen hier interessiert nicht, was ich bin, sondern wie ich bin.

Sie singen viel von Freiheit. Was bedeutet das für Sie?

Die Freiheit ist heute eine andere. Früher habe ich das Auto bepackt, bin für zwei Monate in die Sahara gefahren und habe gedacht: "Wow!" Jetzt gehe ich hinter dem Haus in den Berg rein und das ist nicht minder "Wow!" Das Abenteuer liegt für mich jetzt vor der Haustür.

Obwohl Sie sich auch musikalisch entwickelt haben, werden Sie oft vorwiegend mit alten Hits identifiziert …

Das ist ein bisschen frustrierend. Es häuft sich, wenn man lange nicht mehr live gespielt hat und gezeigt hat, wo man gerade steht. Ich glaube aber nicht, dass mich mit dem Abspielen von "So bist du" noch jemand festlegen kann auf das, was ich damals war. Seitdem sind, Gott sei Dank!, ein paar Furchen mehr ins Gesicht gekommen.

Manche Klischees halten sich aber sehr lange …

Das ist ein typisch deutsches Phänomen, weil wir dem Wort Ordnung so verhaftet sind. Die Leichtigkeit geht uns ab. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. In Deutschland lernt man sich nicht wirklich kennen, weil man sich nicht füreinander interessiert. Feste Bilder zu haben, ist einfacher.

Sie sind jetzt 54. Hat Rockmusik nicht vor allem mit Jugendkultur zu tun?

Ich glaube schon, dass Rockmusik ein bevorzugtes Sprachrohr der Jugend ist. Das schließt aber nicht aus, dass es auch Ältere gibt, die nicht zum Establishment gehören. Entscheidend ist, ob man den Leuten wirklich noch etwas zu sagen hat.

Das Publikum fordert ja oft Glaubwürdigkeit ein …

Sicher! Es geht nicht, Millionen für sich selbst zu häufen und über Armut zu predigen. Wer Geld häuft, muss es auch entsprechend einsetzen. Wenn nicht, wird aus einem Rock'n'Roller ein veritabler Geschäftsmann.

echt info



Bereits in den 90er Jahren unterstützte Peter Maffay mit einem gemeinnützigen Verein zwei TabalugaHäuser in Tutzing und Peißenberg. In beiden Häusern werden traumatisierte Kinder aus problematischen Familien therapiert. Mit einer eigenen Stiftung ermöglicht er seit Juni diesen Jahres ein Kinderferienhaus in Pollença auf Mallorca. Hier finden schwer erkrankte und einsame Kinder aus ganz Europa Hilfe und Erholung. Zudem hat der Künstler Patenschaften für Projekte in Osteuropa übernommen.

Kontakt: Peter Maffay Stiftung, Klenzestraße 1, 82327 Tutzing. Spendenkonto der Stiftung:
Raiffeisenbank München, Kto.: 800 104, Blz.: 701 603 00.

Linktipps:

www.tabaluga.com

www.petermaffay.de

 


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