Herkunft achten 
 Zukunft gewinnen

In einem strengen Winter wird ein Nomadenvolk im Norden Alaskas von einer Hungersnot heimgesucht. Als man weiterzieht, beschließt der Häuptling - wie es das Stammesgesetz vorsieht - zwei alte Frauen zurückzulassen, da sie unnütze Esserinnen sind. Die beiden werden sich selbst überlassen, der Kälte ausgeliefert …

So beginnt ein bewegender Roman von Velma Wallis. Sich in Notzeiten von den Alten zu trennen, das hat es früher wirklich und auch andernorts gegeben, gerade bei Nomadenvölkern. Die grausige Maßnahme entlastete die Jüngeren und sicherte ihnen die Zukunft. Zugleich aber gefror der Blick aufs eigene Alter zur Panikperspektive: Wann werden meine Kinder mich als so lästig empfinden, dass sie mich aussetzen?

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren …
Das vierte der Zehn Gebote regelt das Verhältnis der Generationen, zumindest in der einen Richtung. Es sichert den Alten auch dann ein Überleben, wenn sie nichts mehr zum Ein- und Auskommen beitragen können. Dieses Gebot ist eine frühe Form dessen, was in unserer Sprache "Generationenvertrag" genannt wird.

Die im vierten Gebot geforderte Verantwortung erfährt heutzutage eine dramatische Aktualisierung: Die Zahl der Alten nimmt stetig zu, die Rentenkosten wachsen entsprechend und die Belastung für die nächsten Generationen erreicht eine kritische Marke. Das ist die wirtschaftliche Seite. Daneben steht die Frage, wie beispielsweise die 60-jährige Tochter mit ihrem über 80-jährigen Vater umgeht. Nimmt sie ihn zu sich nach Hause oder bringt sie ihn im Heim unter? Wie viel Kraft hat sie eigentlich? Schließlich ist sie selbst nicht mehr die Jüngste.

Das vierte Gebot nimmt ihr die Entscheidung nicht ab. Es sagt nur: Vergiss nicht den Zusammenhang der Generationen. Vor dir waren deine Eltern, so wie nach dir Jüngere kommen, selbst wenn du keine eigenen Kinder hast. Und wenn du für den Vater einen Heimplatz suchst, dann tue das, weil das die beste Lösung für ihn ist. Oder: Entscheide dich genau aus diesem Grund dafür, ihn zu dir zu nehmen.

… auf das du lange leben wirst
Und wozu sollen Mutter und Vater geehrt werden? Wer sich alle zehn Gebote vor Augen führt, stellt fest, dass allein das "Elterngebot" mit einem Versprechen verbunden ist. Zumindest in der Fassung der jüdischen Tradition (2. Mose 20,12) und im Heidelberger Katechismus heißt es: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange leben wirst in dem Land, das dir Gott gibt."

echt Buchtipps:

Literaturtipp zu den Geboten:
Hermann Deuser
"Die Zehn Gebote - Kleine Einführung
in die theologische Ethik",
Stuttgart 2002, 4,60 €

Der eingangs genannte Roman von Velma Wallis heißt:
"Zwei alte Frauen - Eine Legende von Verrat und Tapferkeit",
München 1997, 9,90 €

Das ist überraschend. Die Menschen sind doch immer davon ausgegangen, dass die Kinder die Zukunft sind. Und hier wird meine Zukunft damit verknüpft, dass ich die Eltern ehre und so meine Herkunft achte. Wer sich als ein Glied in der Generationenkette sieht, gewinnt die Zukunft gerade dadurch, dass er seine Herkunft achtet.

Helwig Wegner






Der Frankfurter Pfarrer Helwig Wegner leitet das MEDIENHAUS der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Er ist Autor von Radiosendungen und spricht das "Wort zum Sonntag" (ARD).

 


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