Harmlos
nannten sie sich Kreuzfahrer. Aber in der Schlacht schrien sie: "Gott
will es!", und metzelten nieder, was sich ihnen in den Weg stellte.
Wenn sie eine Stadt eroberten, dann verschonten sie auch Frauen und
Kinder nicht. Vor rund 1.000 Jahren waren sie aus Europa aufgebrochen,
zusammengewürfelte Heerhaufen, manche von ihnen noch Kinder, angetrieben
von fanatischen Predigern. Ihr Ziel: Das Heilige Land von den "Ungläubigen"
zu befreien. Dahinter standen politische und wirtschaftliche Pläne
der Mächtigen - wie immer, wenn Glaube zum Vorwand von Machtpolitik
wird. Aber die Kreuzfahrer wähnten sich auf der Seite Gottes und
die Prediger verkündeten allerlei Bibelworte von der Rache Gottes
und vom Sieg des Lichtes über die Finsternis.

Belagerung
von Antiochia (das heutige Antakya, Türkei) während
des ersten Kreuzzugs 10961099
Bild: dpa |
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Lizenz
zum Töten
Man muss nur auf der Seite des Guten stehen und alles wird gut. Der
richtige Glaube darf das Böse mit allen Mitteln bekämpfen.
Das ist der Stoff, aus dem nicht nur die Kreuzzüge waren, sondern
auch Vernichtungsfeldzüge, Hexenverbrennungen und Konfessionskriege.
Hollywoods Western-Spektakel, Kriegs-Epen und Weltraum-Sagas lassen
grüßen. Gott steht dann auf der Seite der Guten, und wer
sich auf Gott beruft, ist gut und im Recht, auch wenn er tötet.
Der amerikanische Präsident George W. Bush hat bei der Vorbereitung
des Irak-Krieges gezeigt, wie das funktioniert. In ihrer Geschichte
sind Christen dieser verführerischen Denkweise immer wieder erlegen.
Die Bibel schien ihnen die nötigen Begründungen zu liefern.
Es waren finstere Zeiten.
Ich
gut, du böse
Dualismus nennt die Theologie jenes Denken, das die Welt scharf in zwei
Lager teilt: Licht und Schatten, schwarz und weiß, richtig und
falsch, böse und gut. Nicht zu bestreiten: Viele Stellen in der
Bibel liefern dafür vordergründig Argumente. Die Juden verstanden
sich als erwähltes Volk Gottes und glaubten, in seinem Namen gerechte
Kriege führen zu können. Viel Zeit hatten sie dazu allerdings
nicht. Schon bald mussten sie unter fremden Besatzern leben, und 70
n. Chr. wurde ihr Staat von den Römern förmlich ausradiert.
Heilige Kriege gab es von da an bestenfalls noch in Weissagungen und
Träumen.
Dagegen
mussten die Christen "nur" rund 300 Jahre an Verfolgung überstehen.
Dann wurde ihr Glaube im römischen Reich Staatsreligion, und es
begannen eineinhalb Jahrtausende enger Verbindung zwischen Kirche und
Staatsmacht. Vergessen, dass Jesus einst das Gegenteil gesagt hatte:
"Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser zusteht, und Gott, was Gott zusteht!"
(Markus 12, 17) Bei den Römern waren Kaiser und Gott sozusagen
das Gleiche gewesen. Jesus hatte einen klaren Unterschied gemacht, der
ihn am Ende das Leben kostete. Aber in der Staatskirche war man im Zweifel
eher römisch als christlich.
"Teufelshuren" dringend gesucht
Und wenn das Böse nicht ein äußerer Feind ist, sondern
sich im eigenen Haus verbirgt? Seuchen, Kometen, Fehlgeburten, Viehsterben,
Missernten - zahllos waren die Gründe, die im Mittelalter 500 Jahre
lang zu Hexenverfolgungen führten. Man berief sich auf Jesus, der
nach dem Glauben seiner Zeit in bestimmten Krankheiten böse Geister
gesehen und sie ausgetrieben hatte. Nur: Jesus hatte die Menschen geheilt.
Die Kirche aber suchte begierig nach vom Teufel besessenen Hexen als
der Ursache allen Übels und folterte und tötete Millionen
auf bestialische Weise.
Beschuldigt
wurden fast immer ärmere Frauen, die sich weder wehren noch verteidigen
konnten. Auch der Reformator Martin Luther hatte nichts dagegen einzuwenden,
wie man mit den "Teufelshuren" verfuhr. Erst Ende des 18.
Jahrhunderts erloschen die Scheiterhaufen in Europa.
"Allerchristlichste" Kriege
Nach der Reformation spaltete sich Europa in verschiedene Lager, die
nur vordergründig evangelisch oder katholisch waren. In Wahrheit
ging es wieder um die Macht, 150 Jahre lang. Die Majestäten dieser
Zeit nannten sich "allerchristlichst" und sie setzten alles
daran, ihre Gegner brutalstmöglich zu vernichten.
Erst
mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 ließ
das millionenfache Morden nach. Von da an bekriegten sich nur noch Nationalstaaten,
keine Konfessionen mehr. Fast. Bis 1968 der blutige Nordirland-Konflikt
zwischen Protestanten und Katholiken ausbrach. Die Konfession war zwar
nur sichtbares Zeichen tiefer sozialer Ungerechtigkeit und scharfer
politischer Interessen. Wahr ist aber auch: Lange Zeit wurde der Kampf
in Gottesdiensten und mit Predigten vorbereitet und geschürt. Hunderte
verloren danach ihr Leben.
Die Bibel: Argumente nach Bedarf?
Die Schriften der Bibel kennen alle Farben des Lebens. Nichts Menschliches
ist ihnen fremd, weder Hass noch Gier, noch Rache. Sie spiegeln das
Leben, wie es ist. Wie aber verlaufen jene großen Linien, der
Geist, der alles verbindet? Da ist nur wenig von jenem unheilvollen
Dualismus zu finden, der Teile der Geschichte zu einer menschlichen
Hölle gemacht hat. Nicht der Unterschied zwischen guten und bösen
Menschen ist das Thema, sondern der unendliche
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Oberkirchenrat
Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit
der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
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Unterschied
zwischen Mensch und Gott. Denn das wissen alle biblischen Zeugen: Nichts
kann der Mensch tun, um dem Schöpfer allen Lebens aus eigener Kraft
gerecht zu werden. Nichts, außer seine leeren Hände auszustrecken
und auf die Gnade Gottes zu vertrauen. Christen nennen das: den Geist
Jesu. Ein wenig mehr von diesem Geist wäre der Geschichte der Kirche
gut bekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie wieder mehr davon zu
entdecken begonnen. Wie viel, wird sich zeigen.
Joachim
Schmidt