echt Bibel


Zum Jahr der Bibel 2003
Teil 2

Mancher hatte die Katastrophe kommen sehen. Der Despot von Euphrat und Tigris hinterließ immer verbrannte Erde. Seine Heere, seine Waffen verbreiteten Entsetzen. Er überrannte Israel und nahm Jerusalem ein. Die Stadt wurde zerstört, der Tempelberg geschleift, die Juden deportiert. Der Mann hieß nicht Saddam Hussein, sondern Nebukadnezar. Der Krieg liegt fast 2.600 Jahre zurück. 587 vor Christus hörte der letzte jüdische Teilstaat auf zu existieren. Aber die Entstehung der Bibel begann.

Das Maß, das gilt -
wie die Bibel entstand

Sie ist nicht vom Himmel gefallen und auch keinem geheimnisumwitterten Autor in die Feder diktiert worden. Die Bibel hat ihren Anfang im namenlosen Elend. Ein Volk wird entwurzelt, in die Fremde verschleppt. Die Heimat liegt in Trümmern, auch der Tempel, das Zentrum ihres Glaubens. Wo ist nun Gott, der sie einst aus Ägypten geführt und versprochen hatte, bei ihnen zu wohnen?

Sie beginnen, die Überlieferungen ihres Glaubens zusammenzutragen: uralte Erzählungen der Väter, von Abraham, Isaak, Jakob und Mose, Geschichten der Könige Israels, Lieder, Psalmen, Gebete, auch alte Rechtsvorschriften, Mord und Totschlag, manchmal auch handfeste Erotik. Alles gehört zum Leben, zum Glauben. Sie begreifen: Gott ist nicht im zerstörten Tempel in Jerusalem geblieben. Er ist bei ihnen, mitten im Leben. Die deportierten Juden dürfen eines Tages in ihr besetztes Land zurückkehren. Andere gehen nach Ägypten oder Kleinasien und gründen dort jüdische Gemeinden. Die Eroberer Palästinas wechseln in den folgenden Jahrhunderten, der jüdische Glaube bleibt. Er wandelt sich, treibt auch viele merkwürdige Blüten. Wie das so ist, wenn Menschen über ihren Glauben nachdenken.

Ein Rohrstock als Maß-Stab
Wer legt fest, was auf Dauer zu den heiligen Schriften des Glaubens gehört und was nicht? Im Laufe der Zeit entsteht so etwas wie ein Kanon. Das ist ein altes hebräisches Wort für ein gerades Rohr, einen Mess-Stab beim Handel auf dem Markt: das Maß, das gilt. Ein solches Maß bildet auch die Sammlung der uralten Glaubensüberlieferungen. Am Kanon entscheidet sich, was als Heilige Schrift gilt. Im Glauben soll nicht das Gefühl entscheiden, sondern die Erfahrung von Generationen. Viele Teile des jüdischen Kanons stehen bald fest: die fünf Bücher Mose, die Richter- und Königsgeschichten, die Psalmen. Über andere wird weiter jahrhundertelang gestritten. Als Jesus geboren wird, gibt es noch immer keine Einigkeit unter den Theologen.

Todesstrafe für die Liebe Gottes
Jesus ist ein jüdischer Handwerkersohn, seine Jünger sind Fischer, Zöllner und Kleinbauern. Sie verehren die "Schrift", die Mosegeschichten, die Psalmen, die Propheten. Aber Jesus predigt auch Neues: Der jüdische Kanon, das Gesetz, der Bund Gottes mit seinem Volk, sei erneuert und verändert worden. Nicht mehr die alten, starren Regeln sollten entscheiden, sondern die friedliche Kraft der Liebe Gottes. Das Reich Gottes ist nahe, pflegt er zu sagen. Das bringt ihm die Todesstrafe ein, deren Vollstreckung am Kreuz.

Q wie Quelle
Etwa eine Generation lang sind die Christen erfüllt von den Berichten über die Auferstehung des totgeglaubten Jesus. Warum soll man etwas aufschreiben, wenn doch das Reich Gottes und das Ende der Welt so nahe bevorstehen? Dennoch kursieren schon bald Aufzeichnungen über die Reden Jesu, etwa die Bergpredigt. Man hat sie die Quelle "Q" genannt. Ein Original ist nicht erhalten und die Fachleute haben heute auch Zweifel, ob es nicht mehrere Quellen dieser Art gegeben hat. Aber viele "Q"-Spuren finden sich in den Evangelien, die später das Leben Jesu schildern.

Das Reich Gottes dauert noch
Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus wird klar: Das Ende der Welt lässt auf sich warten. Oder hatte man den Meister falsch verstanden? Ein bekehrter jüdischer Funktionär namens Paulus hat die Botschaft Jesu inzwischen begeistert nach Kleinasien und Europa getragen. Nun stellt sich auch für die Christen die Frage: Was gibt man jenen mit, die später und anderswo als in Palästina geboren sind? Wie könnte ein christlicher Kanon aussehen? Mehr als 200 Jahre dauerte es, bis auf mehreren Konzilien einigermaßen Einigkeit über diese Frage hergestellt ist. Der Grundstock des Neuen Testaments liegt fest: die vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, Berichte über das Leben Jesu, die so genannte Apostelgeschichte des Lukas, viele Briefe, besonders die des Paulus, und die merkwürdige Schau vom Ende der Welt, die Offenbarung des Johannes.

"Bund" oder "Testament"?
Die jüdische Glaubenstradition wusste vom uralten Bund Gottes mit seinem Volk, geschlossen in grauer Vorzeit am Sinai. Der Glaube der ersten Christen war, dass durch Tod und Auferstehung Jesu ein neuer Bund geschlossen sei. Deshalb nannten sie ihren Glauben den Neuen Bund. Erst allmählich setzten sich die Begriffe Altes und Neues Testament durch: Bezeichnungen für die Vermächtnisse des Glaubens, auch als deutliches Signal: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Das Wasser der Quellen
Man hat den Christen vorgeworfen, sie missbrauchten die Bibel der Juden für ihre eigenen Zwecke. Diese Kritik übersieht den breiten Strom des Glaubens, der das Alte mit dem Neuen Testament verbindet: Ein einziger, allmächtiger Gott hält die Welt und was auf ihr lebt, in seiner Hand. Der Grund unseres Lebens ist seine unbegreifliche Liebe zu den Menschen und am Ende wird nicht der Tod, sondern diese Liebe das letzte Wort haben.

Der Strom des christlichen Glaubens in unserer Zeit mag breit sein, unübersichtlich, und manchmal sieht man den Grund nicht. Aber er führt das Wasser der Quellen weiter.

Joachim Schmidt
Fotos: Corel



Die wichtigsten Übersetzungen der Bibel


Übersetzungen der Bibel oder von Teilen wurden geschaffen, wenn die Sprache
der Heiligen Schriften nicht mehr verstanden wurde:

Die Septuaginta
Im dritten Jahrhundert vor Christus wurden große Teile des Alten Testaments aus dem Hebräischen ins damals rund ums Mittelmeer gesprochene Griechisch übertragen. Der Legende nach lieferten in Alexandria (Ägypten) siebzig (septuaginta) Gelehrte unabhängig voneinander die gleiche Übersetzung ab.

Die Vulgata
Die Schriften des Neuen Testaments entstanden sämtlich in griechischer Sprache. Außerdem hatte man die Septuaginta. Aber im vierten Jahrhundert nach Christus hatte das Griechische sehr an Bedeutung verloren. Die wichtigste Sprache war Latein. Eine Übersetzung der ganzen Bibel ins Lateinische musste her. Gelehrtere Geister nannten sie abschätzig die "Gewöhnliche" (Vulgata).

Die Bibel Martin Luthers
Im Mittelalter war die Kenntnis der Bibel zu einer Art Geheimwissenschaft weniger geworden. Obwohl nur Gelehrte Lateinisch konnten, wurden sogar die Gottesdienste auf Latein gehalten. Martin Luther, der Begründer des evangelischen Glaubens, übersetzte deshalb ab 1517 die "Bibel für alle" ins Deutsche - und schuf dabei auch gleich die moderne deutsche Sprache.

Und heute?
Weltweit gibt es heute Bibel-Übersetzungen in mehr als 2.300 Sprachen. Aber noch längst nicht jeder kann die Bibel in seiner Muttersprache lesen. Denn auf der Erde gibt es rund 6.500 Sprachen.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Foto: Kai Schmidt

 

echt info
· Infos zum Jahr der Bibel gibt es unter » www.2003dasjahrderbibel.de

· Die » Frankfurter Bibelgesellschaft informiert über das Bibelmuseum und andere Veranstaltungen

· Die » Heilige Schrift im Härtetest. Volker Rahn hat moderne Bibelausgaben miteinander verglichen.

 

Den ersten Teil dieser Serie
zum Jahr der Bibel der Bibel finden Sie
» hier im echt-Archiv

 



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