Du bist mit 16 schon von zu Hause weg? Wieso das denn?" Irgendwie hatte Christoph Schröter [Name von der Redaktion geändert] sich verplappert, als in der Doppelkopfrunde das Gespräch auf die erste eigene Wohnung kam. In Windeseile zog er eine Mauer um sich hoch und sagte nur: "Frag nicht. Das ist eine lange Geschichte. Hier ist nicht der Ort, sie zu erzählen." "Was war, ist vorbei", sagt Christoph später unter vier Augen. Die meisten Menschen hätten eine Version der eigenen Geschichte, die man auch in einer lockeren Spielerunde erzählen mag. Eine Version, die genau Balance hält zwischen Sich-interessant-Machen und Sich-vor-der-Neugier-der-anderen-Schützen. Für Christoph sähe die so aus: "Es war halt schwierig mit meinen Eltern", könnte er sagen, "das übliche. Alkohol und Drogen und so. Da hat mir das Jugendamt ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft angeboten." Hätte er dabei den richtigen Tonfall getroffen, dann hätte keiner weitergefragt. Aber so zu verharmlosen, widerstrebt ihm. Ein
ständiges Hin und Her Christoph war sechs, als er das erste Mal bewusst erlebte, wie der Vater die Schwestern vergewaltigte. Acht, als er das erste Mal alle Schnapsvorräte im Haus in den Ausguss goss, weil er fand, dass jetzt Schluss sein müsse mit dem Saufen des Vaters. Mit zwölf fühlte er sich stark genug, Mutter und Schwestern vor dem Alten zu schützen. Mit 16 wäre er es tatsächlich gewesen. Da setzte der Vater ihn vor die Tür und sagte: "Verschwinde aus meinem Leben." Knäuel
aus Gefühlen "Aber dann passierten zwei Dinge", erzählt Christoph. "Ich entdeckte meine Fähigkeit zu lernen. Und fand eine richtig gute Therapeutin." Fast drei Jahre lang hat sie ihm zugehört, hat mit ihm zusammen das Knäuel aus Erinnerungen und Gefühlen entwirrt, das sein Inneres gefangen hielt. "Es ist, als hätte ich dabei die einzelnen Kapitel meiner Vergangenheit zusammengeheftet, in feines Seidenpapier gewickelt und in eine Kiste gelegt. Die Kiste zugemacht. Und abgeschlossen. Ich weiß, was in dieser Kiste ist. Und ich finde, das alles ist gut darin aufgehoben. Es kommt mir nicht mehr in die Quere." Gespräche über die Kindheit versucht er zu vermeiden. "Im Alltag", sagt Christoph, "fragt sowieso kaum einer, wo du herkommst. Vielleicht noch, aus welcher Stadt. Aber nach den Familienverhältnissen? Die sind doch nur Thema, wenn man frisch verliebt ist."
Sascha war sieben, als seine Eltern ihm erzählten, dass zwar seine Mutter die leibliche sei, nicht aber sein Vater. "Das war damals nicht das große Ding", sagt er, "mein Adoptiv-Vater war für mich mein Vater und damit war es gut." Das hat sich geändert, als Sascha eine Familie gründete. Mit dem eigenen Kind traten neue Fragen in sein Leben: Was von dem, was mich ausmacht, ist Veranlagung? Was Erziehung? Wie viel hat mir mein Erzeuger mitgegeben? Sehe ich ihm wirklich so ähnlich wie manche Söhne ihren Vätern? Sascha fasste sich ein Herz und fragte seine Mutter. "Die wehrte ab und sagte, sie kenne den Mann nicht, der mich gezeugt hat." Später stellte sich heraus, dass sie mehr weiß. Aber mehr als die Geschichte von der Party war ihr nicht zu entlocken. "Irgendwas muss passiert sein in dieser Nacht", mutmaßt Sascha. Vielleicht hat der Mann sie vergewaltigt? Vielleicht lebte er auch nur in einer glücklichen Ehe, die sie nicht gefährden wollten? Vielleicht war sie völlig betrunken? Oder er? Oder es war doch große Liebe, eine heimliche Affäre, und er machte sich aus dem Staub, nachdem er sie geschwängert hatte? Spekulationen. Fakt ist: Seine Mutter schweigt. "Ich bin ihr nicht böse deswegen", sagt Sascha. "Egal, wie schlimm die Situation für sie damals war - es ist ja etwas Freudiges dabei entstanden." Buch ohne Vorgeschichte Cornelia
Gerlach
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