Aus den
Untiefen der Liebe

Ich tu's doch aus Liebe. Wenn Liebe edel und selbstlos daherkommt, geht es manchmal um ganz anderes: um Eifersucht, Macht, Kontrolle, Besitzdenken, Nicht-Loslassen-Können.

 

"Leben aus zweiter Hand"
Kurt, 50 Jahre
"Wir sind Freunde", hat meine Mutter gesagt und: "Wir haben keine Geheimnisse voreinander." Da war ich zwölf. Diese Aussagen haben mich ein Leben lang beschäftigt. Es sei Liebe, sagte sie immer - und ich hatte oft das Gefühl, keine Luft zu bekommen und ihr nicht zu genügen.

Mit 17 habe ich mich richtig verliebt - und hatte das Gefühl, vor Glück zu schielen. Da fragte meine Mutter, ob ich mir vorstellen könne, dass mich meine Freundin im Alter pflegt und wäscht. Und ob sie nicht zu zierlich sei fürs Kinderkriegen. Mit solch drastischen Aussichten von Liebe konfrontiert - habe ich mich aus der Beziehung gestohlen.

Je älter ich wurde, umso intensiver nahm sie an meinem Leben teil. Sie rief häufig an, fragte: nach dem Studium, der Arbeit, meiner ersten Ehe. Es war ein Trugschluss, durch eine frühe Ehe Abstand gewinnen zu können. Wir waren nicht erwachsen und selbstbewusst genug, eigenständig zu sein, und konnten uns nicht recht abgrenzen. Die Ehe scheiterte und ich habe eine Therapie begonnen, wollte wissen, welche Anteile ich daran habe. Und begriff, dass meine Mutter ein Leben aus zweiter Hand führt, indem sie meines mitlebt. Das dauerte mich.

Ich wollte mich nie mehr auf eine feste Beziehung einlassen und habe vier Jahre als Single gelebt. Bis ich eine Frau kennen lernte, die mir durch ihre Klarheit und Selbständigkeit imponierte. Ich wagte eine zweite Ehe - und das Desaster begann von Neuem. Wir hatten das Gefühl, dass meine Mutter auf unserer Bettkante sitzt. Ständig versuchte sie meiner Frau zu sagen, wie ich wirklich sei und sie mit mir umzugehen habe. Wir haben den Kontakt abgebrochen, fast ein Jahr meine Eltern nicht gesehen. Und ich habe eine zweite Therapie begonnen. Klarheit hat mir das gebracht und die
Gewissheit, das Recht auf ein eigenes Leben zu haben. Der Kontakt zur Familie ist nun loser, distanzierter. Meine Mutter akzeptiert das langsam und mühsam. Sie sagt: "Ich hoffe, ich habe in meinem Leben auch was richtig gemacht."

"Du liebst mich nicht!"
Ina, 34 Jahre
Das erste Mal war harmlos. Wir kannten uns ein Jahr, waren gerade zusammengezogen und ich war glücklich, wie lange nicht mehr. An dem Morgen, als es passierte, war meine Freundin bei uns. Wir hatten gemeinsam mit Bekannten gefeiert, ohne meinen Freund Peter. Es war spät geworden.

Während meine Freundin morgens unter der Dusche stand, drehte er durch. Ich weiß nicht mehr, was er genau sagte, aber er war sehr aggressiv. Meine Lieblingstasse flog durch den Raum, zerbrach auf dem Küchenboden in tausend Teile. Und ich wusste nicht, weshalb. Ich setzte mich daneben und weinte, wegen der Ohnmacht, die ich empfand. Ich dürfe ihn nicht so lange alleine lassen, hat er später gesagt. Halb krank vor Sorge sei er gewesen. Und ich habe trotz allem ein bisschen Stolz empfunden: Wenn man solche extremen Gefühle provoziert, ist man dem anderen viel wert.
Entschuldigt hat er sich nie dafür. Auch für all die anderen Male nicht. Nicht, als er sich mit seinen Knien auf meinem nackten Oberkörper setzte, nachdem er mich wutentbrannt aus dem Bett gezerrt hatte, und mir den Hals zudrückte. Ich sei nicht nett genug zu ihm gewesen in den Tagen davor - und ich hatte nicht mit ihm schlafen wollen. Er bat mich auch nicht um Verzeihung, als er mir mein erstes Veilchen schlug, mitten auf der Straße und mit solcher Wucht, dass ich auf den Asphalt aufschlug. Irgendjemanden sollte ich wieder angesehen haben. "Du liebst mich nicht", warf er mir vor. "Du begehrst andere."

Warum ich ihn nicht verlasse, hat mich meine Freundin gefragt, als ich wieder einmal tränenüberströmt vor ihrer Haustür stand. Weil mit der Zeit, die verstreicht, auch die Erinnerung unscharf wird. Weil ich mich frage, ob ich vielleicht eine Mitschuld trage.

Doch was noch wichtiger ist: Ich bin sicher, er liebt mich trotz allem.

Entweder du oder ich
Iris, 17 Jahre
Die Wende war der Urlaub. Mein Freund Benjamin und ich wollten über Pfingsten an die Ostsee. Mit meinen Eltern. Seine Mutter war dagegen: "Wenn du mit Iris' Eltern in den Urlaub gehst, fliegst du raus", war ihre Reaktion: "Dein Koffer steht gepackt vor der Tür, wenn du heimkommst."

Dabei war es vorher ein Superverhältnis. Benjamin und ich kennen uns seit eindreiviertel Jahren. Wir waren drei Tage zusammen, da hatte er einen schweren Autounfall und lag Monate im Krankenhaus. Als er wieder nach Hause kam, war ich ständig bei ihm. Seine Mutter war sehr freundlich und aufgeschlossen. Wir haben oft lange geredet - sie war wie eine Ersatzmama.

Wir sind dann nicht weggefahren. Ich war trotzdem die Böse. Früher wollte ihr Sohn nie in den Urlaub. Und jetzt kam ich in sein Leben - und wollte ihn in ferne Länder ziehen. Das hat sie hintenrum gesagt. Zu mir war sie nach wie vor stinkfreundlich. Es kam noch schlimmer. Im Sommer wollten wir - vor unserer Ausbildung - eine Woche weg. Last Minute. "Du willst in den Urlaub fliegen? Dann zahlst du ab jetzt die Kfz-Versicherung selbst. Und zahlst dein Auto bei uns ab." "Aber sie haben doch versprochen, bis September die Versicherung zu bezahlen", meinte ich. Das war zu viel für sie. Ich würde mich in ihre Finanzen einmischen. Am nächsten Tag sagte sie: "Iris, hol bitte deine Bettwäsche und deine Kleider ab. Ich will, dass du mein Haus nie wieder betrittst."

Ich habe mit Benjamin den größten Streit bekommen. Wegen ihr hätten wir uns fast getrennt. "Ich stehe zwischen zwei Stühlen", hat er gesagt, "und weiß nicht, auf welchen ich mich setzen soll." Dann hat er seiner Mutter die Meinung gesagt: "Ich liebe sie - und da geht nichts drüber. Entweder du akzeptierst es, oder du verlierst mich."

Mir tut das gut zu wissen. Benjamin hat sich für mich entschieden.

Protokolle: Olaf Borgsen,
Nathalie Heinke, Rainer Lange