Menschen erzählen kleine und große Geschichten, wahre und unwahre. Wir tun das, weil wir sie mögen und weil wir sie brauchen. In Geschichten finden und erfinden wir uns selbst.

Zu Hause merk ich erst: Das Handy ist weg! Mensch, was machst du denn jetzt, denke ich." Rudi erzählt. Seine Geschichte handelt vom Handy, aber mehr noch von Rudi. "Das Handy war an. Da konnte ja jeder mit telefonieren! SIM-Karte drin, angeschaltet, alles. Ja, da hab ich mein Handy angerufen. Und was soll ich euch sagen - da geht tatsächlich einer dran! Das war ein Radfahrer, der hatte das auf der Straße aufgelesen. So hab ich das Handy wiedergekriegt. Hab mir das bei dem abgeholt."

Fortwährend hören wir solche Geschichten, fortwährend erzählen wir sie auch. So machen wir uns einen Reim auf das, was geschieht. Rudis Reim endet so: "Ich hab schon dreimal das Handy verloren und hab es immer wiedergekriegt!" Die Botschaft: Rudi ist ein Glückspilz. Er selbst glaubt das und wir sollen es auch glauben.

Unser Genie liegt in der Fähigkeit, Bedeutung durch Erzählungen zu erzeugen.

Neil Postman, Medienkritiker

 

 

 

Geschichten vom Ursprung
Menschen haben ein Urbedürfnis nach Geschichten. Es zieht sich eine Linie von Mythen, Sagen und Legenden bis zu den Storys und Anekdoten unserer Tage. Geschichten erklären die Welt, sie vermitteln Spielregeln und Werte. Alle Kulturen haben ihre "großen Erzählungen". Dazu gehören Religionen wie Judentum, Christentum und Islam, auch Buddhismus und Hinduismus. Sie erklären, jede auf ihre Weise, wie die Welt entstand. Sie erzählen, wie alles mit allem zusammenhängt, welche Ordnung gilt und was wir zu tun haben. Wo Menschen diese großen Ordnungen und Deutungen nicht mehr akzeptieren können oder wollen, machen sie sich ihre eigenen Geschichten. Neil Postman, der Medienkritiker, hält das für eine geniale Begabung des Menschen: "Unser Genie liegt in unserer Fähigkeit, Bedeutung durch Erzählungen zu erzeugen, die unserer Arbeit Sinn gibt, unsere Geschichte überhöht, unsere Gegenwart beleuchtet und unserer Zukunft Richtung verleiht."

An den Sinn glauben

Wer an seine Zukunft nicht mehr zu glauben vermag, ist im Lager verloren.

Viktor Frankl, Psychotherapeut

In der Biografie Viktor Frankls liegt eines der beeindruckendesten Beispiele für dieses Genie. Der jüdische Psychiater kam 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz. Sein Überleben verdankte er seiner Fähigkeit, dem Leiden Sinn zu geben. "Fast weinend vor Schmerzen in den wunden Füßen, die in offenen Schuhen staken, im grimmigen Frost und eisigen Gegenwind, humpelte ich in langer Kolonne vom Lager zum Arbeitsplatz." Er war zermürbt und angeekelt von den tausendfältigen Problemen des armseligen Lagerlebens. Und dann, so schreibt er, "gebrauche ich einen Trick: Plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten schönen und warmen, großen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen - und ich spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers." Diese Geschichte, die Frankl sich im Elend selbst erzählte, wurde wahr. Er begründete später die Logotherapie, eine Therapierichtung, die zum Ziel hat, dass Menschen ihren Daseinssinn finden.

Gehirn mit rosaroter Brille

Wenn alles sinnlos scheint, gibt es keinen Grund, morgens aufzustehen. Sinnlosigkeit ist das Fehlen eines Zusammenhangs. Was habe ich mit dem Geschehen hier zu tun? Warum bin ich auf der Welt? Erzählend versuchen wir, diesen Zusammenhang herzustellen. Die zahllosen Einzelheiten unseres Lebens sollen sich ja zusammenfügen zu einer stimmigen, runden Geschichte, unserer Biografie. Vollständig soll sie sein. Deshalb suchen Adoptivkinder ihre wirklichen Eltern. Und einleuchtend soll sie sein. Das Gehirn arbeitet bereitwillig mit an der Herstellung von Lebensgeschichten und nimmt dabei wenig Rücksicht auf so genannte Tatsachen. Man kann sogar sagen, es begünstigt Manipulation. Gehirne speichern jegliche Erinnerung unter Beteiligung unserer Gefühle. Die Gefühle färben

Erlebnisse ein. Und jedes Mal, wenn eine Geschichte aus dem Gedächtnisspeicher hervorgehoben, an der frischen Luft spazieren getragen und erzählt wird - dann lagern sich neue Gefühle an, die aus dem Moment. Und beim erneuten Abspeichern hat die Geschichte schon die Farbe leicht verändert, die Stimmung, die Deutung. Wer einem Schrecken entronnen ist, merkt sofort, wie wohl es tut, davon zu erzählen, sich mitzuteilen. Aus Angst und Schrecken wird im Lauf der Zeit unter Umständen eine Anekdote. Auf einmal war es lustig, ein Handy zu verlieren. Das war es - ursprünglich - ganz bestimmt nicht.

Weil ich erzählen kann, bin ich, und weil ich's erzählen kann, stehe ich's durch.

Peter Bichsel, Schriftstelle
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Die eigene Geschichte erfinden
Tolle Hechte, große Damen, graue Mäuse, coole Typen: Sie alle stellen sich dar über die Geschichten, die sie erzählen. Jede Episode, die wir erzählen, dient auch der Selbstdarstellung. Manchmal wird das in der Wortwahl deutlich. Sagt die Kollegin: "Ich bin eine, die gerne die Nacht zum Tage macht." Umständlich! Warum sagt sie nicht einfach: Ich bleib gern abends spät auf? Weil es ihr auf diese Information nicht ankommt. Es kommt ihr auf etwas anderes an. "Ich bin eine, die ..." - da spricht eine Frau über einen Wesenszug. In der Art, wie sie spricht, erschafft sie eine Fassette ihrer Identität. Für sich und die anderen.

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Literaturtipps zum Thema
"Geschichten erzählen"
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Die eigene Geschichte deuten
Rudi ist ein Glückspilz. Dreimal das Handy verloren und immer wiedergekriegt. So hat er es erzählt. Seine Frau ist nicht ganz einverstanden: "Ja, aber es war doch dann kaputt, nech? Das musst du doch auch noch erzählen!" Rudi bestreitet es gar nicht: Das Telefonat mit dem Radfahrer war tatsächlich das letzte, bevor das Handy seinen Geist aufgab. Der Sturz vom Autodach hatte Spätfolgen. Das ist nun aber wirklich ein unwesentliches Detail. Im Wesentlichen bleibt es dabei: Rudi ist ein Glückspilz.

Marie Lampert




Marie Lampert, Journalistin und Psychologin, arbeitet freiberuflich als Redakteurin und Trainerin für Journalismus und Kommunikation.

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