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Zu Hause merk ich erst: Das Handy ist weg! Mensch, was machst du denn jetzt, denke ich." Rudi erzählt. Seine Geschichte handelt vom Handy, aber mehr noch von Rudi. "Das Handy war an. Da konnte ja jeder mit telefonieren! SIM-Karte drin, angeschaltet, alles. Ja, da hab ich mein Handy angerufen. Und was soll ich euch sagen - da geht tatsächlich einer dran! Das war ein Radfahrer, der hatte das auf der Straße aufgelesen. So hab ich das Handy wiedergekriegt. Hab mir das bei dem abgeholt." Fortwährend hören wir solche Geschichten, fortwährend erzählen wir sie auch. So machen wir uns einen Reim auf das, was geschieht. Rudis Reim endet so: "Ich hab schon dreimal das Handy verloren und hab es immer wiedergekriegt!" Die Botschaft: Rudi ist ein Glückspilz. Er selbst glaubt das und wir sollen es auch glauben.
Geschichten vom
Ursprung An den Sinn glauben
In der Biografie Viktor Frankls liegt eines der beeindruckendesten Beispiele für dieses Genie. Der jüdische Psychiater kam 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz. Sein Überleben verdankte er seiner Fähigkeit, dem Leiden Sinn zu geben. "Fast weinend vor Schmerzen in den wunden Füßen, die in offenen Schuhen staken, im grimmigen Frost und eisigen Gegenwind, humpelte ich in langer Kolonne vom Lager zum Arbeitsplatz." Er war zermürbt und angeekelt von den tausendfältigen Problemen des armseligen Lagerlebens. Und dann, so schreibt er, "gebrauche ich einen Trick: Plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten schönen und warmen, großen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen - und ich spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers." Diese Geschichte, die Frankl sich im Elend selbst erzählte, wurde wahr. Er begründete später die Logotherapie, eine Therapierichtung, die zum Ziel hat, dass Menschen ihren Daseinssinn finden. Gehirn mit rosaroter
Brille Wenn alles sinnlos scheint, gibt es keinen Grund, morgens aufzustehen. Sinnlosigkeit ist das Fehlen eines Zusammenhangs. Was habe ich mit dem Geschehen hier zu tun? Warum bin ich auf der Welt? Erzählend versuchen wir, diesen Zusammenhang herzustellen. Die zahllosen Einzelheiten unseres Lebens sollen sich ja zusammenfügen zu einer stimmigen, runden Geschichte, unserer Biografie. Vollständig soll sie sein. Deshalb suchen Adoptivkinder ihre wirklichen Eltern. Und einleuchtend soll sie sein. Das Gehirn arbeitet bereitwillig mit an der Herstellung von Lebensgeschichten und nimmt dabei wenig Rücksicht auf so genannte Tatsachen. Man kann sogar sagen, es begünstigt Manipulation. Gehirne speichern jegliche Erinnerung unter Beteiligung unserer Gefühle. Die Gefühle färben Erlebnisse ein. Und jedes Mal, wenn eine Geschichte aus dem Gedächtnisspeicher hervorgehoben, an der frischen Luft spazieren getragen und erzählt wird - dann lagern sich neue Gefühle an, die aus dem Moment. Und beim erneuten Abspeichern hat die Geschichte schon die Farbe leicht verändert, die Stimmung, die Deutung. Wer einem Schrecken entronnen ist, merkt sofort, wie wohl es tut, davon zu erzählen, sich mitzuteilen. Aus Angst und Schrecken wird im Lauf der Zeit unter Umständen eine Anekdote. Auf einmal war es lustig, ein Handy zu verlieren. Das war es - ursprünglich - ganz bestimmt nicht.
Die eigene Geschichte
erfinden
Die eigene Geschichte
deuten Marie Lampert |
| Marie Lampert, Journalistin und Psychologin, arbeitet freiberuflich als Redakteurin und Trainerin für Journalismus und Kommunikation. | ![]() |