
Lebensspuren in einem Buch
Der ehemals schwarze Schweinsleder-Einband
ist völlig abgewetzt, der Rücken eingerissen, das braune
Vorsatzblatt sieht aus, als hätten die Mäuse daran geknabbert.
Es ist die Bibel meiner Mutter. Sie gehört zu den wenigen Dingen,
die ich aus dem bescheidenen Nachlass an mich genommen habe. Aus
einem Impuls heraus. Sie hatte auf ihrem Nachttisch gelegen. Ich
aber stellte sie in meinen Bücherschrank und vergaß sie
erst einmal. Als ich nach Jahren eher zufällig danach griff,
wollte ich meinen Augen nicht trauen. |
Ein
Buch als Alltagsbegleiter
Da hatten uns die Eltern immer wieder gepredigt, dass man in Bücher
nichts hineinschreibt, dass auch Unterstreichungen ungehörig sind.
Und nun das: Unterstreichungen ohne Zahl. Mit Bleistift, Tinte, Kuli und
Rotstift. Dazu Randbemerkungen, Einrahmungen, Daten, wie auch Namen. Sogar
das Deckblatt wurde mit Texten und Verweisen beschrieben. Ich war irritiert.
Und dann begriff ich - dieses Buch war ein Alltagsbegleiter gewesen. Ein
Gesprächspartner, an dem man immer neue Seiten entdeckt und auf den
man durch Unterstreichungen, Fragezeichen und Kommentare reagiert.
Von
der Geburt bis zum Tod
Der erste Eintrag stammt vom 20. März l927. Die 14-Jährige hat
ihren Konfirmationsspruch, eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium, notiert:
"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und
ich in ihm, bringt viele Frucht." Später fügte sie mit
Bleistift hinzu: "Denn ohne mich könnt ihr nichts tun".
Als 17-Jährige notierte sie einen weiteren Satz. Kein Bibelwort und
trotzdem ein Vermächtnis: "Sei Herr Deines Willens und Knecht
Deines Gewissens". "Von Vater, als ich von daheim fortging",
steht mit Bleistift darunter.
Danach
sind in dichter Folge die Fundstellen des Trautextes, der Tauf- und Konfirmationssprüche
ihrer vier Kinder, des Grabspruchs der Großmutter und zuletzt der
Hinweis auf die Beerdigung meines Vaters aufgelistet: Psalm 71, Vers 20,
28.
November l980 - "Denn du lässt mich erfahren viele und große
Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich aus der Tiefe der
Erde herauf."
Mehr
als ein Geschichten-Dschungel
Ich bin betroffen und angerührt. Und schäme mich ein bisschen.
Denn niemand hat in dieser Chronik nachgetragen, was doch auch noch hinein
gehört: der Grabspruch der Chronistin und lebenslangen Bibelleserin.
Das selbständige
Bibellesen war einmal ein Charakteristikum der evangelischen Christen
und ist weidlich in Vergessenheit geraten. Heute gilt die Bibel als schwierig,
als ein Geschichten-Dschungel, der uns überfordert. Nun auf einmal
wurden mir die Notizen meiner Mutter zu einem Pfad, auf dem ich mich in
diesen Dschungel hineinwagte. Was war denn mein Taufspruch gewesen? Was
mein Konfirmationsspruch? Und was hatte es auf sich mit dieser Bibelstelle,
zu der die Mutter notierte - "2. Februar 1978, im Krankenhaus"?
Ich schlug das Buch auf und fing an zu lesen. Auch so kann die Bibel auf
einen zukommen.
Gisela
Brackert
| echt
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