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Zum
Jahr Jahr der Bibel 2003
Teil1 |
Zwischen
Himmel und Erde
Die Bibel-Gottes Wort? |
Als ich
vor Jahren in Dublin im Chester-Beatty-Museum zum ersten Mal ein solches
Stück Papyrus sah, war ich enttäuscht. Vor mir lag eines der
ältesten Fragmente des Neuen Testaments: ein Abschnitt aus dem Römerbrief
des Apostels Paulus, geschrieben wahrscheinlich am Ende des zweiten Jahrhunderts
nach Christus, also wohl 120 Jahre nach der Abfassung des Original-Textes
und 150 Jahre nach dem Tod Jesu. Dies also Gottes Wort? Mehr war da nicht
zu sehen? Hmm.
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Sie liegen
verstreut über Bibliotheken und Museen der ganzen Welt:uralte
Papyrus-Fetzen, meist sorgfältig angeordnet auf dunklem
Untergrund in besonders gesicherten Glas-Vitrinen. Manche sind
unscheinbar und nur wenige Quadratzentimeter groß, andere
wirken von weitem wie Schatzkarten eines Fantasy-Landes. Erst
aus der Nähe sind dicht geschriebene Zeilen meist griechischicher
Großbuchstaben zu erkennen: die ältesten erhaltenen
Handschriften von Texten des Neuen Testamentes. |
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Der
"garstige Graben"
Kein geringerer als Albert Schweitzer versuchte schon Anfang des 20. Jahrhunderts,
das Leben Jesu nach den vorhandenen alten Handschriften zu rekonstruieren.
Sein Gedanke: So könnte es möglich sein, der Botschaft Jesu
und damit dem Wort Gottes näher zu kommen. Schweitzer brachte zwar
ein respektables Werk zustande, musste aber am Ende doch zugeben, dass
sein Ziel unerreichbar war. 2.000 Jahre sind nicht einfach ungeschehen
zu machen. Schon bald nach Tod und Auferstehung
Jesu begann der Streit über sein Erbe. Zu viele unterschiedliche
Berichte über ihn, zu viele angebliche Worte von ihm wurden in Umlauf
gesetzt. Zu weit weg liegt für uns heute die Welt, der er entstammte.
Albert
Schweitzer nannte das den "garstigen Graben". Wer heute eine
Bibel aufschlägt, findet einen Text, der mit größter wissenschaftlicher
Genauigkeit und Ehrlichkeit geprüft ist und sich wo immer möglich
auf die ältesten heute noch verfügbaren Quellen stützt.
Meist sind das nur Bruchstücke und viele davon stammen aus dem ersten
und zweiten Jahrhundert nach Christus. Denn: Je älter die Handschrift,
desto kleiner ist der zeitliche Raum für Fälschungen, Fehler
oder Missverständnisse. Die Forschung an den Texten geht mit Nachdruck
weiter, sie ist noch lange nicht beendet und birgt noch ungeahnte Überraschungen.
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Albert Schweitzer,
geboren 1875 im Elsass, ein evangelischer Theologe, Arzt und Musiker,
gründete in Lambarene, Gabun (Afrika), ein Tropenhospital und
wirkte bis zu seinem Tod 1965 dort als Missionsarzt. Als Theologe
leistete er wichtige Beiträge zur Erforschung des Lebens Jesu. |
Texte
vom Glauben
Aber auch größte wissenschaftliche Sorgfalt kann den "garstigen
Graben" nicht überwinden. Tatsache bleibt: In der Bibel stehen
von Menschen geschriebene Texte, die von ihrem Glauben erzählen,
von Sehnsüchten und Ängsten, von Erinnerungen und Hoffnung.
Viele der Texte widersprechen einander, so wie sich Menschen widersprechen,
die ihre Lebensgeschichten erzählen. Andere Texte sind später
mit einer bestimmten Absicht gekürzt, umgeschrieben oder zusammengefasst
worden. Die theologische Wissenschaft hat das zutage gefördert. Aber
das Erstaunlichste: Bei aller Unterschiedlichkeit und Vielfarbigkeit kommen
die Texte der Bibel immer wieder auf die gleichen Themen zwischen Himmel
und Erde zu sprechen: von Gott, der alles geschaffen hat, von seiner immer
wieder enttäuschten Liebe zu seinen Geschöpfen und von seinem
großen Versöhnungsangebot. Durch seinen Sohn Jesus schloss
er ein neues Bündnis mit den Menschen und vergab ihnen die Schuld.
Das ist es, was die Christen Gottes Wort nennen.
Gott
- eine Erfindung?
Weihnachten 2002 tischte der "Spiegel" in einer Titelgeschichte
"Die Erfindung Gottes" über ein Dutzend Seiten Ergebnisse
archäologischer Forschung auf, nach denen die historische Genauigkeit
der biblischen Schriften arg in Zweifel zu ziehen sei. Die Botschaft des
Artikels: Der eine Gott der Juden und der Christen und sein Wirken in
der Geschichte sind eine Erfindung mehr oder weniger frommer Leute, die
dafür die historische Wahrheit immer wieder mal kräftig verbogen
haben.
Die Story
enthielt zwar eine ganze Reihe schon älterer wissenschaftlicher Hüte,
wichtiger aber ist, dass die Botschaft an der eigentlichen Frage glatt
vorbeiging. Denn was würde es heute helfen, wenn wir genau wüssten,
ob und wann Moses wirklich die zehn Gebote auf dem Sinai empfing? Ob die
Mauern von Jericho tatsächlich unter Einwirkung von Blasmusik zusammengefallen
sind oder ob Jesus in der Tat mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend
Leute satt gemacht hat? Selbst wenn es damals so gewesen sein sollte:
Es wäre heute nicht mehr als eine Erinnerung an große, aber
ferne Zeiten. Mit unserer Zeit, unserem Leben, unserem Denken, unserem
Glauben hätte es herzlich wenig zu tun.
Glaube
und "Beweise"
Es sei denn, wir verstünden diese alten Berichte wie schriftliche
"Beweise" für etwas, das sich ansonsten menschlichem Begreifen
entzieht: den Glauben an einen lebendigen Gott, der mit den Menschen und
dieser Welt durch ihre Geschichte geht. Wunderbar wäre es, solche
zweifelsfreien Beweise zu haben. Die Mühsal des eigenen Glaubens
würde dadurch beträchtlich geringer. Vielleicht deshalb verteidigen
nicht wenige Christen ihre Auffassung, dass die Bibel wörtlich von
Gott diktiert sei und nicht wissenschaftlich mit solchem Nachdruck befragt
werden dürfe. Aber wie viel helfen "Beweise", die zuerst
eine harte Grenze für das eigene Nachdenken ziehen müssen? Vor
keinem Gericht der Welt wirkte so etwas glaubwürdig.
Zeugen-Aussagen
Vor Gericht und bei der Frage nach Gott aber ist das seit jeher der entscheidende
Punkt: Wie glaubwürdig sind die Zeugen? In diesem Sinne ist die Bibel
voller menschlicher Zeugenaussagen über Gott, seine Macht, seinen
Zorn, sein Leiden an der Welt, seine Liebe und seine Treue. Alles hängt
davon ab, welchen Zeugen man glauben kann und will. Da kommt nun jeder
einzelne Mensch ins Spiel, der die Bibel aufschlägt und ihren Texten
begegnet. Wer sie distanziert liest wie ein historisches Dokument, wer
die Zeugen nicht an sich heranlässt, für den wird die Bibel
nicht zu sprechen beginnen. Aber wer entdecken kann, dass die Lebensfragen
der uralten Zeugen auch seine eigenen sind, wer sich in ihren Zweifeln
und Verirrungen, ihren Sehnsüchten und Träumen wiedererkennt,
für den können diese Texte wunderbare Hoffnungsgeschichten werden.
Denn allesamt bezeugen sie, dass Gott seine Menschen und seine Welt nicht
fallen lassen will, im Leben und im Sterben.
Joachim
Schmidt
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