Dem Glück 
 erlauben, uns zu finden

Sie wollen nicht belehren, sondern appellieren an die Fantasie und die Sehnsucht. Mit feinem Witz und voll Menschlichkeit erzählen die chassidischen Geschichten Weisheiten über und für das Leben: Schlüsselgeschichten menschlicher Existenz voll Trost und Hoffnung nennt sie der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel.

"Ich habe niemals einer Sache bedurft, bis ich sie besaß", sagte Rabbi Jechiel Michail:
"Denn dass ich sie nicht besaß, war Beweises genug, dass ich ihrer nicht bedurfte." Hintergründig schauen die chassidischen Lehrer auf das Leben. Die große jüdische Bewegung - Chassid bedeutet übersetzt etwa "der Fromme" - entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Südpolen und breitete sich schnell in Osteuropa aus. Dort lebten viele Juden verarmt, am Rande der Gesellschaft. Die Chassidim ermunterten die Menschen, sich nicht minderwertig zu fühlen und den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren.
"Ich liebe die Armut", sagte gut gelaunt Rabbi Nachum, der ein bescheidenes, strenges Leben führte. "Sie ist ein Geschenk Gottes an den Menschen. Ein wahrer Schatz. Und kostet nicht viel." Chassidischer Humor. Durch das Lachen ändern sich die Dinge nicht, aber wir schauen anders auf sie. Und Humor irritiert erfolgreich unsere Vorurteile und fest gefügten Vorstellungen von der Welt. Rabbi Levi-Jizchak sah einen Mann, der durch die Straßen hastete, und rief: "Warum rennst du so?" - "Ich gehe meinem Erwerb nach." - "Deswegen läufst du? Und woher weißt du, dass dein Erwerb vor dir herläuft, dass du ihm nachjagen musst? Vielleicht ist er dir im Rücken und du brauchst nur innehalten, um ihm zu begegnen."
Die Geschichten der Chassidim - sie wurden als Erinnerungen an bedeutende Lehrer und ihre Aussprüche anfangs mündlich weitergegeben - sind voll Mitgefühl mit den Menschen, ihren Schwächen, ihrem Zweifel, ihrem Scheitern und ihren Neuanfängen. Rabbi Levi-Jizchak überdachte jeden Tag vor dem Einschlafen den verflossenen Tag. "Levi-Jizchak hat heute gesündigt", sagte er unter Tränen, "aber er verspricht, nicht mehr rückfällig zu werden. Gestern hat er den gleichen Entschluss gefasst? Ja, aber heute Abend meint er es ernst."

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Literaturhinweise zu chassidischen Geschichten finden Sie hier »

Man muss bei sich beginnen, ist eine der chassidischen Lehren. "Die Wandlung meiner selbst ist der Punkt, von dem aus ich an meinem Ort die Welt bewegen kann", schreibt der Philosoph Martin Buber, der Anfang des 20. Jahrhunderts die chassidischen Geschichten durch Nacherzählungen wieder bekannt machte.
"Die meisten Menschen eilen hin und her, immer im Kreise herum, auf der Suche nach Glück und der Jagd nach Reichtum, und sie sind enttäuscht, wenn sie weder das eine noch das andere finden", pflegte Rabbi Chajjim zu sagen: "Vielleicht wäre es besser, wenn sie einmal einhielten und dem Glück erlaubten, sie dort zu finden, wo sie sind."
Der Chassidismus, sagt Elie Wiesel, söhnt die Menschen mit der Idee des Glücks aus. Denn der Mensch ist auf der Welt, um glücklich zu sein, um in einer Welt zu leben, die von Gott geschaffen und zur Fröhlichkeit bestimmt ist.

Rainer Lange


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