echt Interview

 

In eine Geschichte springen
– mit Leib und Seele

 

 

Hannelore Hoger

 

 

Als ZDF-Kommissarin „Bella Block“ verkörpert die vielfach ausgezeichnete Hannelore Hoger eine der originellsten Figuren des deutschen Fernsehens.
Schauspieler gehören zu den ältesten Geschichtenerzählern – und niemand erreicht heute mehr Menschen. Im Gespräch mit echt plädiert die Hamburgerin für gute Storys – und ein gesundes Maß Wirklichkeit.

 

Hat man Ihnen als Kind Geschichten erzählt?
Meine Mutter war eine sehr fantasievolle Frau. Sie und mein Vater haben mir oft vorgelesen. Weil er Inspizient beim Theater und ich oft bei ihm hinter der Bühne war, habe ich schon als fünfjähriges Mädchen viele Geschichten gehört und gesehen. Außerdem habe ich sehr früh angefangen zu lesen.
Auch heimlich – und alles, was man eigentlich nicht lesen durfte. Hauptsache, das Bild auf dem Cover interessierte mich.

Heute lesen Sie auch Märchen auf der Bühne,
etwa von Oscar Wilde …

…die mag ich besonders gerne…

… und in Ihren Fernseh- und Theaterrollen tauchen Sie ständig in fremde, erfundene Biografien ein. Wie nahe geht Ihnen das?

„Brüderchen und Schwesterchen“ kann ich heute noch nicht laut vorlesen, ohne dass ich anfange zu weinen, wenn es heißt: „Was macht mein Kind, was macht mein Reh? Nun komm’ ich noch einmal und dann nimmermeh’“. Die Grimm’schen Märchen sind ja auch ungemein grausam. Als junge Schauspielerin hingegen habe ich oft nur geahnt, worum es in einem Stück ging. Als meine Tochter noch klein war und ich in der „Dreigroschenoper“ spielte, fragte sie mich völlig verblüfft: „Mama, warum hast du einen Mörder geheiratet?“ Das hatte ich mir noch gar nicht überlegt. Schauspieler denken auch nicht in solchen Kategorien. Sie interessieren sich meistens weniger für die Geschichte als für sich selber und die Schwierigkeiten der Rolle. Wobei das überhaupt nichts Schlechtes sein muss, denn für alles andere ist ja der Regisseur zuständig.

Wie nähern Sie sich einer Figur an?

Wenn es, wie manchmal bei „Bella Block“, eine Romanvorlage gibt, lese ich die zuerst, dann das Drehbuch. Je entfernter mir die Figur ist, desto schöner für mich. Das eigentliche Spielen ist nicht so einfach zu erklären. Zum Beispiel die Penthesilea (Amazonenkönigin im gleichnamigen Trauerspiel von H. von Kleist): Nachdem sie mit Löwen und Tigern aufs Schlachtfeld gezogen ist und im Trojanischen Krieg von Achill getötet wurde. Dann können Sie als Darstellerin nicht aus der Kantine kommen, wo sie gerade lässig eine Cola getrunken haben. Sie müssen etwas mit sich machen, sich emotionalisieren. Auf welche Weise man das tut, ist bei allen anders. Entscheidend ist: Als Schauspieler müssen Sie sich innerhalb weniger Minuten in einen bestimmten Zustand versetzen können und mithilfe Ihrer Fantasie, des Textes und der Situation Ihren Gefühlen und Ihrem Körper folgen – und dann die Szene spielen.

Doris Gercke, die Erfinderin von „Bella Block“, fand, Kriminalromane hätten die Wirklichkeit abzubilden, wahrhaftig zu sein.
Können fiktive Geschichten unverfälscht das wirkliche Leben wiedergeben?

Nur zum Teil. Andy Warhol hat einmal die Leute zwanzig Stunden am Stück vor der Kamera agieren lassen. Diese Form von Wirklichkeit ist irgendwie authentisch, bleibt aber doch künstlich. Schließlich wählt schon die Kamera den Blickwinkel
und Bildausschnitt. Selbst im „Big Brother“- Container wissen alle, dass sie sich in einer künstlichen Situation befinden, und wollen interessant wirken.

Hatten Sie bereits einmal das Gefühl, mit einer Figur zu verschmelzen?

Nein. Ich weiß immer ziemlich genau, wer ich bin (lacht) und dass ich eine Rolle spiele. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Grade von Spaß bei der Arbeit.

Mögen Sie Tratsch?

Nur bedingt. Gerüchte kommen immer mit einer Portion Gemeinheit und Boshaftigkeit daher. Im Flugzeug oder beim Zahnarzt blättere ich die Illustrierten durch, aber mich interessieren meistens die Bilder mehr als der Text, der ohnehin dämlich ist und nicht stimmt. Nicht von ungefähr heißt es: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden über deinen Nächsten.“

Eine Geschichte, die Sie nie öffentlich erzählt haben, ist die vom Vater Ihrer Tochter Nina. Ist das eine Art Familiengeheimnis?

Überhaupt nicht. Aber erstens ist er seit über 30 Jahren tot und hat zweitens in meinem Leben keine weitere Rolle gespielt. Darüber hinaus gibt es nichts zu berichten.

Welche Geschichten finden zu wenig statt im Fernsehen und auf der Bühne?

Die Problematik des Alters, der Vereinsamung, der Lebensqualität – gerade wenn es um Frauen geht. Der Mann hat eine Neue, die Kinder sind groß: Für viele Frauen ist es nicht so einfach, in der zweiten und dritten Lebensphase wieder einen Partner zu finden, und im Beruf sind sie auch nicht mehr so gefragt. Das Thema finde ich interessant.

Braucht es für solche Stoffe ältere Autoren?

Nee, dafür braucht es Fantasie und das Erkennen dessen, was in unserer Gesellschaft los ist.

 

INTERVIEW: THOMAS ÖSTREICHER

Foto: Manju Sawhney


erschienen in echt, 1. Quartal 2003
Copyright by EKHN, Darmstadt
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