Der lange Weg zum Traualtar

Gerhard und Gerlinde Klink sind seit 30 Jahren zusammen. Sie hatten Krisen und gute Zeiten, Durststrecken und Glücksmomente. Ganz normal. Aber sie hatten zwei Hochzeiten. Porträt eines Paares, das sich erst nach 25-jähriger Ehe kirchlich trauen ließ.

 

Die erste Hochzeit
Sie haben jung geheiratet. Gerlinde war gerade 18, Gerd 22, als sie in Fulda aufs Standesamt gingen. "Die Hochzeit damals war nicht besonders bewegend", sagt Gerlinde im Rückblick. Romantische Motive hatte das Pärchen nicht. Sie wollten zusammenleben, und Gerlindes katholische Eltern wollten eine wilde Ehe keinesfalls billigen.

Die Kinder, das Haus
Acht Jahre nach der Hochzeit hatte das Paar eine Menge geschafft. Sie hatten sich qualifiziert: Gerlinde mit dem Fachabitur an der Abendschule, Gerd war nach dem Fachhochschulabschluss in einer Klinik als Suchttherapeut eingestiegen. Die beiden hatten zwei Kinder, Jan und Kathrin. Sie bauten ein Haus im Grünen, "natürlich viel in Eigenleistung". Und bald schon saßen die jungen Eheleute tüchtig und erfolgreich im schönen neuen Haus, "einer in der einen Ecke, der andere in der anderen, scheinbar gemeinsam. In Wirklichkeit war nichts mehr gemeinsam." Die erste große Krise war da.

War alles falsch?
"Ich wollte am Sonntag endlich mal was erleben", sagt Gerlinde, "ich hatte ja die ganze Woche bei den Kindern gehockt, und der Gerd wollte nur noch seine Ruhe, der hatte ja die ganze Woche gerackert." Er sagt: "Wir waren entfremdet und haben noch nicht mal was gemerkt von der Entfremdung." Pause. "Dann kam der Skiurlaub." Gerd hält inne und sucht Gerlindes Blick. Da war etwas, was nur die beiden angeht. Fest steht: Gerd stellte sein Leben komplett in Frage: Sollte er alles neu, alles anders machen?

Lösungen
Gerd und Gerlinde sprachen sich aus, über den Mangel, über die Belastungen, über ihre Wünsche an das gemeinsame Leben, und dann probierten sie etwas Neues. Sie machten Sonntagsausflüge mit den Kindern, entdeckten eine Nordseeinsel für sich, ein neues Interesse für die Familie und füreinander. Und sie fanden - jeder für sich - zurück zum Eigenen. Gerlinde arbeitete wieder, halbtags, Gerd spielte wieder Bass. Da kam das Glück zurück.

Die Bewährungsprobe
Gerd konzentrierte sich nun zunehmend auf seinen Beruf, bastelte an Konzepten für eine eigene Praxis als Berater und Therapeut. Da war sie dann, die nächste Krise. In seiner Aufbruchstimmung konnte Gerd nicht mehr unterscheiden, was ihn mit einer Kollegin verband. Wollte er mit ihr eine Praxis gründen - oder war da mehr? Er bat seine Frau: "Bleib da und hilf mir." Gerlinde wirkt, als habe es damals weder Kränkungen noch innere Kämpfe gegeben. Wie konnte sie das aushalten? Entscheidend war: "Der Gerd war eindeutig, und ich wusste, dass er mich nicht hintergeht." Es dauerte, aber Gerd bekam klar, "wo ich hingehöre mit meinen Emotionen".

Erfahrungsschatz
Das war vor 8 Jahren. Derzeit ist kein Wölkchen am Horizont. "Wir haben keine Einschlafphasen mehr in unserer Beziehung", sagen die beiden, sie bemühen sich umeinander. "Ich erkenne rechtzeitig, wenn ich zu viel arbeite", sagt Gerd, "und bin nicht mehr bereit, der Arbeit meine Beziehung zu opfern." Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, nimmt die alltägliche Belastung ab. "Und wenn man mehr Zeit hat, merkt man eher, wo es fehlt."

Was sie gelernt haben? Bereit sein, mit dem Rhythmus des andern mitzuschwingen, eine gemeinsame Schwingung zu entwickeln. Zurückstecken, das auch. Große Entscheidungen nur einvernehmlich treffen. Sich freuen, wie der andere sich entfaltet. Gerd kommt ins Schwärmen: "Ich bin ganz angerührt, wenn ich merke, wie es ihr gut geht. Da entsteht Nähe und Intimität, wie ein Kreislauf, der sich nährt." Gerlinde lächelt vergnügt und schweigt sich aus. Was ist ihr Part in der Beziehung? "Ich habe gestützt, gesteuert und Impulse gegeben." Gerd ergänzt: "Weise. Weise Impulse." Und so lächelt sie auch.

Hochzeit im Januar 2000 in der Kirche. Kathrin trägt das Kleid, das ihre Mutter bei der ersten Hochzeit auf dem Standesamt anhatte.

 

Die zweite Hochzeit
Eh sie sich versehen, sind 25 Ehejahre um. Die silberne Hochzeit steht an. Gerd hegt einen großen Wunsch, "tief drinnen im Herzen verborgen". Als er den Mut fasst, ihn auszusprechen, rennt er offene Türen ein. Er will nach 28 bewegten Jahren mit Gerlinde "auf einer tieferen Ebene noch einmal ja zueinander sagen". Das gegenseitige Versprechen erneuern, vor Verwandten und Bekannten, vor allem aber - diesmal - vor Gott. Ein innigeres Ja soll es sein, ein deutlicheres als damals. Und zwar in der Johann Sebastian Bach Kapelle in Biberstein, Gerds "sakraler Heimat". Dort ist er Kirchenvorstand und Küster.

Es wird ein ganz persönlicher, ökumenischer Gottesdienst. Die Pfarrerin lässt die Jahre Revue passieren, die guten und schweren Zeiten. Gerd und Gerlinde sagen Dank für die gemeinsamen Jahre und bitten um den Segen für die Zukunft. Trauzeugen sind die erwachsenen Kinder, Jan und Kathrin. Sie stehen hinter den Eltern und stärken ihnen den Rücken, als sie die Formel sprechen, "bis dass der Tod uns scheidet". Wie sich das anfühlte, "die ganze Familie im Altarraum vor Gott", und was das bedeutet, ist kaum in Worten zu fassen. "Da war ein Schauer", sagt Gerd. Und Gerlinde war ziemlich bewegt, diesmal. "Ich musste aufpassen, dass es nicht aus den Augen tropft, wegen der Schminke. Es war so schön und ... irgendwie heilig."


Marie Lampert