Von der Temperatur Gottes

 

Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme Gottes, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen.
Hohes Lied 8, 6-7

Dass Gott und Liebe etwas miteinander zu tun haben, hat sich herumgesprochen. Zumindest der Gott, zu dem Jesus Vater gesagt hat, ist für uns ein Gott der Liebe. Wir haben uns darum angewöhnt, ihn mit "Lieber Gott" anzureden, nicht etwa mit "Großer Gott" oder "Furchtbare Gottheit". Aber manchmal denke ich, mit dieser gängigen Anrede "Lieber Gott", die so ähnlich klingt wie unsere Anrede in einem Brief an die alte Patentante, machen wir Gott langweilig und leidenschaftslos. Von feuriger Glut und unwiderstehlicher Leidenschaft jedenfalls ist nichts zu spüren. So aber beschreibt die Bibel die Liebe.

Wenn von Liebe die Rede ist, klingen und schwingen bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Gefühle mit. Manche sind gerade bis über beide Ohren verliebt, andere verzehren sich vor Sehnsucht nach einem passenden Gegenüber, ein altes Paar blickt dankbar auf 50 gemeinsame Ehejahre zurück. Die allein erziehende Mutter bittet ihre zwei Kinder darum, dass sie lieb sind, und meint damit, dass sie gehorchen sollen. Und dann sind da noch die enttäuschte Liebe, die Feindesliebe oder auch die sich in der Pflege kranker Menschen aufopfernde Liebe. Wie sieht die Liebe Gottes aus?

Martin Luther hat eine wirklich heiße Beschreibung versucht: "Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der von der Erde bis an den Himmel reicht." Mit anderen Worten: Von Gottes Liebe kann man gar nicht groß und heiß genug denken: Sie ist stark wie der Tod - wie es im Hohen Lied des Salomo heißt. Sie ist gewaltig und umwerfend, unüberwindlich und unwiderstehlich. Die ganze Welt vom Himmel bis zur Erde wird von dieser Glut vorm Erfrieren bewahrt. An diesem Backofen voller Liebe kann ich mich wärmen.

Aber an diesem liebenden Gott kann man auch irre werden, vor allem, weil diese Liebe wie jede Liebe so wehrlos ist. Liebe zwingt niemanden, sondern sie wirbt um Menschen. Liebe macht schutzlos und angreifbar. Sie riskiert, enttäuscht zu werden. Auch dieser wärmende Backofen voller
Liebe wird verachtet und missverstanden. Doch Gott hält an seiner Liebe fest: "Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm."
(1. Johannes-Brief 4, 16)

 

Helwig Wegner (53) ist evangelischer Pfarrer und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Ich könnte verstehen, wenn sich Gott zornig nicht mehr alles gefallen lassen würde - vom Missbrauch seines Namens bis zur Beschädigung der Schöpfung. Ich könnte verstehen, wenn Gott sich wie ein immer wieder enttäuschter oder betrogener Partner um die Scheidung bemühen würde. Dafür könnte ich Verständnis aufbringen. Aber seine weiter diese Welt erfüllende heiße Liebe, die kann ich kaum verstehen. Die kann ich mir nur immer wieder zusagen lassen. Und ich kann Gott, diesen Backofen voll Liebe, feiern, spätestens wieder an dem Fest der Liebe, an Weihnachten.