schenken


Geschenke sind die Nahrung der Liebe. Die Heiligen Drei Könige schenkten Weihrauch, Gold, Myrrhe. Vor allem aber widmeten Kaspar, Melchior und Balthasar dem Kind in der Krippe eine weite Reise und die Verneigung vor dem Heiland und seiner Mutter. Schenkten also Zeit und Respekt.

Aus ganzem Herzen 


Geschenke sind die Nahrung der Liebe. Die Heiligen Drei Könige schenkten Weihrauch, Gold, Myrrhe. Vor allem aber widmeten Kaspar, Melchior und Balthasar dem Kind in der
Krippe eine weite Reise und die Verneigung vor dem Heiland und seiner Mutter. Schenkten also Zeit und Respekt.

Nicht immer, das sei zugegeben, sind wir ihnen für ihr Vorbild dankbar. Wenn ich wieder am Samstag des vierten Advents von Menschenmengen durch die Innenstadt geschoben werde, ein Lautsprecher die James-Last-Version von "Stille Nacht" hervorpresst und ich die Regale vergebens nach Geschenken absuche, wünsche ich, die Könige wären im Morgenland geblieben und hätten es mit einer Glückwunschkarte zur Geburt bewenden lassen. Was Jesus ihnen zurückgegeben hat, kann ich nur ahnen. Dass ich von Mutter, Oma, Bruder im vergangenen Jahr den Pullover, die gewünschte Teekanne, die heiß geliebte CD bekam, ist mir noch bewusst, und dass die Liebesgabe Austausch will, auch.

Jakob Grimm, der Märchenerzähler und Sprachforscher, schreibt: "In der Regel scheint zwar nur des Geschenks Empfänger zu gewinnen, der Geber zu verlieren, doch insgeheim fordert Gabe zur Gegengabe, ja bei feinerem Gefühl selbst zu Höherem, Überbietendem auf." Das hieße nun, Pullover, Kanne, CD zu überbieten! Nur wie?

Und für den Liebsten? Nein, das ist keine Frage. Die Liebe ist noch frisch und die Ideen, wie ihm Freude zu bereiten sei, schwirren nur so durch Kopf und Herz. Und ach, diese Spannung, wie er dann auspacken wird - gut, dass die Könige damals das Schenken einführten ... Das Wort "schenken" stammt gar nicht aus den Gefilden des Gabentischs. Vielmehr hat es seine Wurzel in "schief halten", woraus sich das Wort "einschenken" entwickelte. Das Verb "geben" aber ist an "binden" angelehnt und das bedeutet, dass im Geben eine Verbindung, eine Beziehung, ihren Ausdruck findet.

Ganz früher war Schenken kein Problem. Mit glühenden Wangen vor dem Emailleofen gestanden, dem Vater, der nie rauchte, den Aschenbecher geschenkt und gewusst, er wird, und sei es ein bisschen zu scheu und flüchtig, mich zu sich heranziehen, sich bedanken. Und ich war groß, fähig, etwas zu geben. Kostbare Erinnerung.

In einem kleinen Café kann ich die Gedanken ziehen lassen und Geschenke ausdenken, die zu Beziehungen passen: Mit der Oma einen Tag verbringen, in der Stadt, in der sie geboren ist. Mit der Mutter könnte ich endlich das Musical anschauen, vielleicht sogar mit dem Bruder. Wieder einmal Familie sein. Was früher selbstverständlich war - heute schreibe ich dafür einen Gutschein und verschenke ihn. Zeit, Zuwendung widmen: die Vorratskammer der Liebe öffnen. Meinem kleinen Bruder dagegen sollte ich Schweigen schenken, weniger an ihm herummeckern. Vater könnte dies auch tun. Tante Anna würde uns reich beschenken, wenn sie sich etwas seltener zum Tee ankündigte. Den Raum der Selbsterkenntnis aufstoßen und Selbstbeschränkung üben, Freiheit schenken. Ein neues Geschenk. Schwer zu wählen, schwer zu verpacken. Manchmal gehört zu einer Gabe eben eine weite Anreise. Wie bei den Heiligen Drei Königen.

Irene Dänzer-Vanotti


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