"Auf
einmal war der Papa weg ..." Über 190.000 Ehen werden jährlich in Deutschland geschieden und oft sind Kinder mitbetroffen. "Während es für die Eltern Beratungsangebote gibt, stehen Kinder in dieser Situation meist alleine da", stellten Olaf Göttert und Almut Holz fest - und schafften Abhilfe: Seit 1997 leiten die Sozialarbeiter die "KITS-Gruppen" der Evangelischen Familienbildungsstätte Wiesbaden. Was ist Scheidung?" Ein großes Plakat hängt an der Wand der Turnhalle. Die Turnhalle ist klein. Acht Kinder sitzen auf einer großen Matte. "Endlich ist der Stress vorbei und mein Vater nicht mehr da", erzählt ein Junge. Dann herrscht für einige Sekunden Stille, bevor ein Mädchen ihn leise ergänzt: "Wir sind umgezogen, auf einmal war der Papa weg." "Wenn einer getrunken hat und etwas schmeißt - da kriegt man Angst", sagt ein anderes Kind. Olaf Göttert notiert alles auf der Wandzeitung und die Runde überlegt: Wie kann man in solchen Situationen reagieren? "Wir möchten die Kinder stärken, ihre Position zu finden und auszudrücken", erklärt Almut Holz. Frank und Doris helfen dabei. Die beiden Handpuppen, in deren Rollen die Sozialarbeiter immer wieder schlüpfen, bringen neue Themen ins Gespräch: "Was verändert sich durch Scheidung?", "Was kann man gegen Wut tun?", "Welche Zukunftswünsche habe ich?" Mit Rollenspielen und Theatereinlagen drücken die Kinder ebenso ihre Gefühle aus wie mit selbst gemalten Bildern, etwa von Familienfeiern. "Wer darauf zu sehen ist und wer nicht - das ist eine gute Gesprächsbasis", bemerkt Almut Holz. "Wir verfolgen keinen therapeutischen Ansatz, sondern möchten einen angstfreien Raum bieten, in dem die Kinder lernen, sich zu artikulieren." Um niemanden zu überfordern, gibt es immer wieder Phasen, in denen einfach nur getobt und gespielt wird. Und am Ende eines Treffens steht jeweils ein Fazit. Heute sind sich die Kinder einig: "Die Schuld an der Scheidung der Eltern tragen nicht die Kinder." Das, erklärt Olaf Göttert, sei eine wichtige Erkenntnis, denn Schuldgefühle hätten fast alle Trennungskinder. "Scheidung ist in vielen Familien ein Tabu-Thema", so Paula G. Lichtenberger, Leiterin der Wiesbadener Familienbildungsstätte, "Kinder aber beschäftigen sich intensiv mit der Trennung ihrer Eltern." Wichtig ist, für mehr Klarheit zu sorgen: "Anwälte, Jugendamt, Gericht - die Kinder haben einiges mitgekriegt und bringen vieles durcheinander." Und oftmals sind dann neue Partner von Mama oder Papa die Auslöser für weitere Konflikte. "Seit
sie in der KITS-Gruppe ist, spricht meine Tochter offener über das
Verhältnis zu mir", freut sich Christine Breuer*, Mutter der
siebenjährigen Jenny*. Doch das neue Selbstbewusstsein der Kinder
ist für die Eltern nicht nur einfach. Manche hinterfragen plötzlich
kritisch die Version, die ihnen über den Grund der Scheidung erzählt
wird, oder stellen wie Dennis* bisher ungekannte Forderungen. Der Zehnjährige
führt seit Tagen hitzige Diskussionen mit seiner Mutter, weil er
seinen Papa wiedersehen möchte, der jeden Kontakt abgebrochen hat.
Olaf Göttert hat ihm nun geholfen, einen Brief an den Vater zu formulieren.
"Wir drängen die Kinder zu nichts, sondern geben ihnen Hilfestellungen",
erklären die Sozialarbeiter. Darüber hinaus bieten sie Eltern
Einzelgespräche an. "Je besser alle Beteiligten eine Trennungssituation
verarbeiten", resümiert Paula G. Lichtenberger, "umso günstiger
sind die Voraussetzungen für neue Beziehungen."
Jörn
Dietze
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