Stell dir vor, du bekommst eines Tages eine Vase geschenkt. Du siehst sie an und denkst: Schön, dass du eine neue Vase hast, wo dir die alte doch gerade aus der Hand gefallen ist. Und dann stellst du verblüfft fest, dass sie hauchzart ist, mindestens aus der Ming-Dynastie stammt und äußerst vorsichtig behandelt werden muss. Eine Gebrauchsanweisung liegt nicht bei. So ist das mit der zweiten Liebe: ein Schatz. Hauchzart und mit äußerster Sorgfalt zu behandeln. Der Umgang muss gelernt werden, Schulungen werden nicht angeboten, das Programm heißt: Learning by doing.


Liebe, die zweiteAchtung - nicht die alten Fehler wieder machen. Der Schatz hat
eine Vergangenheit, die sich in allem von meiner unterscheidet:
andere Eltern. Andere Spielplätze. Andere Strafen, andere Belohnungen. Und aus all dem hat er andere Schlüsse für das Leben
gezogen. Der Schatz ärgert sich über Dinge, die mir völlig egal sind. Der Schatz weint dort, wo ich lachen muss. Er fühlt sich
gekränkt, wo ich keine Kränkung entdecken kann.


Da fängt dann gewöhnlich der Kampf an: meine Erfahrungen gegen deine. Ich habe Recht, du hast Unrecht. Meine Sicht der Welt und deine Sicht der Welt. Achtung - nicht die alten Fehler wieder machen. Nicht so lange aufeinander einhacken, bis zwei Köpfe in der gleichen Weise nicken und zwei Münder nur noch in der Wir-Form sprechen. Lieber mal fragen. Wenn du so fremd bist wie die Ming-Vase, dann erzähle mir Geschichten aus der Zeit, aus der du stammst. Ich höre zu. Vielleicht bekomme ich eine Ahnung von deiner Welt. Und dann erzähle ich dir Geschichten aus meiner Welt - aber auch die werden dir nicht viel darüber verraten, warum ich anders bin als du. Lass uns einen Vertrag machen: Du bleibst du und ich bleibe ich. Lass uns bescheiden anfangen. Was wissen wir schon über Vasen aus der Ming-Dynastie?


Die Vereinbarung heißt: Lass uns einfach Fremde bleiben. Das erhält die Achtung für einander. Wir erziehen uns nicht um. Lass uns über den Reichtum der Macken lachen, die ein Mensch so haben kann. Lass uns versuchen, mit dem Gedanken zu leben, dass wir überwiegend Ein-Personen-Stücke aufführen. Manchmal zur Freude des anderen, manchmal zu seinem Ärger. Wer das Stück nicht versteht, muss den Autor nach dem Drehbuch fragen. Wenn er das Stück erklären kann - kann die Liebe ein Stück wachsen.


Da lädt die zweite Liebe Freunde ein, die ich nicht kenne. Ich will nett sein. Er soll Zeit für sie haben. Also räume ich nach der
Vorspeise die Teller vom Tisch, bringe das Hauptgericht, schenke Wein und Wasser nach. Da sagt die zweite Liebe: "Du musst hier nicht die Hausfrau spielen!" Hau ihm die Bratpfanne über den Kopf, denke ich. Wenn die Gäste weg sind, gibt es Zoff.


Die zweite Liebe versteht kein Wort. Er hat mich beleidigt? Es war doch ein so netter Satz. Bleib sitzen, hieß dieser Satz, rede mit den Gästen. Meine Freunde sollen doch auch deine werden. Ich bin doch für das Kochen und das Räumen da.
Wie bitte? Das hieß dieser Satz?
Ja, sagt die zweite Liebe, ich bin immer der, der alles tut. Ich durfte niemals einfach nur sitzen bleiben und mich bedienen lassen.
Ach, so ist das mit dir? Ja, so ist das mit mir.
Es gibt kein Rezept für die Dauer einer zweiten Liebe. Aber mit diesem Fremden und unseren Nachrichten aus der Welt der Ming-Vasen lebe ich seit achtzehn Jahren.


Lisa Prust