Nach Bethlehem

Wenige Geschichten der Bibel haben die Phantasie der Menschen so angeregt wie die knappen Zeilen von der Geburt Jesu in Bethlehem. Unzählige "Krippenspiele" für den Heiligen Abend schmücken das Geschehen liebevoll aus. Immer im Vordergrund: Maria und das Kind. Immer im Hintergrund als stummer Zuschauer, nahe bei Ochs und Esel: Josef, der Ehemann. echt hat den Schriftsteller David Chotjewitz gebeten, eine Geschichte von Josef zu schreiben.

 

Zwischen dem staubigen Weg, der sich am Hügel hoch schlängelte, und dem Bach unten im Tal lagen Terrassen mit Olivenbäumen, unter denen der rote Mohn blühte. Josef blieb stehen, um auf den kleinen Reitesel zu warten, der Mirjam trug. Linker Hand sah er, in der tief stehenden Sonne, die Mauern und Türme Jerusalems, gekrönt vom Palast des Herodes. An manchem dieser Gebäude hatte er als Junge mitgebaut. Mirjam lächelte, während sie langsam näher kam, und es schien Josef, als würde auch der kleine Esel lächeln, der sie trug. Als sie ihn erreicht hatten, konnte Josef die Wärme spüren, die das Tier und seine Frau abgaben. Seit Sonnenaufgang waren sie ohne längere Rast unterwegs.

Josef schaute kurz hinauf zu Mirjam, dann zog er den Esel, bis er direkt neben ihm zu stehen kam, sodass sich Mirjam nun mit einer Hand auf seiner Schulter abstützen konnte. Keine zwei Stunden später erreichten sie einen Weinberg, hinter dem, das wusste Josef wie im Traum, die ersten Häuser Bethlehems in Sicht kamen. Obwohl er versuchte, sich zu beruhigen, spürte er, wie ihn eine starke Aufregung ergriff. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten, und über dem Tal mit den würfelförmigen, weißen Häusern stand Dunst und der Rauch aus zahllosen Herdfeuern. Josef überlegte, welchen seiner Brüder er als Erstes besuchen sollte. Er ermahnte sich, das war ja Unsinn, zuerst mussten sie zum Onkel, zum Bruder des Vaters. Zu dessen Haus gehörten Stallungen, die in den Stein gehauen waren. Wenn die Herden im Frühjahr auf die Weiden kamen, war es üblich, diese Räume an Reisende zu vermieten oder Besuchern zur Verfügung zu stellen. Und dann musste sich Mirjam ausruhen. Ohne den schon schwer erkennbaren Weg aus dem Blick zu lassen, wandte sich Josef kurz um, und er kam nicht umhin, beim Anblick seiner Frau an die Worte aus dem Hohen Lied zu denken: "Ja, du bist schön, meine Freundin. Zwei Tauben sind deine Augen. Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in Lilien weiden ..." Die Straße wurde belebter. Josef musterte manches der Gesichter, halb hoffend, halb fürchtend, dass ihn jemand erkennen könnte. Beides war unsinnig, viel zu jung hatte er seine Heimatstadt verlassen, um im Norden Arbeit zu suchen.

Er brachte den Esel vor einem kleinen, fensterlosen Gebäude zum Stehen. Einige Frauen standen um die tiefe Eingangstür herum. Mirjams fragenden Blick beantwortete Josef, indem er ihr die Hand reichte, um ihr vom Esel zu helfen. Dann sagte er: "Rahels Grab." Dieser Ort galt als bedeutendes Heiligtum. Hier hatte Jakob einen Grabstein errichtet, nachdem Rahel bei der Geburt ihres zweiten Sohnes gestorben war, und es hatte sich gezeigt, dass dieser Stein imstande war, Frauen zu helfen, die eine schwere Geburt befürchteten. "Fürchte dich nicht, denn auch diesmal wirst du einen Sohn haben", hatte die Wehmutter zu Rahel gesagt, und diesen Satz der Schrift wiederholte Josef im Stillen, während Mirjam von einigen Frauen ins Innere geführt wurde.

David Chotjewitz, geboren 1964 in Berlin, lebt in Hamburg als Schriftsteller und Regisseur. Zuletzt erschien bei Carlsen sein Roman "Daniel Halber Mensch", demnächst: "Abenteuer des Denkens", ein Roman über Albert Einstein.

Als er das Gebet beendet hatte, bemerkte er, dass er nicht der Einzige war, der vor dem Heiligtum auf seine Frau wartete. Ein junger Bauer ordnete die Taschen seines Maultiers, einige Männer standen zusammen und sprachen leise. Sie schienen nicht weniger nervös als er selbst. Josef schaute immer wieder zur Tür und ertappte sich bei der Befürchtung, Mirjam könnte das Gebäude nicht wieder verlassen. Doch da erschien sie schon, begleitet von einer der alten Frauen, die sich um den kleinen Garten kümmerten. Die Alte führte Mirjam am Arm und strahlte Josef an. "Die Niederkunft steht bald bevor", sagte sie lachend. "Vielleicht schon heute Abend." Auch Josef begrüßte sie lächelnd, doch ihm war, als würde ihn jeder Mut verlassen. Heute Abend schon? Die Alte plapperte weiter, ohne dass Josef ihr zuhörte. Er wusste, dass die Schwangerschaft bereits weit fortgeschritten war, viele hatten ihnen deshalb von der weiten Reise abgeraten. Seit Monaten schien es ihm, als könne Mirjams Bauch gar nicht runder und praller werden. Und doch war ihm die Vorstellung, dass Mirjam bluten und schreien würde, wie er es schon von so vielen Frauen gehört hatte, und dass bald ein winziges, verschrumpeltes Wesen als sein Kind in ihren Armen liegen würde, vollkommen unglaubwürdig. Die alte Frau lachte, als sie Josef so schweigend dastehen sah. Sie erkundigte sich nach ihrer Unterkunft und versprach, später am Abend vorbeizuschauen, falls eine Wehmutter gebraucht würde. Josef, der aus einer frommen, chassidischen Familie stammte, murmelte ein kurzes Gebet, eher er den heiligen Ort verließ. Dann half er Mirjam wieder auf den Reitesel, und sie gingen hinunter nach Bethlehem. Unterdessen war die Nacht hereingebrochen.