Liebe ist nur das BeigemüseDer Traum von der großen Liebe ist mächtig, überzeugende Vorbilder sind eher selten. Kennen Sie Rezepte für gelungene Liebe?
Ich mag diese Fixierung auf Liebe nicht, denn Liebe meint eigentlich immer romantische Liebe, das ekstatische Gefühl. Liebe kommt und Liebe geht. Für mich ist entscheidend, wie Paare miteinander leben und Zukunft entwerfen. Der Zeitgeist betont Liebe als Gefühl, als Passion. Aber ich habe Bedenken, dass dabei Alltag, Machtverhältnisse, Sexualität, Geld und so weiter ausgeklammert werden.

Krisen gehören zu einer lebendigen Paarbeziehung, sagt die Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin aus Meilen bei Zürich.
Seit 30 Jahren unterstützt sie Paare, passende Lösungen für schwierige Phasen zu finden. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und gute Erfahrungen mit dem Wandel in ihrer Ehe. "Wir sind vier Jahrzehnte zusammen, aber ich nicht mit dem gleichen Mann und mein Partner nicht mit der gleichen Frau. Veränderungen gab es viele! Aber die Beständigkeit war stärker, der gemeinsame Boden von Loyalität hat getragen."

Bücherliste - von Rosmarie Welter-Enderlin

 

 

Wenn Liebe nicht das Zentrum einer Beziehung ist, was ist es dann?
Es gibt kein Zentrum. Es kann einmal Verliebtheit sein, Lust und Leidenschaft, oder auch Bindung im Sinne einer beständigen Bezogenheit. Es kann Zuneigung sein, Vertrautheit, Respekt, es kann Zugehörigkeit sein. Es gibt viele unterschiedliche Fundamente und auch Phasen einer Beziehung. Liebe ist für mich da Beigemüse, ein Geschenk, kein Anspruch!

Die Liebe ist keine Himmelsmacht?
Gefühle fallen nicht vom Himmel, sie haben mit unserem Verhalten zu tun. Über Gefühle hat man keine Kontrolle, über Verhalten sehr wohl. Deshalb interessiert mich, unter was für Bedingungen eine Beziehung lebendig bleiben kann.

Paarinsel für junge Eltern

Junge Eltern brauchen ungestörtes Zusammensein als Paar. Das kann schon ein Abendspaziergang sein, wo beide wissen, jemand achtet auf das Kind. Diese Insel gibt dem Paar die Erfahrung: Wir sind auch eine Gestalt ohne das Kind. Oft organisieren sich Eltern rund um die Uhr um das Kind. Dann bekommen Kinder leicht einen falschen Stellenwert. Das bekommt weder Kindern noch Eltern.

Was können Paare tun?
Sie können beispielsweise in der ersten Phase der Verliebtheit, wenn es damit
ernst wird, Themen auf den Tisch bringen, die nicht sonderlich romantisch sind, aber das Zusammenleben bestimmen werden: Wie siehst du das mit Kindern? Wie mit Geld? Wie mit dem Beruf, wie mit Hausarbeit und so weiter? Paare sollten früh über solche Tabus reden: Was sie sich ersehnen und auch, was sie auf keinen Fall möchten.

Was sind kritische Phasen in Beziehungen?
Nach der Geburt eines Kindes ist die Paarbeziehung oft in einer großen Krise. Plötzlich erleben zwei Menschen, die vorher als eigenständige Personen gelebt haben, ein Ungleichgewicht. Einer muss das Geld verdienen und der andere - meist ist es die Frau, auch in modernen Beziehungen - ist zunächst zu Hause. Das Paar kann entweder in dieser neuen Konstellation "Familienehe" verschwimmen und sich als Liebende verlieren. Oder es muss einige Anstrengung leisten, um für sich Inseln als Paar zu finden. Die meisten rennen einfach atemlos weiter…

Ihre Beschreibung widerspricht dem Bild von den glücklichen jungen Eltern.
Es wird ja sogar munter vom "frohen Ereignis" gesprochen. Meine Erfahrung ist, dass selten so viel gelogen wird wie in dieser Phase, vor allem gegenüber Fremden. Paare erzählen, wie das Kind schon die ganze Nacht schläft und wie sie es wunderbar miteinander haben. Es wird zugepflastert, dass das Kind eine unglaubliche Anstrengung bedeutet.

Der klassische Krisenanlass ist die Untreue. Oft ist der erste Impuls, ich trenne mich. Welche Chancen sehen Sie für Paare?
Untreue ist oft eine etwas verquere Art von Treue zu sich selbst: zu den eigenen Wünschen und Lebensthemen, die man einer Beziehung "geopfert" hat, die einfach unters Eis gefallen sind. Und dann kommt jemand und belebt diese Dinge.

Schmutzschleuse

Wenn ein Paar jeweils wieder zusammenkommt am Abend, sind Konflikte oft absehbar. Es könnte eine Schmutzschleuse geben, wie in den Bauernhäusern, wo der Bauer die Stiefel abstellt und das Werkgewand aufhängt. Ein Ritual, eine halbe Stunde Zeit für jeden von beiden, - abwechslungsweise, wenn Kinder da sind - hilft Abstand zu schaffen zwischen der einen und der anderen Welt. Es hat große Bedeutung für die Art, wie Nähe wieder möglich ist.

Wie gehen Sie in der Therapie mit dem Thema Untreue um?
Jeder hat oft vor dem anderen wichtige Anliegen geheim gehalten und Unzufriedenheit nicht geäußert, um am Boot nicht zu rütteln. In der Therapie kommen solche Themen auf den Tisch. Das ist schmerzlich, kann aber sehr heilsam sein. Zu mir kommt ein Paar, da hat die Frau sozusagen aus heiterem Himmel zu ihrem Partner gesagt: Ich hab mich verliebt. Und ich überlege mir zu gehen. Für den Ehemann war das ein völlig unerwartetes schreckliches Ereignis. Es ist wahnsinnig schwer für ihn, zu respektieren, was seine Frau bewegt. Dass sie schon lange unglücklich war und glaubt, in der neuen Beziehung quasi die Lösung ihrer Probleme gefunden zu haben. Wenn er ihr Unglück versteht, kann Neues entstehen. Ich habe diese Erfahrung mit Hunderten von Paaren gemacht, die einen Neuanfang finden, der viel näher und viel bewegter ist, als was sie vorher hatten.

Wenn Paare in Krisen keinen gemeinsamen Weg mehr finden und sich trennen, gilt das gemeinhin als Katastrophe.
Diese Sichtweise sollten wir besser aufgeben. Wir müssen damit rechnen, dass Trennung zu unserem Leben gehört - und keine soziale Katastrophe ist. Und auch keine Katastrophe für die Kinder sein muss. Über Jahrhunderte endeten Paarbeziehungen durch den Tod eines Partners, nach durchschnittlich 10 - 12 Jahren. In Amerika gehen heute 50 - 60 Prozent der Beziehungen auseinander, weil die Partner sich dazu entschieden haben. Da hat sich etwas völlig umgekehrt gegenüber dem, was wir noch im Kopf haben.

Wie können Beziehungen auf Dauer gelingen?
Es gibt in der Schweiz zurzeit Plakate an der Straße: "Abstand halten - Abstand heißt Anstand". Das genau ist es. Beide können Abstand wahren und respektvoll miteinander umgehen. Das heißt, beide haben ein eigenes Leben und die Machtverhältnisse sind relativ ausgeglichen. Arbeit, Geld und Entscheidungsmöglichkeiten, diese Themen gilt es anzupacken - und nicht einfach auf die Liebe zu warten.

Interview: Marie Lampert und Rainer Lange