echt Glaube

Ersaufen lassen?

So hatte man sich im Hause Noah die Sache nicht vorgestellt. Der gewaltige Kahn, den der Alte in Auftrag gegeben hatte, ließ Komfort vermissen. Statt dessen: Laderäume, als ob man alle Reichtümer dieser Erde davonschaffen sollte. „Die Tiere müssen auch mit“, hatte der Alte auf Nachfragen gebrummelt. Die Familie hatte mal wieder nichts verstanden und dachte sich ihren Teil. Schon die Sache mit der großen Flut war so eine spinnerte Idee. Aber jetzt noch die Tiere mitnehmen, und zwar möglichst alle? Falls die Flut tatsächlich käme, hätten sie das Boot. Ein paar Ziegen und Schafe würden reichen. Lasst doch den Rest ersaufen!

Die uralte Geschichte von Noah und der großen Arche aus dem sechsten Kapitel des ersten Mosesbuches kennt heute noch jedes Kind. Bei den ebenso beliebten wie putzigen Bildern, wie unter der Anleitung Noahs die Tiere vom Elefanten bis zur Spitzmaus paarweise die Arche entern, gerät aber ein Gedanke regelmäßig in Vergessenheit: Warum eigentlich haben damals nicht nur die Menschen ihre Haut gerettet – wo sie das doch sonst immer tun?

Kein Kinderkram
Die Geschichte vom weisen Mann Gottes, der nicht nur seine Familie, sondern auch die Tiere vor der großen Flut bewahrte, hat man sich seinerzeit in Israel und anderswo erzählt, und sie war damals kein Kinderkram. Von Generation zu Generation überlieferte sie vielmehr ein tiefes Wissen vom Zusammenhang alles Lebendigen.

Denkt dran, dass die Menschen allein nicht überleben können, hieß die Botschaft. Die Tiere wurden vor uns geschaffen. Sie sind unsere Lebensgrundlage, nicht nur als Nahrung. Alleine wird der Mensch seine Haut nicht retten. Gingen die Tiere unter, verschwände auch er von der Erde. Und nach alter Überlieferung waren es nicht nur die Nutztiere, die Noah an Bord seiner Arche holte.

Eine verblüffend aktuelle Botschaft. Zwar gibt es manche Versuche, gefährdeten Tierarten neuen Lebensraum zu schaffen. Aber industrielle Tierproduktion und systematischer genetischer Raubbau sind viel schneller. Tausende von Tier- und Pflanzenarten verschwinden jährlich für immer von dieser Erde. Die Geschichte von Noah reicht tiefer und weiter als alle Nützlichkeits- und Rentabilitätsrechnungen unserer Tage.

Dass es so etwas wie einen Zahltag geben könnte angesichts des menschlichen Umgangs mit der Schöpfung, davon hatten offenbar schon die Alten eine dunkle Ahnung. Und sie erzählten die Geschichte von Noah: dem Menschen, der das Leben der Tiere so wichtig nahm wie sein eigenes – und am Leben blieb.

DR. JOACHIM SCHMIDT

Oberkirchenrat Dr. Joachim
Schmidt (54) ist Pfarrer und
Publizist und leitet die Öffentlichkeitsarbeit
der Evangelischen Kirche in Hessen
und Nassau.



erschienen in echt, 2. Quartal 2002
Copyright by EKHN, Darmstadt
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