Margot Enulat hat ihren kleinen schwarzen Hund mitgebracht. Wenn sie bei den vielen Vögeln ist, geht’s ihr gut. Sogar ein kleines Lächeln bringt sie dann zustande. „Die Leute kommen oft depressiv zu uns“, erklärt Franz Georg Müller, Leiter und Mitinhaber des Pflegeheims bei dem Dörfchen Günne in Nordrhein-Westfalen. „Sie denken, weil sie keine Leistung mehr erbringen können, taugen sie nichts mehr. Bei uns wartet wieder eine Aufgabe auf sie.“ Im Pflegeheim Müller warten rund 300 Tiere auf Ansprache und Pflege. Papageien, Nymphensittiche, Kaninchen und Hühner, sogar ein Pferd und zwei Kapuzineraffen sind dabei. Sie tummeln sich in Gehegen und Ställen auf einem rund 2 Hektar großen Grundstück.

Flirt mit dem Papagei

Mit ihnen leben 55 Menschen aus allen Pflegestufen, zwischen 44 und 96 Jahren alt. Hunde ausführen, Tiere füttern oder Böden wischen: Die Rüstigen und jung Gebliebenen packen mit an, sogar Alzheimer-Patienten können mithelfen. Ausgenommen sind nur Bewohner, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Kontakt zu Tieren haben sollten. Frau Enulat und ihre Freundin Elisabeth haben sich des Federviehs angenommen. „Ich lebe schon seit
 

15 Jahren hier, da wachsen einem die Tiere sehr ans Herz“, berichtet Elisabeth. Mehrmals am Tag gehen die agilen Damen in die Gehege. Und schon sitzen die bunt gefiederten Papageien, Kakadus und Aras abwechselnd auf ihren Schultern. Während Rico, Elisabeths Liebling, frech an den Knöpfen ihrer Bluse knabbert, nimmt ein Kakadu Frau Enulats Brille ins Visier. „Hey, lass das, die brauch ich noch“, ruft die alte Dame erheitert.

Katz und Hund als Elixier

An einem der vielen Tische im Wintergarten sitzen fünf Frauen und schnippeln den Berg grüner Bohnen, der vor ihnen auf dem Tisch liegt. „Die sind für die Schnippelbohnensuppe morgen“, sagt Maria Müller, die Mutter des Pflegeheim-Leiters. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie 1974 das Heim und kommt noch täglich zum Helfen. „Früher war das mal ein landwirtschaftlicher Betrieb, dann ein Gasthof, schließlich haben wir auf Wunsch der Gemeinde ein Pflegeheim daraus gemacht“, erzählt sie. Die Idee mit dem Einsatz von Tieren als therapeutischen Helfern ist der Familie zufällig gekommen: „Hier liefen schon immer Hunde und Katzen herum und wir merkten, wie schön das die alten Menschen fanden, also schafften wir nach und nach mehr Tiere an“, erläutert ihr Sohn. Während zu Füßen einer Gruppe alter Damen ein kleiner Hund schläft, hat es sich ein Papagei auf den Schultern eines Mannes bequem gemacht.

Ein wenig abseits, die milden Strahlen der Frühlingssonne im Rücken, sitzen mehrere Bewohner still nebeneinander. Rauchend, träumend, einer summt leise vor sich hin. „Tulpen aus Amsterdam“, sagt Maria Müller lächelnd. „Ja“, erwidert er. Draußen eilt derweil der 69-jährige Ernst Stratmann auf dem Hof hin und her, guckt nach dem Pferd, kümmert sich dann um die Kaninchen. „Ich habe ein Auge auf all das hier“, erklärt der ehemalige Landwirt stolz. Schon seit elf Jahren lebt er bei den Müllers und ist kein Einzelfall. „Die Leute sterben hier nicht so schnell. Dafür haben sie keine Zeit“, sagt Müller lächelnd.

Nathalie Heinke                    www.pflegeheim-mueller.de