Die Deutschen sind führend in Europa – mit ihren negativen Urteilen über „Fremde“. Das zeigen Umfragen des „Eurobarometers“ 1997 und 2000, das Fremdenfeindlichkeit misst. Einiges deutet darauf hin, dass fremdenfeindliche Einstellungen in den letzten Jahren zugenommen haben.

Gemeinsam mit Kollegen arbeitet Prof. Dr. Ulrich Wagner an einer neuen Untersuchung zu Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. 1951 im Ruhrgebiet geboren und dort aufgewachsen, leitet er heute die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg. Seine Schwerpunkte sind Konfliktforschung und Wirtschaftspsychologie. echt sprach mit ihm über Fremde, Zuwanderung und Integration.

Herr Wagner, warum machen Fremde so viel Angst?
Fremdenangst ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht das Ergebnis eines Erziehungsprozesses. Man kann sie keinesfalls – wie es manche tun – damit begründen, dass schon Säuglinge auf unbekannte Gesichter zurückhaltend reagieren. Ob man mit Neugierde oder mit Angst auf Fremde zugeht, ist eine Frage von Erfahrung.

Wer genau sind eigentlich „die Fremden“?
Ob etwas fremd oder vertraut ist, hängt davon ab, was wir als „fremd“ kennzeichnen. In den 60er-Jahren waren es italienische Zuwanderer, die uns als fremd erschienen, seit den 70ern sind es sehr stark Menschen aus dem islamischen Kulturkreis: Männer mit langem Bart und Frauen mit Kopftuch. Zu anderen Zeiten galten Italiener, Asylsuchende aus Südost-Asien – Boatpeople – oder Osteuropäer als Fremde.

Dient Ausgrenzung von Fremden dem Überleben von Gesellschaften?
Es gibt eine breite Debatte darüber, ob Rassismus nicht letztendlich auf Kolonialismus zurückgeht. Man musste begründen, warum manche Menschen anderen dienen sollen. Wenn man bestimmte Gruppen von vornherein als die Unterlegenen kennzeichnet, hat man leicht eine Rechtfertigung. Das ist gesellschaftsstabilisierend, weil man nicht mehr diskutieren und sich rechtfertigen muss. Auch in modernen Formen von Rassismus findet sich oft die gleiche Unterstellung:„Die“sind anders und damit auch schlechter.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die aktuelle Diskussion über den Islam. Man unterstellt Menschen einer anderen Kultur so viel Anders-Sein, dass man zu dem Schluss kommt, es sei besser, sie gingen nach Hause.

Gehört die Unterscheidung in Gut und Böse immer dazu?
Die Abgrenzung in „Wir“ und „die Anderen“ ist in aller Regel begleitet von der Abwertung der „Anderen“. Es ist schwierig zu sagen: Die sind anders, aber nicht schlechter. Verantwortlich dafür sind Gesellschaften, die uns lehren, es sei wichtig, zu den Besseren zu gehören. Dabei handelt es sich vermutlich nicht nur um ein mitteleuropäisches Phänomen. Ein Beispiel sind die Anschläge vom 11. September – auch die hatten vermutlich einen rassistischen Hintergrund.

Wo liegen Ihrer Meinung nach Hauptauslöser für Fremdenfeindlichkeit?
Die Erziehung in den Elternhäusern spielt eine wichtige Rolle. Befragungen von rechtsradikalen Straftätern zeigen, dass selbst solche Jugendliche, die völlig mit ihren Eltern gebrochen haben, vielfach ihre Vorurteile gegenüber Fremden von ihren Eltern übernehmen. Oft sind rechtsradikale Straftäter selbst Opfer von Gewalt in der Familie geworden und daher hoch aggressiv. In Cliquen und Jugendclubs lernen sie dann, diese Aggressivität gegen Fremde auszuleben. Jugendarbeit muss in diesem Zusammenhang sehr vorsichtig arbeiten und solche ungewollten Effekte vermeiden.

Halten Sie eine multikulturelle Gesellschaft dann überhaupt für realistisch?
Ich bin mir nicht sicher, ob wir die multikulturelle Gesellschaft überhaupt schon richtig ausprobiert haben. Ein Heim für Asylbewerber ohne die entsprechende Infrastruktur in ein Wohngebiet zu stellen, muss natürlich Konflikte auslösen. Daraus den Schluss zu ziehen, dass das Zusammenleben nicht funktioniert, halte ich für voreilig.

Was kann man tun, damit es besser funktioniert?
Wichtig ist im Moment ein Zuwanderungsgesetz. Dadurch entzieht man der Unterstellung die Grundlage, die Menschen kämen zu uns, um das deutsche Sozialsystem auszubeuten. Menschen, die nicht aussehen wie typische Deutsche, müssen sich ja immer rechtfertigen, warum sie überhaupt hier sind. Wenn ihr Aufenthalt durch ein Gesetz legitimiert ist, kann die Debatte um Zuwanderung erheblich entkrampft werden, weil klar gesagt wird, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Und wie sieht es mit den Inhalten eines solchen Gesetzes aus?
Wir müssen uns über gemeinsame Standards einigen, die zum Zusammenleben nötig sind: Dazu gehören insbesondere Rechtsstandards und eine gemeinsame Sprache. Darauf aufbauend kann dann im privaten Bereich jeder und jede weitgehend sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Diese Lösung wird in Großbritannien schon seit Anfang der 70er-Jahre diskutiert.

Verlangt das vom Einzelnen nicht ein radikales Umdenken?
Man muss lernen, dass die eigenen Bewertungsmaßstäbe nicht ein für allemal festgelegt, sondern veränderbar sind. Dann erschließen sich auch die faszinierenden Seiten des Fremden – wenn man entdeckt, dass andere Menschen das, was man immer für natur- oder gottgegeben gehalten hat,  berechtigterweise aus einer anderen Perspektive sehen.

echt Info:
Prof. Dr. Ulrich Wagner
Philipps-Universität Marburg
Fachbereich Psychologie
Tel.: 06421/28-23664
E-Mail: Wagner1@mailer.uni-marburg.de

Über die Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen gibt es international eine Vielzahl Studien. Ob deren Ergebnisse allerdings auf die Situation in Deutschland übertragen werden können, ist unklar. Diese Forschungslücke soll jetzt mit einer Langzeituntersuchung über zehn Jahre geschlossen werden. Unter Federführung von Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld arbeiten hieran Prof. Dr. Steffen Kühnel (Göttingen), Prof. Dr. Peter Schmidt (Gießen) und Prof. Dr. Ulrich Wagner (Marburg). Die Hauptlast der Kosten von etwa 2,4 Millionen Euro wird die Volkswagen-Stiftung übernehmen.

Eine Liste mit Adressen, an die Sie sich wenden können, wenn Sie sich für Fremde engagieren wollen, können Sie bei der Redaktion per E-Mail bestellen

Wodurch lässt sich das erlernen?
Durch Kontakte mit Fremden unter günstigen Bedingungen. Dazu gehört, dass die Begegnungen auf der „gleichen Augenhöhe“ stattfinden. Wenn Ausländer für uns Deutsche kochen und dienen, ist das zwar schön, doch es schafft ein Über- und Unterordnungsverhältnis. Günstig ist auch, wenn die Beteiligten gemeinsame Ziele verfolgen, wie das etwa bei gemeinsamen Interessenvertretungen in Betrieben der Fall ist. Dabei spielt es keine Rolle mehr, wer wo herkommt.

Und wie erreicht man so etwas am besten?
Indem man möglichst früh beginnt. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Programmen, die den Austausch zwischen Jugendlichen verschiedener Kulturen fördern. Und in Schulen mit hohem Ausländeranteil müssten die Lehrer dies viel mehr als Chance begreifen und den Schülern die Kulturen ihrer Banknachbarn näher bringen. Letztlich aber bleiben alle Bemühungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, solange man Integration in Deutschland nicht offen zu einem politischen Ziel erklärt.

Interview: J. Rainer
Didszuweit und Jörn Dietze


 


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