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Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) erforschten der ehemalige interkulturelle Beauftragte Dr. Jürgen Micksch und Anja Schwier
vom interkulturellen Rat vier Jahre lang die Situation von Fremden auf dem Lande. Und dokumentierten das Ergebnis in einem Buch. Im März 2001 ehrte die Europäische Kommission das Projekt mit dem erstmals verliehenen Preis
für die Bekämpfung des Rassismus in Europa.
Als Grenzbeamte
Jesus Bodas Fernandez auf einem Landschulausflug als einzigen Schüler sorgfältig kontrollierten, ahnten seine Klassenkameraden erstmals, dass er irgendwie anders sein musste. Deutete doch außer seinem Pass so wenig darauf
hin. Schließlich beherrschte der junge Spanier nicht nur seine Muttersprache, sondern auch den Odenwälder Dialekt in Perfektion. In Breuberg, wo die Reifenfirmen Pirelli und Metzler stets auch zahlreiche ausländische
Arbeitnehmer anzogen, gehört das Zusammenleben mit Zuwanderern schon lange zur Normalität. Und jener ehemalige Schüler Fernandez sitzt seit einigen Jahren ganz selbstverständlich als ein von vielen geschätzter
Kommunalpolitiker im Stadtrat.
So ideal, erklärt Anja Schwier, funktioniere Integration jedoch nicht überall. Probleme gebe es oftmals in Orten, deren Bewohner keine persönlichen Erfahrungen mit Fremden machen
konnten. Wenn Flüchtlinge zum Beispiel in ehemaligen Kasernen völlig von der Bevölkerung abgeschirmt werden, sei es kaum verwunderlich, wenn Gerüchte schnell die Runde machten. Dr. Ulf Häbel, Gemeindepfarrer im
oberhessischen Laubach-Freienseen, beschreibt in dem Buch, wie sich in seinem 800-Seelen-Dorf die Integration von Flüchtlingen seit Kriegsende vollzog – von der ersten vorsichtigen Wahrnehmung bis hin zu gemeinsamen Ritualen
wie Festen. Sein Fazit: Zur Integration braucht es „Grenzgänger“ – Menschen, die im Dorf verwurzelt und anerkannt sind und sich gleichzeitig bemühen, Werte, Traditionen und Lebensauffassungen der neuen Nachbarn zu
verstehen. Biete etwa ein Pfarrer oder eine alteingesessene Einwohnerin Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder an, könne das die Einstellung der anderen Dorfbewohner entscheidend verändern. Die Untersuchung zieht auch
einen Vergleich mit anderen Ländern Europas. Fremden auf dem Lande, so die Projektleiterin, gehe es überall sehr ähnlich. Allerdings habe beispielsweise Großbritannien auch auf dem Lande Büros eingerichtet, in denen
Diskriminierungen angezeigt werden können. „Wir müssen Rassismus auf dem Land wahrnehmen. Andererseits gehört zu den dörflichen Strukturen eine enorme Hilfsbereitschaft, die auch Fremden zugute kommt.“ Wie sich das
Zusammenleben gestaltet, hängt laut Studie nicht zuletzt davon ab, wie bewusst die Einwohner mit der eigenen Dorfgeschichte umgehen. In Zeppelinheim, einer Siedlung, die einst durch Zuzug von Arbeitern zum Bau der Luftschiffe
entstand, fassten alte Menschen Eindrücke über ihre eigene Zeit als Fremde im Ort in einem Buch zusammen. Und auch in manchen Odenwalddörfern, deren Einwohner sich bereits vor 150 Jahren Knowhow und Fachkräfte zur
Steinbearbeitung aus Italien holten, werde die eigene Geschichte mit Fremden aufgearbeitet und mit der heutigen Situation verglichen, freut sich Schwier. Bei einer Begegnung zwischen bosnischen Flüchtlingsfrauen und
einheimischen Kriegsflüchtlingen in einer Kirchengemeinde, erinnert sich die Theologin schließlich, hätten die Einheimischen seit langem wieder von früher zu erzählen begonnen. „Für sie war ihre Flucht immer nur eine
Geschichte der Niederlage, doch mit den Bosnierinnen konnten sie plötzlich darüber reden.“
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Jean Felix Belinga Belinga, Beauftragter für Bildungsarbeit beim Zentrum Ökumene der EKHN, verweist auf einen der Hauptunterschiede zur Großstadt: „Durch
eine Vielzahl von Vereinen gibt es ein dichtes Netz von Beziehungen, das wenig Anonymität zulässt. Zuwandernde fallen leicht auf und werden als Fremde wahrgenommen.“ Wo immer Dorfbewohner dies als gemeinsame Chance
begreifen, entsteht viel mehr Hilfsbereitschaft, als das in der Großstadt jemals möglich wäre, betont Anja Schwier und resümiert: „Dann würde ich immer raten: Schickt Fremde am besten aufs Dorf.“
Jörn Dietze
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