Ausgerechnet ein Fremder hat mir beigebracht, das altmodische deutsche Wort Respekt zu lieben. Er benutzt dieses Wort, wenn er von seiner Mutter oder Großmutter erzählt. Für ihn ist Respekt Achtung, Ehrerbietung und Distanz. Das gefällt mir sehr. Viele Lieben, glaube ich, werden aus Mangel an Distanz so langweilig.

Yahya und ich wollten das Fremde nie übersehen. Ich meine, sein schwarzes Gesicht ist ja auch eine ständige Erinnerung daran. Manchmal, wenn ich morgens aufwache, erschrecke ich mich vor diesem schwarzen Gesicht auf meinem weißen Kopfkissen. Dann denke ich: Ja, nachts sind wir so nah, dass wir alles vergessen – sogar die Hautfarbe.

So eine Beziehung ist nichts für Feiglinge. Es war für mich eine Mutprobe, Yahya zum ersten Mal mit zu Freunden zu nehmen. Mit ihm ins Kino zu gehen, ins Theater. Der Kerl ist kohlrabenschwarz, viel jünger als ich und baumlang. Ich wusste, was uns für Blicke folgen würden. Es war überhaupt nicht schwer, in den Gesichtern zu lesen: King Kong und die weiße Frau. Die schmale Blonde und der Neger. Uns sehen und uns ins Bett fantasieren, war ein und dasselbe. Da gefällt es uns auch miteinander – aber warum denken die Leute nicht bei anderen Paaren an Lust und Liebe? Seitdem mir eine Freundin gesagt hat: „Die Gaffer sind doch nur neidisch auf euch“, genieße ich unsere Auftritte.
 

Ich habe mich oft gefragt, warum wir so glücklich miteinander sind. Ein Punkt ist: Er lässt mich, wie ich bin. Ich muss nichts für ihn aufgeben. Er respektiert meine Arbeit, das Korrigieren am Wochenende und auch die Zeit, die ich nicht mit ihm verbringe, weil ich male und beim Malen allein sein muss. Er fragt mich nicht aus, will nichts von verflossenen Beziehungen wissen. Und auch ich habe mir angewöhnt zu warten, bis Yahya mir, weil er Lust hat, nicht weil ich ihn ausfrage, etwas von sich erzählt. Von Uganda, von seinem Dorf, seiner Mutter, von der Frau, mit der er dort verheiratet wurde, von seiner Tochter. Worauf ich besonders stolz bin: Ich habe mir – als Lehrerin! – bisher verkniffen, Fachbücher über sein Land zu lesen, weil ich spüre, dass es nicht gut für uns ist, wenn ich über die Geschichte seines Landes besser Bescheid weiß als er selber.

Kennen gelernt haben wir uns im Supermarkt. Ich stand mit meinem Einkaufswagen vor der Kasse. Brot lag da drin, eine Ecke Käse und vier Flaschen Wein. Da lachte es hinter mir und eine tiefe Stimme fragte: „Wollen Sie das alleine trinken?“ Und als ich „Ja“ sagte, bat er darum, mit mir anstoßen zu dürfen – selbstverständlich mit dem Wein, den er mitbringen würde.

Ein Teil von Yahya wird mir fremd bleiben. Seine Art, das Leben zu gestalten. Heute macht er einen Plan und morgen hat er ihn vergessen. Seine Zukunftsträume werden immer Träume bleiben. Seine unbeschwerte Art, die Welt zu sehen. Probleme löst er nicht, lieber wartet er ab, bis sie sich von selber lösen.

Das alles ist mir unvertraut. Weil man einen erwachsenen Menschen nicht verändern kann, muss er so bleiben, wie er ist. Muss ich so bleiben, wie ich bin. Mir sind auch andere Männer, weiß und deutsch, unverständlich geblieben. Und sind nicht Beziehungen gerade deshalb kaputt gegangen, weil ich zu wenig Respekt vor dem hatte, was mir fremd war?

Protokoll: Lisa Prust


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