Der Islam ist seit dem 11. September für viele ein Synonym für religiösen Fanatismus. Pauschale Verurteilungen verstellen den Blick darauf, wie Muslime ihren Glauben im Alltag leben. Initiativen in der hessen-nassauischen Kirche setzen auf den Dialog.

Die Diskriminierung Kopftuch tragender Frauen auf dem Arbeitsmarkt nimmt zu, sogar hoch qualifizierte Muslime werden trotz Fachkräftemangel benachteiligt.Ramazan Kuruy, muslimischer Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Gießen (CIG), findet deutliche Worte: "Wir brauchen gerade jetzt von der Politik konkrete Zeichen auf Integration: Integration bedeutet dabei Beteiligung." Beim jährlichen Fastenbrechen-Empfang des Vereins zum Ende des Ramadan nutzt Kuruyz die Anwesenheit von Prominenz aus Kirche und Gesellschaft um klarzustellen, wie er sich ein Miteinander vorstellt.

Die CIG ist seit ihrer Gründung 1996 in der mittelhessischen Kleinstadt eine Institution geworden. Und eine Art Serviceeinrichtung, berichtet Pfarrer Frank-Tilo Becher, christlicher Vorsitzender der Gesellschaft. Sucht ein Krankenhauspfarrer nach einem Seelsorger für einen muslimischen Patienten, wird bei der CIG nachgefragt. Will eine Schulklasse eine Moschee besuchen, klingelt beim Vorsitzenden das Telefon. Seit dem 11. September hat das Interesse am Islam zugenommen. Grundlegende Informationen über den Islam und Positionen zu Themen wie der Rolle der Frau stehen hoch im Kurs. "Geredet wird miteinander, nicht übereinander", betont der Pfarrer. Die Voraussetzung: gegenseitiges persönliches Vertrauen. Das brauche Zeit. Manchmal müsse man vielleicht viele Stunden miteinander Tee trinken, um von seinem Gegenüber etwas zu erfahren. Und Alltagsbegegnungen sind entscheidend: Nur dann können auch religiöse Unterschiede thematisiert werden, meint Frank-Tilo Becher.

150 Kilometer weiter südlich setzt sich im Kreis Bergstraße eine Arbeitsgemeinschaft für den christlich-islamischen Dialog ein. Seit 1993 trifft sich eine Gruppe von rund zehn Christen und Muslimen regelmäßig drei bis vier Mal im Jahr. Sie organisiert von Wald-Michelbach bis Bürstadt Informationsveranstaltungen. Referenten beider Religionen erläutern dabei die jeweilige Sicht etwa zum Gebet oder der Rolle Jesu im Vergleich zu Mohammed. Bei theoretischen Auseinandersetzungen bleibt es nicht, sagt Pfarrer Dirk Römer aus Heppenheim. So treffen sich beispielsweise auch Konfirmanden und Koranschüler, um eine Broschüre über ihr Wissen von der je anderen Religion herzustellen. Dass nach den Attentaten kurzfristig ein ökumenischer, interreligiöser Friedensgottesdienst mit den muslimischen Gemeinden Bensheim und Viernheim in Heppenheim möglich war, wertet Dirk Römer als Zeichen für die gegenseitige Wertschätzung.

Eine "Massenbewegung" sei der christlich-islamische Dialog freilich nicht, sagt Claus J. Braun, interreligiöser Beauftragter der hessen-nassauischen Kirche. Durchschnittlich acht bis 20 Personen stark sind die einzelnen Gruppen, die sich um ein Miteinander bemühen. Ein Unterfangen mit Hürden.

Träfen Christen und Muslime aufeinander, begegneten sich häufig Menschen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen. Und mit unterschiedlichen Interessen am Dialog, erklärt Braun. Vertreter von Moscheegemeinden seien oft Männer der ersten Generation von Muslimen in Deutschland, während auf christlicher Seite vielfach Frauen der bürgerlichen Mittelschicht gesprächsbereit seien. Letztere interessiert zum Beispiel, ob beide Religionen an den gleichen
Gott glauben. Muslimische Männer dagegen seien eher am Praktischen orientiert: Sie suchen nach Antworten, wie sie als Gläubige in der deutschen Gesellschaft leben können.

Darüber hinaus sind die Muslime im Gegensatz zu den Christen oft keine ausgebildeten Theologen. Hinzu kommen grundsätzliche Probleme: Fehlende Deutsch- oder Türkischkenntnisse erschweren den Kontakt. Ungleich seien auch die Fähigkeiten, Überzeugungen des eigenen Glaubens zu vermitteln. Christinnen und Christen täten sich dabei oft schwer.

Ungeklärte theologische Fragen machen die Sache nicht leichter. Sowohl Christen wie Muslime begreifen ihre eigene Offenbarung als die wahre Offenbarung. Ein angemessenes Umgehen mit dem jeweils eigenen Absolutheitsanspruch fehle bislang, so Braun. Nach Brauns Erfahrung ist der Dialog häufig ein Anliegen von Christen. Aus Angst, missioniert oder "verwestlicht" zu werden, reagiere mancher Muslim zurückhaltend. Persönliche Begegnungen verringern die Skepsis und schaffen Vertrauen.

Irina Grassmann


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