echt Pro und Contra:
Müssen Läden
Sonntags geschlossen bleiben?

 Der Streit um verkaufsoffene Sonntage erhitzt vielerorts die Gemüter. Während Händler den Festcharakter solcher Veranstaltungen betonen, sehen viele Kirchenvertreter darin einen Versuch, den Schutz des Sonntages immer mehr auszuhöhlen. echt hat nachgefragt.

Uwe MartiniPro: Pfarrer Dr. Thomas Posern, 47, ist Referent für ökumenische Sozialethik am Zentrum für Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Mainz.

Contra: Matthias Stillger, 43, hat ein Fachgeschäft für Porzellan, Glas und Haushaltwaren und ist stellvertretender Vorsitzender des Wirtschafts- und Marketingverbandes Wiesbaden.

Nach biblischer Tradition ist der Sabbat die Krone der Schöpfung und nicht die Arbeit. Als Kirche müssen wir in Erinnerung rufen, dass gemeinsame Auszeiten für den Zusammenhalt von Gemeinschaften und Gesellschaft unabdingbar sind.

Den arbeitsfreien Sonntag gibt’s nicht mehr. Die Kirchen polemisieren gegen den Handel, übernehmen Vokabular und Ideologie der Gewerkschaften und wettern auch gegen kleine Betriebe, die schließlich insgesamt viele Arbeitsplätze stellen.

Es muss Ziel sein, andere Formen gemeinsamer Aktivität zu fördern als den Konsum, den es bereits im Überfluss gibt.
Zum Beispiel Sport, Kultur und Feiern. Zusammen einkaufen können die Familien auch am Samstag.

Das Argument, verkaufsoffene Sonntage schaden dem Familienleben, ist absurd. Solch seltene Gelegenheiten sind auch ein besonderes Erlebnis für unzählige Familien, die gemeinsam einkaufen und Spaß haben.

Untersuchungen belegen, dass die Erweiterung von Ladenöffnungszeiten nicht den kleinen Händlern, sondern den großen Einkaufszentren nützt. Die Innenstädte veröden dadurch auf Dauer noch mehr.

Was sagt denn die Kirche dazu, dass viele kleine Einzelhändler schließen oder hart um ihre Existenz kämpfen müssen?
Es ist unmoralisch, ihnen die Chance zu versagen, Geld zu verdienen.

Der arbeitsfreie Sonntag ist ein gesamtgesellschaftliches Kulturgut. Wenn Kultur jedoch mit Markt verwechselt und so der Konsum zum Götzen wird, müssen die Kirchen bedingungslos nein sagen.

Es scheint, als sei die Kirche neidisch auf den immensen Zuspruch der verkaufsoffenen
Sonntage, wenn ein Schild an der Tür hängt „Sonntags geöffnet“. Dabei vergibt sie die große Chance, sich zu beteiligen.


Aufgezeichnet von Jörn Dietze. Fotos: Daniel Kilian