Schon immer feiern Menschen Feste. Sie unterbrechen den Lauf der Dinge, setzen den Alltag außer Kraft. Und spüren, dass es jenseits täglicher Mühen, Routine oder Mangel noch anderes gibt: etwas Göttliches.

Loveparade. Die größte Party der Welt. Hunderttausende tanzen. Bis der Morgen kommt und noch länger. „Seht, es gibt uns“, rufen sie in die Fernsehmikrofone, „wir sind viele, wir sind anders, wir wollen Spaß, nur Spaß.“ 800.000 kamen im Sommer nach Berlin zur 13. Loveparade. Und sie hat Nachahmerinnen gefunden – in Mexiko-Stadt und Barcelona und wer weiß, wo sonst noch auf der Welt. Und da sage noch jemand, die Jugend von heute verstehe nicht zu feiern. So groß, so laut, so exzessiv hat es noch keine Generation vor ihr vermocht – mit einer Wucht, dass die Trommelfelle platzen.

Es geht auch anders. Auf dem Dorfplatz glühen Kohlen, der Schmied hat ein Gerüst gebaut, der Schlachter ein Ferkel aufgespießt, der Bürgermeister dreht den Braten über dem Feuer, dass er tropft. Daneben, am Bierwagen, stehen die Nachbarn und plaudern. Später werden auch sie tanzen – in der ausgeräumten Scheune – zu den Hits der 70er, 80er Jahre, der Zeit, als sie jung waren. Und plötzlich flackert in dem einen oder anderen ein längst vergessen geglaubtes Gefühl auf: Diese Frau, mit der ich nun schon so lange lebe: Ist die nicht immer noch wunderhübsch? Dieser Mann! Seine Stärke und die Art, wie er mich hält.

Natürlich: Es gibt auch Szenen. Sogar eine kurze Rauferei. So eine Nacht ist lang und die Ströme von Bier setzen frei, was im Alltag wenig Raum hat: Gefühle.Raum für Gefühle. Feste gehören zum Menschsein. Zwar haben sich über die Jahrhunderte die Formen geändert, die Orte, die Rituale. Aber die Tatsache an sich ist geblieben: Menschen, wo sie zusammenkommen, feiern. Drei Elemente machen ein Fest aus, so der Heidelberger Religionswissenschaftler Jan Assmann: Erstens wird es inszeniert. Ein Fest hat Anfang und Ende und oft einen Ablauf, der den Teilnehmenden vertraut ist. Diese Ordnung bietet Sicherheit. Denn selbst wenn das Fest ausufert, in einem wilden Gelage mündet, ist klar: Hinterher gehen wir nach Hause, schlafen und spätestens am nächsten Werktag hat uns die Normalität wieder. Zweitens ist ein Fest von Fülle geprägt. Je mehr Menschen im Alltag Mangel leiden, desto wichtiger werden ihnen die Feste. Monatelang sparen sie oft darauf: Einmal soll es anders sein, einmal gibt es von allem genug. Essen. Oder Gemeinschaft. Oder Krach. Dadurch wird symbolisch der Mangel überwunden. Schließlich bieten Feste viel Raum für Gefühle. So werden sie ein Gegenüber zum Alltag, etwas anderes, Neues, etwas, das ihn überhöht.

Warum schaffen sich Menschen solche Feste? In den 50er Jahren ging der Religionswissenschaftler Mircea Eliade dieser Frage auf den Grund. In seinem Buch „Das Heilige und das Profane“ beschreibt er, wie die Menschen in archaischen Gesellschaften immer wieder die Zeit anhielten. Sie unterbrachen den Alltag und feierten. Tanzten und trommelten und belebten die Mythen nach uraltem Ritual. Mythen, die davon berichteten, wie die Götter die Welt schufen. Für die Dauer des Festes wurde die heilige Zeit des Ursprungs real – und die Menschen zu Zeitgenossen der Götter. „Im Fest findet man die heilige Dimension des Lebens in ihrer Fülle wieder, im Fest erfährt man die Heiligkeit der menschlichen Existenz als einer göttlichen Schöpfung“, schreibt Eliade. So versichern sich archaische Gesellschaften, dass ihre Existenz sicher im Kosmos der Götter gründet – von Anbeginn der Zeiten bis in Ewigkeit.

Wendepunkte im Leben

Der Mensch von heute ist ein Erbe, was er auch tut, meint Eliade. Im Gottesdienst und vor allem in den großen Festen im Kirchenjahr vergewissern sich die Menschen, dass ihr Leben einen festen Grund hat. Dass es Dinge gibt, die unverrückbar sind: Wie die Liebe Gottes zu den Menschen. Besonders an den Wendepunkten im Leben – zur Taufe, zur Konfirmation, zur Hochzeit und bei der Beerdigung – wird gefeiert, und das Erlebnis, dass neben der profanen Zeit eine heilige existiert, gibt Kraft. Nicht wenige Menschen bleiben Mitglied der Kirche, weil ihnen die Feiern wichtig sind und sie darin auf deren Kompetenz vertrauen.

Tiefer Sehnsucht folgen

Aber auch diejenigen, die schon lange keine Gottesdienste mehr besuchen, tragen das Erbe der Menschheit in sich. „Die meisten „religionslosen“ Menschen verhalten sich immer noch religiös, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind“, schreibt Eliade. Sie schießen Böller in die Silvesternacht und feiern Übergänge mit rauschenden Festen: Die Eheschließung, die Geburt ihres Kindes, den Geburtstag. Wie die Alten unterbrechen sie dabei den Lauf der Dinge, treten aus dem Alltag heraus. Eliades Untersuchung der archaischen Völker legt nahe, dass sie dabei einer tiefen Sehnsucht folgen: Dem „Heimweh nach dem Paradies“ – der Zeit gleich nach der Schöpfung, als die Welt noch in göttlicher Ordnung war.

Die Veranstalter der Loveparade spielen mit dem archaischen Kern ihres Tuns. So sieht sich Dr. Motte, alias Matthias Roeingh, der Kopf dieses wummernden Spektakels, als ein Medium göttlicher Liebe mit einem direkten Draht zum Kosmos. Das lässt die Leute tanzen.

Cornelia Gerlach