echt Glaube

„In der Welt
habt ihr Angst ...“

Die Urangst der Menschen ist die Angst vor dem Lebensende, der letzten Grenze, die es im Tod zu überschreiten gilt. Die vielen anderen Ängste sind wie Zweige auf einem Baum, unterschiedlich gewachsen, verschieden geformt, aber alle aus demselben Holz. Sie alle sind Ableger der letzten eigentlichen Angst – der, das Leben zu verlieren.

 

Am Ende interessiert mich nicht, dass es ganz gut sein kann, Angst haben zu können. Am Ende frage ich auch nicht nach der Herkunft von Ängsten. Am Ende steht nur eine Frage: Wer nimmt sie mir, die Angst, die nach mir greift, als
hätte sie leibhaftig Arme und zupackende Finger? Woher kommt am Ende die letzte Kraft, die davor bewahrt, mich wahnsinnig vor Angst zu verlieren?

Der Tod macht uns Angst. Der Tod hat sogar Jesus Angst gemacht. In der Nacht, in der er dann gefangen genommen wird, bittet Jesus auf dem Ölberg Gott darum, nicht sterben zu müssen. Und dann heißt es da: „Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte“ (Lukas 22,44). Kein Wunder. Der Gottessohn ist Mensch genug um am Leben zu hängen und die Todesfurcht zu kennen. Blut und Wasser schwitzt er, vor Augen das Ende des Lebens.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist zu sehen, dass dieser selbe Jesus Christus auch noch eine andere Wirklichkeit kennt. Von ihm wird ein wunderbarer Satz überliefert: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33). Fragt sich nur, ob mir, ob uns das die Angst vorm Ende nimmt. Hatten denn
die Jesusjünger keine Angst mehr, vor dem Tod nicht und nicht vor Schmerzen, keine Versagensängste und auch davor
keine Angst, verlassen zu werden?

Es ist bemerkenswert, mit welcher Gelassenheit viele Christinnen und Christen Situationen bewältigt haben, in denen eigentlich die nackte Angst erwartet werden darf. Als Petrus und Johannes nicht lange nach der Hinrichtung Jesu vom Hohen Rat verhört werden und furchtlos Auskunft geben, da wundert man sich, wie es heißt, über ihren „Freimut“. Und kurz darauf, als Stephanus umgebracht wird, sagt der: „Ich sehe den Himmel offen“, und bittet sterbend für die, die ihn töten. Märtyrer sterben in römischen Arenen, Ketzer auf Scheiterhaufen, Missionsschwestern kommen in Kriegen zu Tode – haben die alle keine Angst mehr vor dem Ende?

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Der Satz Jesu weist auf das Geheimnis ihrer scheinbaren Furchtlosigkeit hin: Wenn die Welt überwunden ist, muss man die Welt und das Leben nicht mehr für die einzige und letzte Wirklichkeit halten. Auch jenseits dieser Welt, auch jenseits dieser Wirklichkeit mit Angstschweiß
und Todesfurcht ist – Gott.

Helwig Wegner



erschienen in echt, 3. Quartal 2001
Copyright by EKHN, Darmstadt
« Zurück