ECHT Pro und Contra:
Sind Bürger für ihren Schutz selbst verantwortlich?
 Oft will niemand etwas gesehen haben, obwohl ein Verbrechen am helllichten Tage geschehen ist. Und immer dann, wenn wieder ein besonders schweres Delikt die Schlagzeilen beherrscht, wird der Ruf nach mehr Zivilcourage laut. Die Frage jedoch, wie weit der Bürger selbst gehen darf, ist umstritten. Und so ernten auch die Modellversuche mit einem freiwilligen Polizeidienst von Bürgerinnen und Bürgern keinesfalls nur Anerkennung. ECHT hat nachgefragt

Uwe MartiniPro: Norbert Weber, 57, ist Kfz-Schlosser und seit September 2000 im Rahmen eines Modellversuchs ehrenamtlich als „freiwilliger Polizist“ in Offenbach tätig.

Contra: Jörg C. Stein, 56,  ist Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Hessen.

Wenn in unserem Staat niemand etwas tut, dann ist es schlecht um ihn bestellt. Das gilt auch für die Sicherheit. Viel zu viele Leute haben Angst vor Rache und kümmern sich daher nicht darum, wenn sie eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit bemerken.

Die Bürger haben das Recht auf eine gut ausgebildete Polizei. Sie bezahlen schließlich Steuern und müssen von Polizisten verlangen dürfen, dass sie professionell arbeiten und ihren Job nicht als Hobby betreiben.

Der Freiwillige Polizeidienst ist eine große Hilfe für die Polizeibeamten, denn sie haben oft nicht die Zeit, sich um Kleinigkeiten zu kümmern. Zum Beispiel haben ein Kollege und ich einen Fahrraddieb so lange festgehalten, bis die hauptamtlichen Polizisten kamen.

Es hilft der Polizei, wenn andere auf ihre Mitmenschen achten. Dazu brauchen sie jedoch keine Uniform. Sicherheit in freiwillige Hände zu geben ist zu gefährlich, denn als Polizist kann man schnell in kritische Situationen geraten. Mit „lebendigen Rufsäulen“ ist es da nicht getan.

Wir freiwilligen Polizisten wollen den Bürgern ein Gefühl von Sicherheit geben. Wenn wir uns als praktische Helfer präsentieren und zum Beispiel Rollstuhlfahrern oder alten Menschen behilflich sind, werden uns die Bürger schnell Achtung entgegenbringen.

Unsere Bürger akzeptieren keine Billigpolizei. Das Gut der inneren Sicherheit steht bei den meisten zu hoch im Kurs. Es käme doch auch niemand auf die Idee, Kinder von ehrenamtlichen Lehrern unterrichten zu lassen.

Freiwillige Polizisten tun nichts, was sie nicht dürfen und betreiben mit Sicherheit keine Selbstjustiz. Die Auswahl unter den Bewerbern ist streng und jeder muss eine ausführliche Schulung mitmachen. Das Pfefferspray ist unsere einzige Verteidigungswaffe.

Freiwillige Polizisten handeln aus ihrem natürlichen Instinkt heraus und können dadurch ein Sicherheitsrisiko sein. Der Polizeidienst ist keine spannende Verbrecherjagd, sondern er verlangt Routine und eine psychologische Ausbildung.