Das Zögern vor dem ersten Sprung ins kalte Wasser, das Herzklopfen vor dem ersten Rendezvous, die uneingestandene Furcht vor Alter, Krankheit und Tod. Ein vertrautes Gefühl. Und doch lernen wir eines Tages schwimmen, lieben, älter werden. Wir leben mit der Angst im Nacken und versuchen ihr zu entkommen. Doch wo säßen wir ohne sie? Vermutlich noch auf den Bäumen.

 Aber, Großmutter, was hast du für große Hände? – Damit ich dich besser packen kann! – Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul? – Damit ich dich besser fressen kann! Kaum hatte der Wolf das gesagt, tat er einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

„Rotkäppchen ist ganz schön blöd“, beschwert sich Kati nach dem Vorlesen. Sie hätte sich an Rotkäppchens Stelle viel schlauer angestellt. „Ich hätte die Polizei gerufen oder die Feuerwehr“, überlegt sie. Rotkäppchen dagegen steht wie angenagelt vor dem Bett. Sie läuft selbst dann nicht weg, als ihr klar wird, dass dort der Wolf auf sie wartet. Warum?

 Angst und Lust

Weil das Angst Erregende so faszinierend ist, schön und schrecklich zugleich, meint die Kulturwissenschaftlerin Gisela Maler, die sich mit dem Verhaltensprogramm beschäftigt hat, das unserer Angst zugrunde liegt. Aus dem gleichen Grund schwingt Kati sich auf der Schaukel immer höher und höher bis zu dem Punkt, wo aus ihrem Flug ein sausender Sturz werden kann, wo im Bauch die Angst zu kribbeln beginnt und Raum und Zeit für einen Moment lang nicht existieren, nur dieses Gefühl der Ekstase, dieses Nebeneinander von Lust und Angst.

Lampenfieber

Als Kati im Tulpenkostüm beim Schulfest hinter dem Vorhang der Aula hervorlugt und sieht, wie die Erstklässler erwartungsvoll auf ihren Sitzen herumrutschen, wird ihr auf einmal ganz komisch zumute. Als hätte ihr jemand mit voller Wucht in den Magen geboxt. Sie spürt, wie alles in ihr drin völlig starr wird. Dann muss sie plötzlich dringend aufs Klo. Und traut sich nicht mehr heraus, bis die Vorstellung vorbei ist. „Beim nächsten Auftritt lachst du vielleicht schon darüber“, tröstet die Lehrerin. Sie weiß: Wenn man tut, wovor man Angst hat, kann es leichter werden.

Angst macht lebendig

Angst macht uns, wovon wir uns eine Vorstellung machen können. Ob wir etwas als „gefährlich“ oder bloß als „prickelnd“ einschätzen, hängt mehr von unserer Einbildungskraft ab als vom tatsächlichen Risiko. Eine gewisse Grundportion Angst brauchen wir, um uns lebendig zu fühlen – und um angemessen denken und entscheiden zu können, vermutet der US-amerikanische Angstforscher Robert Zajonc. Angst unterbricht nebensächliche Gedanken und lenkt unsere Gedanken auf das, was ansteht. „Ich brauche die schweißnassen Hände und das Herzklopfen vor jedem Auftritt“, erzählt Schauspielschülerin Violetta, „das Lampenfieber hilft mein Hirn leer zu machen von allem, was nichts mit der Rolle zu tun hat.“

Angst mobilisiert

Wo Angst wie eine Brandung auf uns zu rollt, übernehmen Gefühle das Steuer und drängen die Vernunft zurück. Mögliches Ergebnis: Wir handeln, statt lange Zeit mit Nachdenken und Grübeln zu vertrödeln. Eine Mutter, die den Lastwagen kommen sieht, stürzt auf die Straße zu ihrem Kind und spielt nicht in aller Ruhe Alternativen durch. Das klappt allerdings nicht immer und bei jedem.

Angst lähmt

Marc arbeitet sich jeden Samstag gewissenhaft durch den Stellenmarkt der Zeitung. Wird ein Elektriker gesucht, schneidet er die Anzeige aus und heftet sie ab. Dabei bleibt es dann. Bis zu einer Bewerbung hat Marc es noch nie geschafft. Die Angst, möglicherweise eine Absage nach der anderen zu kassieren, lähmt ihn, noch bevor er das Passfoto herausgekramt hat. Statt die Sache in kleinen Schritten anzugehen und damit seine Panik unter Kontrolle zu bringen, lenkt er sich mit Computerspielen von der Wut auf sich selber ab.

Angst begleitet Veränderung

Ob alle Angst, die wir empfinden, letztlich auf die Angst vor dem Tod zurückgeht, ist umstritten. Verhaltensforscher wie Gisela Maler sind der Ansicht, dass die Angst vor dem Ende eine Spielart der Angst ist, die uns vor jeder drohenden Veränderung unseres Lebens überfällt. Der Gefühls- Alarm versetzt uns in die Lage, wachsam auf Stress-Situationen zu reagieren und uns so gut wie möglich an veränderte Verhältnisse anzupassen. Wer gelernt hat, in seiner Angst einen Verbündeten zu sehen, den treibt sie mit ihrer beständigen Frage nach dem nächsten Schritt nach vorn. Hätten wir sie nicht, säßen wir vielleicht immer noch auf den Bäumen. Unfähig zu entscheiden, was besser für uns wäre: Oben zu bleiben oder nachzusehen, was hinter dem nächsten Hügel liegt.

Birgit-Sara Fabianek

ECHT Buch-Tipps zu Thema Angst und ECHT-Serviceliste “Angst”