In der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie lernen Patienten Ängste selbst zu steuern, indem sie intensiv mit ihnen konfrontiert werden. Mit Erfolg: Auch fünf Jahre nach der Behandlung erklären über 80 Prozent  der ehemaligen Patienten ihre Angstkrankheit vollständig überwunden  zu haben.

Mit roter Nikolausmütze steht der Mann in sommerlicher Hitze in der belebten Einkaufsstraße und trägt Weihnachtsgedichte vor. Die Passanten nehmen kaum Notiz von ihm. „Ich dachte immer, alle schauen nur auf mich und nun stimmt das nicht mal, wenn ich so rumlaufe“, zeigt sich Gerhard Herzog* erleichtert. Die Erfahrung ist Teil seiner Angsttherapie an der Christoph-Dornier-Klinik im westfälischen Münster. Der 41-Jährige leidet an sozialer Phobie. Immer wenn sich mehr als zwei Menschen in seiner Nähe befanden, hatte er noch vor einer Woche „mörderische Angst“.  

Es begann vor fünf Jahren mit einem „komischen Gefühl“, wenn er Dienstbesprechungen leiten musste. „Später bekam ich Schweißausbrüche, mein Hals ging zu und ich zitterte“, erinnert sich der Verlagsangestellte. Irgendwann begann die Angst schon am Vortag und schließlich gab es kaum noch angstfreie Momente im Leben des Familienvaters. Er zog sich zurück, ging mit seiner Frau weder einkaufen noch ins Kino oder Restaurant. 

Nach einigen erfolglosen Gruppentherapien las der Verzweifelte zufällig von der Christoph-Dornier-Klinik und ließ sich dorthin überweisen. Seit 1993 gibt es die Privatklinik, die sich durch ihre Behandlungsmethoden und hohen Erfolgsquoten auch international einen Namen gemacht hat. Jeder der 40 Therapeutinnen und Therapeuten ist während der dreiwöchigen Behandlung für nur einen Patienten zuständig und begleitet ihn intensiv.

Diplom-Psychologin Judith Schild (28) erarbeitete mit Gerhard Herzog zunächst eine „Rangliste“ seiner Ängste. „Mir wurde klar, dass ich die größte Angst vor ‚Smalltalk‘ habe“, erklärt Herzog. Er wurde in seine Extremsituation gebracht: Mit fünf Therapeutinnen musste er in lockerer Runde über Vorlieben im Urlaub plaudern. Konfrontation mit der eigenen Angst als Grundprinzip der Therapie.

Nach intensiver Vorbereitung gehen die Therapeuten mit Höhenangstpatienten auf Kirchtürme und mit Menschen, die eine Hundephobie quält, ins Tierheim. Wer keine Enge erträgt, fährt ausgiebig Aufzug. Hierbei machen sich die Therapeuten ein „biologisches Programm“ im menschlichen Körper zunutze, erläutert Dr. Hinrich Bents (46), leitender Psychologe der Klinik: „Da Angst ein relativ kurzfristiger Schutzmechanismus ist, kann der Körper einen solchen Zustand auf dem höchsten Level nur etwa eine halbe Stunde halten. Dann geht die Angst automatisch zurück“ – und der Patient macht eine völlig neue Erfahrung: Er empfindet keine Angst mehr, obwohl sich an der tatsächlichen Situation nichts geändert hat.

 Auch Gerhard Herzog hat sich nach einer halben Stunde Gespräch sichtbar entkrampft und erzählt angeregt vom Urlaub: „Ich konnte genau spüren, wie ich plötzlich lockerer wurde.“ Warum jedoch etwa ein Vielflieger nicht irgendwann automatisch seine Flugangst verliert, erklärt

Klinik-Mitbegründer Bents: „Jeder lenkt sich normalerweise mit unterschiedlichsten Strategien von seinen Ängsten ab. Die Patienten dagegen lernen, sich bewusst in Angstsituationen hineinzubegeben, mit ihnen vertraut zu werden und sie selbständig zu steuern.“

Beim Kampf gegen die Angst müsse man im Training bleiben, meint Therapeutin Judith Schild. So bekommt Gerhard Herzog am Therapieende „Hausaufgaben“ mit auf den Weg: „In seinem Heimatort in einen sündhaft teuren Bekleidungsladen gehen, sich alle Anzüge bringen lassen und dann doch nichts kaufen.“                                   

Jörn Dietze

Name des Patienten von der Redaktion geändert
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