Neun von zehn Angestellten kennen sie: die Angst am Arbeitsplatz. Für einige ist sie ein Warnsignal, aktiv die Zukunft zu gestalten.

Doch viele halten dem Druck von schnellem Wandel, Konkurrenz und drohenden Entlassungen nicht stand. Zwei Porträts.

Peter, 58 Jahre, Ingenieur

Eines Tages war die Angst in meinem Büro. Als hätte sie sich zur Tür hereingeschlichen und beschlossen nicht wieder zu gehen. Jeden Morgen fauchte sie mich an: Du bist zu alt, du kapierst das nicht mehr, was willst Du hier eigentlich noch. Sie legte sich zwischen mich und die Welt.

Ich war schon 56, hatte viele Jahre als Konstrukteur ganz gut verdient und wusste, in meinem Bereich konnte niemand mir etwas vormachen. Die Angst kam mit der neuen Computeranlage. Alle schwärmten von ihr: Ein Wunderding, das alles kann. Wozu genau sie angeschafft werden sollte, erzählte uns aber niemand von der Geschäftsleitung.

Irgendwann hatte ich plötzlich das Gefühl: Der Computer soll mich ersetzen. Ich sträubte mich. Total. Wir wurden zur Schulung geschickt – und statt zu lernen dachte ich nur: Nein, nein, nein! Statt mich in die neue Technik einzuarbeiten, machte ich weiter wie bisher. Ich zog den Kopf ein und dachte: „Hoffentlich merkt das keiner.“ Mir war klar: „Flüchten ist zwecklos. Woanders hast du mit Mitte 50 sowieso keine Chance.“

Ich wurde immer kleiner und die Angst immer größer. Mein Magen rebellierte. Ich war viel krank. Aber wenn es irgend ging, schleppte ich mich trotzdem an meinen Schreibtisch. „Armer Kerl“, sagten die Kollegen und deckten mich. Irgendwann war Schluss. Mein Chef rief mich. „Es gibt Klagen über Sie“, sagte er. „Wir möchten Sie bitten, andere Aufgaben zu übernehmen.“

Heute denk ich, das war ein hundsgemeiner Trick. Er trug mir auf, die Gebrauchsanweisung für eine neue Anlage zu schreiben. Dabei wusste jeder, dass ich nicht formulieren kann. An dieser Aufgabe bin ich dann gescheitert. Ich nahm meine Abfindung und ging.

Arbeit werde ich wohl keine mehr finden – aber ich habe zumindest die Kurve gekriegt. Zu tun habe ich reichlich. Ich baue gerade in unserem Segelclub die Jugendabteilung auf. 20, 30 Steppkes zu motivieren: Das macht Spaß. Ich lerne eine Masse dabei. Vor allem, dass man mit Ende 50 kein bisschen zu alt ist, um noch was Neues zu lernen – wenn die Angst im Nacken einen nicht daran hindert.

Karola, 34 Jahre, Controllerin

Dass man sooo blöd sein kann! Da fahr ich drei Wochen nach Neuseeland, mit Wohnmobil und Wanderkarte und traumhaften Buchten am Meer – und was tu ich? Denke die ganze Zeit darüber nach, was ich wohl falsch gemacht haben könnte in der Firma. Gehe wieder und wieder die Bilanzen durch, prüfe jedes Ergebnis, grübele nächtelang und bin völlig neben der Kappe.

Ich hatte mich vor allem aus privaten Gründen auf die Stelle in Stuttgart beworben. Ich wollte mit meiner Freundin zusammenziehen. Ich wusste: Beruflich würde das hart. Die Zweigstelle da fährt kaum Gewinn ein. Und als Controllerin machst du dich gerade in solchen Situationen immer unbeliebt. Du gehst durch die Abteilungen, suchst dir die Zahlen und reibst sie den Verantwortlichen unter die Nase. Sagst: Da und da und da ist Euer Ergebnis nicht optimal. Da müsst ihr besser werden. 

Dem Zweigstellenleiter in Stuttgart fiel aber nur ein, die Controllerin fertig zu machen. „Ich lass mir doch von einer Frau nichts sagen“, hatte er der Sekretärin erklärt, die es mir genüsslich weitererzählte. Vom ersten Moment an setzte er alles dran, mich wieder loszuwerden. Wollte mir Fehler nachweisen. Behauptete, ich hätte keine Ahnung.

 Irgendwie ist es ihm gelungen, mein Selbstbewusstsein komplett zu untergraben. Ich fing an wie verrückt zu arbeiten. Alles immer und immer wieder zu prüfen. Und hatte unglaublichen Schiss, einen Fehler zu machen. Jede Besprechung, jede Präsentation habe ich so oberpenibel vorbereitet, dass ich fast durchgedreht wäre. Ich durfte mir absolut nichts anmerken lassen. Denn in meiner Position wird jede Schwäche gegen dich ausgelegt. Und als Frau in diesem Männerladen sowieso.

 Irgendwann hatte meine Freundin die Schnauze voll. „Du rotierst ja nur noch“, sagte sie, und überredete mich zur Reise nach Neuseeland. Für mich war das ein Höllentripp. Ich wäre am liebsten schon nach drei Tagen umgekehrt. Der vernünftige Teil von mir wusste: Ist alles okay, Du hast gründlich und gut gearbeitet. Niemand kann Dir etwas vorwerfen. Aber die Angst vor Fehlern war stärker.

 Zum Glück wurde ich kurz nach dem Urlaub versetzt – und in der neuen Zweigstelle gibt es ein paar Leute, die mich ziemlich schnell wieder aufgebaut haben. Durch Lob und Wertschätzung meiner Arbeit.

 Kollegin Angst

 Angst schleicht sich in die Betriebe. Der Schaden, den sie anrichtet, kostet die Unternehmen 100 Milliarden Mark im Jahr. Das haben der Betriebswirt Wolfgang Stegmann und der Soziologe Winfried Panse von der Fachhochschule Köln errechnet. Betroffen sind Manager wie Hilfsarbeiter und weder die einen noch die anderen trauen sich, über ihre Angst zu reden. „Magengeschwüre, Herzinfarkt und auch Krebs sind Krankheiten, die akzeptiert werden und bei denen man den Betroffenen mit Mitgefühl begegnet“, so Stegmann und Panse. „Anders ist es bei angstbedingten psychischen Erkrankungen. Hier werden die Betroffenen schnell mit Neurotikern in eine Schublade gesteckt oder als willensschwache Individuen für betrieblich untauglich erklärt.“  

So suchen unter Angst Leidende meist ohne viel drüber zu reden nach einem Ausweg. Sie kümmern sich um einen neuen Job; sie kündigen innerlich; sie schieben wichtige Entscheidungen immer weiter auf. Sie melden sich krank – und sie werden krank: schlucken Psychopharmaka, trinken. Oder sie geben den Druck weiter an andere und mobben.

 Angst tropft in Hierachien meist von oben nach unten – ängstliche Führungskräfte schaffen ängstliche Mitarbeiter. Nur einige wenige engagieren sich im Betrieb um die Angst zu vertreiben: durch eine veränderte Unternehmenskultur, die dafür sorgt, dass bei Veränderungen alle Beteiligten einbezogen werden und erfahren, was auf sie zu kommt.

 Angst kann „nur gemindert werden“, so Panse und Stegmann, „wenn die Angst bekämpft wird und nicht die unter Ängsten leidenden Mitarbeiter.“

 Cornelia Gerlach

ECHT Buch-Tipps zu Thema Angst und ECHT-Serviceliste “Angst”