echt Bibel

Braucht Glaube Gemeinschaft?

Die Sache war schon fast perfekt. Und sehr gut. Aber kurz vor dem Finale, das in einem wunderbaren freien
Tag bestehen sollte, schuf Gott ein Menschenpaar.
Als Mann und Frau schuf er den Menschen. Das steht da so auf der ersten Bibelseite (1. Mose 1,27).

Und seitdem, von Anfang an also, kann der Mensch alleine so richtig nicht leben.
Er ist auf Gemeinschaft angewiesen. Zumindest auf diese kleinste Form, diese Minimallösung des sozialen Lebens, das Paar.

Ein Mensch erkennt im Gegenüber nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst. „Das ist doch Fleisch von meinem
Fleisch!“, ruft der erste Mensch erstaunt aus, als er den anderen, oder die andere in diesem Fall, sieht. Menschen sehen sich im Gegenüber wie in einem lebendigen Spiegel, und Menschen wachsen in der Begegnung miteinander.

Gott selbst hat das so gewollt. So hat er seine Schöpfung geschaffen. Und weil er damit wohl selbst am besten wusste, wie seine Menschen sind, dass sie auf Gemeinschaft und Begegnung mit Menschen angelegt sind, hat er sich selbst zum Menschen gemacht, ist in Jesus Christus einer von ihnen, von uns geworden. Damit wir durch Jesus was von Gott erfahren.

Logisch eigentlich. Aber damit nicht genug. Das Evangelium setzt noch eins drauf und sagt: In allen möglichen anderen Menschen begegnest du Jesus Christus! Du siehst ihn in den Gesichtern aller Menschen, die du triffst. In den Blicken der Armen wie der Reichen, der Geschlagenen und Gefolterten, der Fremden wie deiner Nachbarn siehst du ihn.

Diese ganz erstaunliche Menschlichkeit Gottes hat dazu geführt, dass die christliche Religion nicht denkbar ist ohne die Gemeinschaft der Menschen. Gemeinden sind entstanden, die Krankenpflege wurde entwickelt, gemeinsam zu singende Lieder wurden gedichtet, gemeinsam zu sprechende Bekenntnisse. Bei all dem konnte man sich gut auch auf das Gebet beziehen, das Jesus selbst seine Jünger zu beten gelehrt hat. Und das beginnt ja auch nicht etwa mit den Worten „Vater mein im Himmel“, sondern heißt eben: „Vater UNSER im Himmel“.

Natürlich wurde immer wieder auch einmal der andere Weg versucht, nämlich als einzelne, als einsame Beter Gott näher zu kommen. Beispielsweise in der Wüste. Oder als Eremiten in Einsiedeleien. Und nachdem die meditative Praxis fernöstlicher Religionen auch hierzulande Freunde gefunden hat, scheint sich eine entsprechende Neigung, sich der Religion im Alleingang zu nähern, auch bei uns wieder chic zu sein. Aber das macht Sinn wohl nur auf Zeit.

Gott, der uns schon im Zweierpack geschaffen hat, schickt uns wieder zu Unseresgleichen zurück. Im menschlichen Gegenüber will er uns begegnen. Schon wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Eigentlich macht er es uns damit ziemlich leicht, ihm nahe zu sein.

Helwig Wegner



erschienen in echt, 2. Quartal 2001
Copyright by EKHN, Darmstadt
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