Die Natur ist Idylle, denken viele Menschen. Heile Welt. Zu einfach gedacht.
Manchmal spielen sich Dramen ab – unter unseren Füßen.


Es ist ein Kampf Frau gegen Frau, ein ungleicher Kampf. Die Rote ist fast doppelt so groß wie die Schwarze. Es dauert nur Sekunden. Ein kräftiger Hieb, dann schiebt die Rote die kleine Schwarze beiseite. Gleich hinter dem Eingang zur Burg kommt die nächste Schwarze und dahinter die übernächste. Der Kampf ist ungleich – auch weil die Angreiferin ganz alleine ist. Dennoch dringt die große rote Amazone langsam vor. Eine Verteidigerin nach der anderen schiebt sie beiseite. Wo ihre Kräfte nicht ausreichen, nimmt sie die chemische Keule zu Hilfe und versprüht einen widerlichen Gestank. Tiefer und tiefer dringt sie in die Burg ein – und erreicht das Herz der Festung: den Thronsaal. Sie kämpft die letzten beiden Schwarzen nieder – und tritt ein.

Keine Science-Fiction, kein Computerspiel und auch kein Drama aus dem Mittelalter, sondern Alltag heute – wie der Krieg unter den Menschen. Nur dass die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den Schwarzen und den Roten im größten staatlich organisierten Gemeinwesen der Erde stattfindet – bei den Ameisen.

Die meisten Ameisenstaaten verfügen über ein kleines Heer von kräftigen Arbeiterinnen mit besonders gut ausgebildeten Beißwerkzeugen, gemeinhin „Soldaten“ genannt. Sie sind immer weiblich, da Männer bei Ameisen wie bei Bienen nur einmal im Leben einer Königin eine kurze Rolle spielen.

Die Gattung Polyergus breviceps – zu der die rote Königin gehört – besteht nur aus Amazonen. Sie bildet keine Arbeiterinnen mehr aus, sondern hat sich im Laufe jahrtausendelanger Evolution ganz auf die Sklavenhaltung verlegt. Dass das Vorteile hat, zeigt die menschliche Geschichte. Weltreiche und Hochkulturen – die Griechen, Römer und Araber – gründeten sich auf die Unterjochung der Eroberten. Ihr Reichtum wurde von Leibeigenen erarbeitet.

Ameisen allerdings gründen ihre Staaten anders als die Menschen. Am Anfang eines Sklavenhalterstaates der Polyergus steht der mutige Alleingang der künftigen Königin. Nach der Begattung sucht sie eine von ihrer Art möglichst nicht besiedelte Region. Dort dringt sie in einen Bau der Gattung Formica ein und muss zunächst alle Arbeiterinnen überwinden, die sich ihr entgegenstellen. Hat sie es bis zur Königin der Formica geschafft, muss sie auch noch diese, ungefähr gleich starke Gegnerin, töten.

Lange haben Ameisenforscher gerätselt, wieso die fremden Arbeiterinnen nach erfolgreichem Kampf die eingedrungene Fremde als ihre Königin anerkennen, sie ernähren und ihre Brut aufziehen. Jetzt ist das Geheimnis gelüftet. Es klingt wie in einer archaischen Sage. Die Siegerin trinkt das Blut der getöteten Gegnerin und wird danach von den Besiegten als eine der ihren angesehen.

In dem neuen Ameisenstaat wachsen nun aber nur noch rote Kriegerinnen heran. Und die können nur eines: kämpfen, rauben und morden. Genau das tun sie auch. Sobald genügend Amazonen geboren sind, gehen die Polyergus auf Raubzüge, durchschnittlich zwei Mal pro Woche. Sie überfallen einen fremden Ameisenstaat und rauben dort die verpuppte Brut. Die wächst dann im Staat der Polyergus heran. Die geschlüpften fremden Ameisen bemerken nicht, dass sie nicht zur gleichen Art gehören. Sie sind willige Sklavinnen, die Essen beschaffen, den Bau pflegen, die Brut versorgen.

Erst mit dem Tod der roten Königin stirbt der Sklavenhalterstaat. Bis dahin aber sind von ihm aus viele befruchtete Amazonen in die Welt gezogen und haben neue Staaten in überfallenen Bauten gegründet. Und wo spielt dieses kriegerische Alttagsdrama? Da, wo auch unsere antiken Sklavendramen spielten – in Südeuropa, unter unseren Füßen. 

Florian Schwinn


erschienen in echt, 2. Quartal 2001
Copyright by EKHN, Darmstadt
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