Das Zusammenhocken in der Küche abends ist Ausdruck von Gemeinschaft. Auch das Ratschen auf der Straße. Überall. Was trennt Kulturen – was verbindet? Zwei Autorinnen, zwei Geschichten. Conny Gerlach hat ihre Großstadt verlassen, um Alltag in einem afrikanischen Dorf zu erleben. Birgit-Sara Fabianek ist zu Hause geblieben und hat Beobachtungen rund um den Küchentisch notiert. Beide erzählen von Gemeinschaft: Gemeinschaft exotisch, Gemeinschaft alltäglich.

Wenn einer sich der Gemeinschaft verschließt, nicht grüßt und keine Lust hat zu plaudern, sagen die Westafrikaner: Der muss krank sein. Kurz angebunden, eilig sein ist ein schlechtes Zeichen. Der Besuch aus Europa ist streng genommen krank. Er gibt sich aber Mühe.

„Warte“, sagt der Junge, „ich bin gleich wieder da.“ Und verschwindet im dunklen Inneren der Lehmhütte. Man hört Stimmen im Wechsel, wie bei einem Sprechgesang. Die helle des Jungen und die dunkle eines Älteren. Ich weiß, was sie sagen, denn sie sagen hier immer das Gleiche: Wie geht es? Danke gut, und dir? Und der Familie? Und der Gesundheit? Und dem Vater? Und der Mutter? Dem Onkel? Den Kindern? Und dem Dorf? Wir sind in Mali, Westafrika, und die Begrüßung dauert lange. Dicht beieinander stehen die Menschen und fragen sich durch das Netzwerk von Beziehungen, das den Einzelnen trägt und bindet.

Die Sonne hat mir fast den Kopf verbrannt, bis der Junge wieder zum Vorschein kommt. „Mein Vater“, sagt er erklärend. „Da musste ich eben mal Guten Tag sagen.“ Wir laufen weiter, quer durch den Ort. Immer wieder sagt der Junge: „Warte!“ Und kommt zurück und sagt: „Mein Vater!“ Nach dem dritten Vater stelle ich ihn zur Rede. Wie viele Väter er denn noch habe, will ich wissen. „Insgesamt sind es vier“, sagt er und freut sich über mein ungläubiges Gesicht. Natürlich sei nur einer davon, was er einen „richtig echten Vater“ nennt. Aber dessen drei Brüder muss er ebenso achten. Mal wohnt er bei dem einen, mal bei dem anderen, oft über Wochen. Sie sind verpflichtet, ihn zu ernähren, und befugt, ihn zu bestrafen. Der Junge erzählt stolz von seiner großen Familie.

Die richtigen Eltern

Wir verhalten uns anders. Zumindest viele von uns. Schießen Bindungen in den Wind und leben, mit wem es uns passt. Oft allein. Und stehen vor der Frage: Was müssen wir tun, um Gemeinschaft zu erfahren? Was hält Menschen zusammen? In Mali ist es die Tradition, die – trotz Kolonialisierung und Globalisierung – dem Jungen seinen Platz vorgibt. „Idealisier diese Gemeinschaft nicht!“, warnt eine Bekannte, die seit Jahren mit einem Mann aus Westafrika lebt. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, wenn permanent jemand bei dir anruft, ein Bruder, ein Vater, ein Onkel, und sagt: ,Ihr müsst mir helfen, ihr habt doch Geld.‘ Und alles, was du mühsam verdient hast, verliert sich in den Weiten der Verwandtschaft.“

Es war schwer, dem Jungen in Mali zu erklären, dass in jedem dritten Haushalt in deutschen Großstädten ein Single lebt. Und dass immer weniger Bundesbürger sich nach trauter Familie sehnen. Es schien, als sei dies für ihn so unglaublich wie für mich die vier Väter. Aber er nahm mich trotzdem mit zu seinen „richtig echten Eltern“. Dort saßen wir einen Nachmittag. Plaudernd.

Kontrastprogramm

Zurück in Deutschland. Nach zwei Wochen Westafrika der erste Spaziergang durch Berlin. Nichts Besonderes, nur die Straße hoch, in der ich wohne. Ich merke: Ich bin noch nicht wieder hier. Erwarte noch, dass vor jedem Haus, an jeder Ecke Menschen beieinander stehen für ein Schwätzchen. Ich schaue die Leute an, hoffe, dass wie in Mali die Gesichter aufgehen und mir ein schönes, breites Lachen schicken, so stark, dass es ganz einfach wird zu sagen: „Guten Tag. Wie geht’s?“ Aber meine Blicke gehen in den Gesichtern der meisten ins Leere.

Ich fühle mich haltlos. Ich weiß, in ein paar Tagen bin ich wieder genauso. Habe den Kopf voller Dinge, die sein müssen. Habe verlernt, alle und jeden zu grüßen und zu fragen: „Und der Familie? Und der Gesundheit? Und dem Dorf?“ Habe vergessen, wie es sich anfühlt, eingesponnen zu sein in eine Gemeinschaft.


Wer isst mit wem? Kantinen, Restaurants und Familienfeiern sind Horte von Gemeinschaft. Eine Einführung in die Bedeutung von Tischgemeinschaften. Denn deren Zusammensetzung ist weit interessanter als die Lektüre einer Speisekarte.


„Darf ich bei euch mitessen?“ Die fünfjährige Rike findet es toll, bei ihrer besten Freundin Rahel zum Essen eingeladen zu werden. Da denkt sie sogar ans Händewaschen vor dem Essen, ganz von alleine. Und schluckt tapfer den ekligen Broccoli hinunter. Wenigstens ein Stück. Als Rahels Mutter fragt, ob es ihr geschmeckt hat, nickt sie, dass die Haare fliegen. Woanders schmeckt es immer. Woanders essen ist fast so, als gehöre man zu einer anderen Familie.

Auch wenn sie es nicht weiß, instinktiv spürt sie: Für einen Gast bedeutet das gemeinsame Essen Aufnahme in die Gemeinschaft. Eine gemeinsame Mahlzeit ist die ursprünglichste Form der Integration und die anschaulichste Art einen Bund zu schließen. Bei der Verlobung gehört gemeinsames Essen und Trinken zu den ältesten Bekräftigungssymbolen. In manchen Kulturen reichte schon das Anbieten oder Zuwerfen von Brot und Obst um eine Ehe zu schließen. Sektempfang oder Hochzeitsessen sind sichtbares Zeichen eines Vertrages. Auch Jesus nutzte ein Gastmahl, die Hochzeit zu Kana, um zu zeigen, was er damit meint: Teilhaben am Geschenk Gottes.

Tofuwürstchen: Kampf ums Prinzip

Rahels große Schwester Caroline denkt gar nicht daran, an der gemeinsamen Mahlzeit teilzunehmen. Sie isst überhaupt nichts. Sitzt nur mit verschränkten Armen da und motzt, weil es Hackfleisch gibt und keine Tofuwürstchen. Als sie hört, dass der Nachtisch mit Gelatine gemacht ist, steht sie auf, brüllt: „Euch ist ja völlig egal, dass ich Vegetarierin bin und wir alle BSE kriegen!“, knallt mit der Tür und verschwindet in ihrem Zimmer. Seit Caroline in der Pubertät ist, sabotiert sie zunehmend das Familienessen. Demonstrativ lässt sie das Sonntagsfrühstück sausen um auszuschlafen.

International: Muttern kocht

Viele Heranwachsende wehren sich dagegen, dass es bestimmte Zeiten für gemeinsame Mahlzeiten gibt und grenzen sich bewusst dagegen ab, hat Christine Brombach vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen festgestellt. Und dennoch, behauptet sie, ist eines der wichtigsten Ergebnisse einer internationalen Ernährungsstudie, dass Familienmahlzeiten tatsächlich Familienzeit sind. Liebe und Zuneigung stehen dabei jedesmal mit auf dem Tisch. Nicht, was gekocht wird, sondern dass, ist vielen Müttern – nach wie vor sind es vor allem Mütter, die für das gemeinsame Essen sorgen – wichtig. So wichtig, dass sie sich jeden Mittag großem Zeitdruck aussetzen um nach Hause zu kommen. Um zu kochen. Und beim Essen dabeizusitzen. Sich von ihren Kindern erzählen lassen, wie es ihnen in der Schule ergangen ist. Zuhören. Anteil nehmen.

Liebe geht durch den Magen

Essen ist ein Zeichen, das trennt und verbindet. Das weiß auch Caroline. Zwischen ihr und ihrem Liebsten knisterte es das erste Mal in der Pizzeria um die Ecke, als sie sich eine Pizza Margherita teilten. Bei Kerzenschein, Rotwein und Paolo Conte.

Ernährungsvorschriften in den Religionen

Nicht nur das gemeinsame Essen hat kulturelle und religiöse Bedeutung. Auch was gegessen und wie es zubereitet wird, ist durch die Gesellschaft geregelt, in der man lebt. Heuschrecken kommen in Europa nicht auf den Tisch, und wenn sie noch so viel Eiweiß enthalten. Ein gläubiger Muslim wird niemals Schweinefleisch essen, auch wenn es sein Magen durchaus verträgt. Orthodoxe Juden essen koscher. Ein Christ käme nie auf den Gedanken, beim Fernsehabend Hostien zu knabbern. Das verbietet sich einfach. Noch die säkularisierte Gesellschaft der westlichen Industriestaaten ist geprägt von der Symbolik von Brot und Wein, selbst wenn sich die Einzelnen der Ursprünge nicht mehr bewusst sind. Und weil das Essen voller Bedeutungen steckt, ist auch Carolines Kampf ums Tofuwürstchen eigentlich ein Kampf um Eigenständigkeit. Er heißt: Ich bin nicht wie ihr. Ich bin ganz anders. Und das solltet ihr endlich anerkennen. Und wenn sie sich mit Stefan eine Pizza teilt, dann heißt das eben: Ich gehör zu dir.

 


erschienen in echt, 2. Quartal 2001
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