Zoff auf dem Schulhof, Randale im Klassenzimmer, Mobbing von Mitschülern. Gewalt – und was dagegen zu tun ist, ist ein viel diskutiertes Thema an Schulen. Die Schillerschule in Offenbach macht seit drei Jahren mit einem Projekt von sich reden, bei dem Schüler Konflikte untereinander besprechen und lösen – ganz ohne Lehrer.

Schon seit Wochen hat der 13-jährige Mario* ein komisches Gefühl. Murat, sein Klassenkamerad, scheint es auf ihn abgesehen zu haben. Nach gegenseitigen giftigen Blicken hat es heute geknallt. Mit Fäusten sind die beiden auf dem Hof der Offenbacher Schillerschule aufeinander los. Wer vermutet, für die Streithähne stünde nun eine Rüge vom Direktor auf dem Stundenplan, der irrt. Die Klassenlehrerin schickt die beiden stattdessen in den kleinen Beratungsraum, wo heute Johannes und Steffi sitzen. Die Schüler der zehnten Klasse gehören zu den 16 Streitschlichtern der integrierten Gesamtschule mit über 900 Schülerinnen und Schülern aus 30 Nationen und 15 Religionsgemeinschaften. Johannes verweist zunächst auf die Regeln für das folgende Gespräch, die als Plakat über dem kleinen Tisch hängen: zuhören – ausreden lassen – sich nicht beschimpfen – die Meinung der anderen akzeptieren – Vertraulichkeit wahren.

„Alle Gespräche durchlaufen die gleichen Phasen – das gibt Sicherheit“, erklärt Lehrerin Kara Drechsler-Schubkegel. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Ulrike Hoyer-Schützhofer und Gabi Reinhold betreut die 48-Jährige seit drei Jahren das Streitschlichter-Projekt. Am Anfang stehen stets die Fragen: Was ist passiert? Warum ist das Problem entstanden? Dann sollen die am Konflikt Beteiligten miteinander ins Gespräch kommen. „Wir sind keine Richter, sondern Verständiger zwischen Streitparteien, die selbst eine Lösung für ihren Konflikt vorschlagen müssen“, betont die 15-jährige Steffi. Die Streitschlichter halten sich mit ihrer Meinung zurück. Das ist, so Johannes, nicht immer einfach: „Oft hat man die Lösung direkt vor Augen.“

Ziel ist ein schriftlicher Vertrag zwischen den Kontrahenten. „Meistens müssen wir aber zuerst Einzelgespräche führen, bevor wir alle an einen Tisch bringen“, erörtert der

15-jährige Johannes. Vertraulichkeit ist dabei oberstes Prinzip: Weder andere Schülerinnen und Schüler noch Eltern, Lehrer oder die Schulleitung dürfen erfahren, was die Jugendlichen bereden.

Jeweils zwei Schülerinnen und Schüler pro Klasse bilden die Lehrerinnen auf Seminaren zu Streitschlichtern aus. Sie werden mit den unterschiedlichsten Konflikten konfrontiert: Da hat ein Mädchen vermeintlich Lügen über ihre Klassenkameradin verbreitet oder Mitschüler fühlen sich vom selbst ernannten „Klassenboss“ erpresst. „Wenn ein Lehrer dann eine Ordnungsmaßnahme verhängt, schafft das Luft, aber es löst nichts“, weiß Ulrike Hoyer-Schützhofer. Und die vierzehnjährige Streitschlichterin Patricia ergänzt: „Es ist wichtig, die Probleme in einer Atmosphäre ohne Druck zu besprechen.“

Auch die Streitschlichter selbst profitieren von ihrem Engagement: „Viele sind nun besser fähig, Dinge in Worte zu fassen“, hat Kara Drechsler-Schubkegel festgestellt. Und Steffi möchte lernen, „sich besser in andere hineinzuversetzen“.

Der „Zoff“ zwischen Mario und Murat hat sich schnell als Missverständnis entpuppt. Beide hatten vermutet, der andere baue eine Bande auf und wolle ihn überfallen. „Keiner von uns will dem anderen Gewalt antun und wir verdächtigen uns auch nicht mehr gegenseitig“, steht in dem Vertrag, den beide nach der viertelstündigen Verhandlung unterschreiben. Nicht als Freunde, aber mit Respekt voreinander und ziemlich erleichtert gehen die zwei Jungen zurück in den Pausentrubel.

Jörn Dietze, Fotos: Cathia Hecker

* Die Namen der Streithähne wurden von der Redaktion aus Gründen der Vertraulichkeit geändert.

 

Streitschlichter sind nur ein Teil des umfassenden Anti-Gewalt-Programms an der Offenbacher Schillerschule. Mit Projekttagen in allen fünften Klassen wollen Lehrerin Ulrike Hoyer-Schützhofer und ihre Kolleginnen möglichst früh die Klassengemeinschaften stärken. Die Streitschlichter sind aktiv mit von der Partie, wenn die Schülerinnen und Schüler hier spielerisch „Teamgeist“ erlernen. „Es ist wichtig, dass die Kinder von Beginn an wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Probleme haben“, erklärt die Pädagogin. Auch ihre Klassenräume und die Flure können die Jugendlichen selbst verschönern, müssen sie jedoch auch pflegen und sauber halten. Durch all diese Maßnahmen, freuen sich die Projektleiterinnen, seien die von Lehrern und Direktion verhängten Ordnungsmaßnahmen stark zurückgegangen und die Jugendlichen aufmerksamer füreinander geworden. “Für die meisten Schülerinnen und Schüler ist es mittlerweile selbstverständlich, nicht mehr nur zuzusehen, sondern schlichtend einzugreifen, wenn sich zwei auf dem Schulhof prügeln“, hat Lehrerin Kara Drechsler-Schubkegel festgestellt.

Weitere Informationen über die Offenbacher Schillerschule erhalten Sie hier

“Fass mich nicht an”
CD- ROM und Webpages zum Thema Gewalt

Die CD-ROM “Fass mich nicht an”, hat die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik in München im Auftrag von BMW realisiert. “Die CD ist etwas für Leute, die wissen und verstehen wollen, was hinter der Gewalt, hinter der Faszination und hinter der Bedrohung steckt,” schreiben die Macher.

Gewalt ist facettenreich und die CD fächert ihre Erscheinungsformen auf: Gewalt gegen andere, gegen sich selbst, in der Familie, der Schule und Gewalt in den Medien. Fünf Mainscreens (Hauptwege) bietet “Fass mich nicht an”, von denen wiederum thematische Pfade abgehen – genug für eine interaktive Reise durch das Thema Gewalt.

Die interaktive CD “Fass mich nicht an” ist kostenlos erhältlich bei:

BMW AG, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Anneliese Schillinger
80788 München, Fax: 089/38228017

“Fass mich nicht an”gibt es auch online.

Konfliktlösungen im kommunalen Bereich

Eine Dokumentation des Mindener Projekts “Kreative Konfliktbearbeitung im Kommunalen Zusammenhang", herausgegeben von: Bund für Soziale Verteidigung, Ringstr. 9a, 32427 Minden

Tel.: 0571/29456, Fax: 0571/23019

 

Konfliktlösung macht Schule

Konzepte und Impulse, Darstellung praktischer Beispiele aus Hessen, Schulprofil und Wege zur Konfliktkultur, Konflikte und Gewalt gehören in unterschiedlichem Umfang zum "täglichen Brot" von LehrerInnen. Patentrezepte, wie man damit umgehen kann, gibt es nicht, aber es gibt Ansätze, die die Arbeit in der Schule auf längere Sicht erleichtern. Im ersten Teil finden sich konzeptionelle Artikel, die zum Teil Erfahrungen aus anderen Ländern referieren. Im zweiten Teil werden Erfahrungen aus Hessen vorgestellt. Der dritte Teil ist dem Offenbacher Modellprojekt gewidmet, das sich der Ausbildung von Streit-Schlichtern an Schulen und in Jugendeinrichtungen verschrieben hat.

Rademacher, H.; Franz, F.; Angor, S.: Konfliktlösung macht Schule, 1997,
120 Seiten, Preis 9.00 DM

Herausforderung Gewalt

Im Sinne einer präventiven Arbeit der Schulen gegen die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen entwickelt die in Zusammenarbeit von Schule und Polizei Baden-Württembergs entstandene Broschüre konkrete Anregungen für den Umgang mit Gewalt, ihren vielschichtigen Ursachen und Handlungsmustern. Neben einer didaktischen Einführung finden sich praxisnahe Materialien zu folgenden Stichwörtern: Richtiges Streiten anstatt Gewalttätigkeit - Erste Hilfe im Gewaltfall - Pädagogischer Tag zum Thema "Gewalt und Schule".

Innenministerium Baden-Württemberg: Herausforderung Gewalt, 199, 93 Seiten, Preis 8.00 DM,

Gegen die Gewalt anspielen

Die negativen wie auch die positiven Seiten von Wut und Aggression beleuchtet der Praxisband der Reihe 8-13 aus dem Burckhardthaus-Verlag. Spiele und Aktionen zum Thema Gewalt werden vorgestellt und durch Praxisberichte anschaulich gemacht.

H. Bücken: Gegen die Gewalt anspielen – Vom Umgang mit Aggressionen, Offenbach 1999

 

erschienen in echt, 1. Quartal 2001
Copyright by EKHN, Darmstadt
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