Heike Sistig (36) ist geschäftsführende Redakteurin der „Sendung mit der Maus“. Sie begann als Mausguckerin, wurde freie Mitarbeiterin und stieg nach ihrem Volontariat in die Redaktion ein. Dort lernte sie die Geheimnisse des „Maus“-Machens. Inzwischen ist sie seit 14 Jahren Teil des Teams und darauf „ganz schön stolz“.

Die Maus leuchtet orange, klettert an der Außenmauer des Gebäudes des Westdeutschen Rundfunks hoch und erregt auch sonst Aufsehen. Warum?

Also einmal, weil sie orange ist und flächig und nicht so knallbunt wie viele andere Kinderfiguren. Das ist das Optische. Und sie steht halt für eine ganz besondere Sendung.

Was macht ihren Erfolg aus?

Die Maus als Figur mit sechs Barthaaren erzählt in ganz kurzer Zeit sehr einfache, nachvollziehbare Geschichten. Es geht um ungewöhnliche Lösungsstrategien. Sie setzt nicht sofort das um, was man erwartet. Und es gibt ja auch einen kleinen blauen Elefanten und eine gelbe Ente. Dadurch sind es auch kleine Freundschaftsgeschichten.

Erlebnisse ohne Worte, denn die Maus ist stumm ...

Die Maus ist nicht sprachlos, die Maus spricht nur einfach nicht! Sie hat viel zu erzählen, obwohl sie keine Wörter benutzt. Und trotzdem versteht jeder, was sie denkt und meint. Die Kinder jedenfalls wenden sich mit ihren Fragen grundsätzlich an die Maus. Wir erhalten allein 700 E-Mails pro Woche und 300 bis 400 Briefe, oft mit selbst gemalten Bildern und gebastelten Geschenken.

Welche Vorstellung hatten Sie als Kind von der „Maus“ und ihren „Vätern“ und „Müttern“?

Ich habe mit der Maus gelebt, und ich habe sie geliebt. Ich habe schon als Kind die Idee dieser Macher erahnt: Dass die den ganzen Tag wirklich überlegen, wie eigentlich alles hergestellt wird, wo es herkommt und wie man das am besten in einem Film erzählt.

Was macht denn daran Spaß?

Die Resonanz der Zuschauer ist natürlich das Tollste. Und weil das Konzept der Sendung eine bunte Mischung ist, kann man sich sehr gut ausleben in dieser halben Stunde. Wir machen Lachgeschichten, Quatschgeschichten, Fantasiegeschichten, aber auch Dokumentationen, die hinter die Geheimnisse des Alltags gucken. Oder stellen einfach immer weiter Fragen und bohren bei den Wissenschaftlern nach, wie etwas tatsächlich funktioniert! Zum Beispiel warum sich Geschenkband kräuselt. Die Welt wird noch reicher, wenn man Fragen stellt, und wenn man nicht alles für selbstverständlich nimmt!

Sie betreiben also auch so eine Art „Enthüllungsjournalismus“. Lieben Kinder aber nicht gerade auch Geheimnisse?

Ich glaube, wenn das Aufdecken eines Geheimnisses spannend gemacht wird, ist es noch spannender als das Geheimnis selber. Uns geht es immer um die „Kinderfrage“. Wenn ich das Gemüse so wie die meisten Kinder aus der Dose bekomme, dann sind die kleinen Maiskörner immer alle einzeln. Wenn ich aber versuche, diese Maiskörner vom Kolben abzukriegen, funktioniert das überhaupt nicht. Das zermatscht sofort. Wie also kriegen die das in der Fabrik so sauber vom Maiskolben ab? Das ist die Kinderfrage! Anhand dessen kann ich die ganze Geschichte, wie man Mais pflanzt und erntet, erzählen. Das gilt genauso für die Frage, wie kommen die Löcher in den Käse. In den „Lachgeschichten“ „dürfen“ wir manche Dinge im Geheimnis lassen. Das darf dann auch ruhig mal etwas magisch sein, fantasievoll, beseelt.

Im Fernsehen sehen Kinder perfekte Bilder, eine riesige Vielfalt. Wo bleibt da die Fantasie?

Da muss man unterscheiden: Es gibt viele schöne Kinderprogramme, aber man muss sehen, warum heute manchmal etwas für Kinder gemacht wird. Kinder werden häufig als Werbekunden gesehen und dahinter steht dann ein großer kommerzieller Apparat. Ich glaube, die Gefahr ist nicht, dass die Fantasie der Kinder nicht angeregt wird, sondern dass die Kinder so von der Unterhaltungsindustrie belagert werden, dass es manchmal einfach zu viel ist des Guten. Man kann diese „Kinderkultur“ nicht zurückschrauben, man kann sich nur beharrlich um gute Qualität bemühen.

Ist es auch der Umgang mit der Fantasie, der den Erfolg von „Harry Potter“ und anderen Zaubergeschichten erklärt?

„Harry Potter“ ist die ideale Verbindung aus Internatsgeschichte mit magischen Abenteuern. Für Kinder verkörpert es die perfekte Fantasie, besondere magische Kräfte zu haben. Ich glaube, dass es für Kinder sehr schwierig ist, sich in der immer komplizierteren Welt zurechtzufinden. Sie machen sich große Gedanken, was mit der Umwelt passiert, was passiert mit dem Essen und was passiert mit mir, wenn ich etwas gegessen habe, von dem man nicht weiß, ob es nicht irgendwelche Krankheiten verbreitet. Es geht immer mehr weg von der mechanischen Welt zur elektronischen Welt, wo man immer weniger durchschauen kann. Und ich glaube, dass es einfach unheimlich schön ist, wenn man dann mit „Harry Potter“ die Möglichkeit erhält, magische Kräfte zu haben, zu zaubern und teilweise auch mächtiger zu sein gegen andere Kräfte, denen man vermeintlich ohnmächtig gegenübersteht.

Welche Rolle spielt also die Fantasie?

Die Leute, mit denen ich bei der „Maus“ zu tun habe, sind noch sehr fantasietüchtig. Ich finde, das ist ein großes Glück und macht das Leben schöner und reicher. Ich glaube, dass Kinder erstmal natürlicherweise mit Fantasie ausgestattet sind, aber dass da sehr viel verloren gehen kann. Für uns ist es ganz wichtig, Kinder in ihrer Fantasie zu stärken, und sie gleichzeitig zart und kreativ auf die Wirklichkeit vorzubereiten.

Interview + Fotos: Marianne Lange

 

Die Maus, Gemeinschaftsproduktion der Sender WDR, ORB, SR und SWR wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Sie wird jeden Sonntag – in der Regel um 11.30 Uhr – im Ersten ausgestrahlt und hat zwei Millionen Zuschauer.

Eine gut gemachte Fanseite im Internet gibt es hier.


erschienen in echt, 1. Quartal 2001
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