Mein liebes Tinchen,

erinnerst du dich noch an die Zeiten, als wir gemeinsam an Deinem Tagebuch gebastelt haben? Du hast ein Bild gemalt und mir dann angesagt, was ich dazu schreiben soll: "Da bin ich, die Mama, der Papa und der Tom wie wir gemeinsam...". Als Du dann in die Schule gingst, hast Du mir stolz deine selbstverfassten Zeilen gezeigt. Bis zu dem Tag, als du dir das Kästchen mit dem Schloss besorgt hast. Ich nahm das gelassen, immerhin blieb dein Geheimnis so auch irgendwie unser Geheimnis, eingeschlossen im Kästchen auf deinem Regal. Zugegeben, ich war neugierig. Aber immerhin hätte ja sein können, dass irgend ein winziges Zeichen meine Schnüffelei verraten hätte.

Nun ist alles ganz anders. So viel schwerer, so viel einfacher. Du webst dich ein in ein Netz von E-Mails. Jeden Abend, nachdem ich von meinem Computer aufgestanden bin, schlüpfst du ins Arbeitszimmer und die Tastatur klappert bis in die Nacht. Wenn ich nochmal leise die Tür öffne und durch den Spalt schaue, drehst Du dich erbost um und kreischst "Was willst du hier!", so als hätte ich dich "auf frischer Tat" ertappt. Und also gehe ich mit tausend Fragen schlafen: Was kann so dramatisch sein, dass ich nicht einmal eine Zeile davon lesen darf? Warum schreibst Du nicht wenigstens Briefe, die in blickdichten Umschlägen verschwinden, sondern vertraust Deine Gedanken der Weite des Internets an? Wer verbirgt sich hinter den @-Menschen, denen du nächtens deine Seele mailst.

Und vor allem - warum löschst du die Mails nicht sofort nach dem Absenden wieder? Du breitest sie aus im elektronischen Postausgangskasten wie in einem aufgeschlagenen Buch. Tinchen? Sei ehrlich - soll ich sie vielleicht sogar lesen?

Wie auch immer, ich tue es! Morgens, wenn du in der Schule bist, schleiche ich mich zurück in deine Nacht. Und solange meine Sorge größer ist als meine Scham, werde ich es immer wieder tun. Ich lese von ungerechten Lehrern und deinem Bammel vor Lateinarbeiten, von zudringlichen Kerlen und Jungs, die dich nicht bemerken; von Treue und Untreue; von unserer bekloppten Family und vom Fernweh, das dich wegtreibt; von Stress und Langeweile, von so viel Sehnsucht und so viel Angst. Mitunter lügst du, dass sich die Balken biegen und berichtest deinen Freunden von Parties (auf denen du nie gewesen sein kannst) oder von Urlaubsabenteuern (die nie stattgefunden haben). Dann wieder bis du so ehrlich und schreibst so überlegte, ergreifende Sätze - wie eine erwachsene Frau. Manchmal glaube ich dich beim Schreiben kichern zu hören. Und wenn die Tippfehler immer mehr werden - hast du dann geweint?

Ach Tinchen. Manchmal möchte ich dich einfach in die Arme nehmen und dir vorschlagen, wie du diesen oder jenen der Steine ganz einfach von deinem Herzen rollen kannst. Aber ich darf es ja nicht, weil ich diese Steine eigentlich nicht kenne. 

Manchmal möchte ich dich auch beschützen und sagen, die tollen Typen, von denen du seitenlang schwärmst, sind die falschen Freunde. Aber ich darf es ja nicht, weil ich diese Leute eigentlich nicht kenne. Manchmal möchte ich jemanden von denen, die dir so liebe, aufmunternde Mails zurücksenden, an den Tagen, da Du zu Tode betrübt bist, einfach anrufen und einladen. Aber ich darf es ja nicht, weil ich die Absender eigentlich nicht kenne.

Was wäre eigentlich, wenn ich dir jetzt diese Mail senden würde?

Ich wage es nicht.

Deine Mama


Text: Sabine Schmerwitz