|
|
|
||||||||||||||||||
|
So
viel steht fest: Eine Mutter hat ihr Kind zu lieben und zu umsorgen. Und
wenn nicht? Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 40 ausgesetzte Babys
gefunden worden, etwa 20 haben nicht überlebt. Die Mütter, so stellte
sich meist heraus, sind keine abgestumpften Monster, sondern allein gelassene,
überforderte, meist sehr junge Frauen. Sie wachte von den Schmerzen auf, dachte, es seien wieder die Nieren, ging zur Toilette. Da kam plötzlich “das Ding” raus, dessen Wachsen sie so inständig verdrängt hatte. Sie hob es hoch, ließ es entsetzt fallen. Durchtrennte die Nabelschnur. Stopfte es in eine Plastiktüte, eilte im hellen Mondschein hinaus zum Bach und warf die Tüte hinein. Ohne sich umzusehen, lief sie zurück ins Haus, in dem Eltern und Geschwister schliefen, wischte das Bad sauber, duschte. Ging wieder ins Bett und am Morgen zur Arbeit. Die Schande war gebannt, das Geheimnis gewahrt. Bis ein Jahr später die Polizei vor der Tür stand. Unaufgefordert redete sie sich die Last von der Seele: Sie wollte nicht wieder, wie ihre ältere Schwester, Schmach über die Familie bringen, sie nicht noch einmal dem Dorftratsch aussetzen. Und nie wieder den sehen müssen, der sie in diese Situation gebracht und dann so schrecklich allein gelassen hat. Diese junge Frau traf auf einfühlsame Richter. Eine Entbindung ist nicht zwangsläufig Grund zur Freude. Manche Mütter empfinden Angst, Haß, Abscheu, Überforderung. Wohin aber mit solchen Gefühlen? Es gehört sich nicht, sein Kind nicht zu lieben - wie immer es dazu gekommen sein mag - durch Unerfahrenheit, Leichtsinn, Vergewaltigung, im Drogenrausch. Die Frauen des katholischen Sozialdienstes im bayrischen Amberg waren die Ersten in Deutschland, die sich über dieses gesellschaftliche Tabu hinweggesetzt haben. Die Erbarmen hatten mit den Müttern und mit den Kindern. Moses heißt das Projekt. Jede Frau in einer Notlage, noch schwanger oder schon als Mutter, kann zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Moses anrufen, reden, einen Treffpunkt ausmachen oder einfach vor der Tür stehen. Sie muss nicht mal ihren Namen sagen, denn “Anonymität ist der wichtigste Schutz für diese Mütter”. Die Frau kann dort wohnen und in Ruhe überlegen. Will sie dennoch ohne ihr Kind gehen, kommt das Baby zu Bereitschafts-Pflegeeltern, wo die Mutter es besuchen kann. Entscheidet sie sich endgültig gegen das Kind, leitet Moses die Adoption ein. Die Vorsitzende des Projekts Maria Geiss-Wittmann sagt: “Ich finde es wichtig, dass die Gesellschaft Mütter, die ihr Kind abgeben, nicht als Rabenmütter diskriminiert, sondern rechtzeitig deren Not erkennt.” All diese Möglichkeiten bietet nun auch der Jugendhilfe-Verein SterniPark in Hamburg. Projekt Findelbaby heißt das Angebot. Babyklappe machten die Medien daraus. Weil die Mutter das ungewollte Kind unerkannt durch eine Klappe legen kann, die aussieht wie ein riesiger Briefkasten. Dort liegt das Baby in einem Wärmebettchen. Ein Sensor schlägt Alarm, und nach spätestens zehn Minuten ist jemand da, der sich kümmert. Manche meinen, so würde es Müttern zu leicht gemacht, sich ihres Babys zu entledigen. Dagegen hält Heidi Rosenfeld, Projektleiterin von Findelbaby: “Verzweifelte Mütter müssen eine Möglichkeit haben, auf ihr Kind zu verzichten, ohne sich strafbar zu machen.” Denn nach dem Gesetz wird bestraft, wer Leben in Gefahr bringt. Bei Moses und Findelbaby wird Leben behütet. Und in vielen Städten wird inzwischen über ähnliche Angebote nachgedacht. Brigitte
Biermann |
|
*
Moses-Projekt Amberg, Telefon 096 21/ 222 00 |