Sigrid Früh, 65, studierte Volkskundlerin und Märchenforscherin, ist eine der begehrtesten Märchenerzählerinnen Deutschlands. Mehr als 250 Tage im Jahr ist sie in Schulen oder bei Strafgefangenen eingeladen, gibt Seminare und hält Vorträge. Die vierfache Mutter hat mittlerweile über 30 Märchen- und Sagenbücher in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. ECHT sprach mit ihr über das Geheimnis im Märchen.


 

“Geheimnisse zu bewahren ist oft viel schwieriger als eine Mutprobe zu bestehen.” Sigrid Früh ist in ihrem Element. “Es gibt nicht das Geheimnis im Märchen,”, sagt sie mit unverkennbar schwäbischem Akzent und glänzenden Augen, “sondern es gibt fünf ganz unterschiedliche Formen.”

1. “Da wären zunächst die Geheimnisse, die unbedingt aufgedeckt werden müssen.” Zum Beispiel beim Motiv vom Blaubart, der eine Frau nach der anderen ermordet und in eine verschlossene Kammer legt. Die Märchenheldin öffnet trotz seines Verbotes die Türe und kann so den Frauenmörder entlarven. “Dieser Mensch wäre ansonsten eine Gefahr für die Umwelt. Solche Frauenmördermärchen gibt es in ganz Europa und sie ähneln unseren heutigen Krimis.”

2. “Es gibt Geheimnisse, die der andere erst nach einer Frist – meist einem Jahr – preisgeben will. Dies Geheimnis müssen wir dem anderen auf jeden Fall lassen.” Im Märchen vom Tierbräutigam darf die Heldin den Bräutigam beispielsweise nie bei Nacht betrachten, wenn er ein schöner Jüngling ist, nur tagsüber, wenn er sich als Untier zeigt. Meist kurz vor Ablauf der Frist, also vor der Erlösung, schaut sie ihn doch an und muss eine Wanderung, einen Reifeprozess, antreten. “Es gibt gewisse Dinge im Leben des anderen Menschen, selbst wenn wir ihn noch so gut kennen, vor denen müssen wir innehalten. Wenn dieses Geheimnis vorzeitig aufgedeckt wird, ist es gleichbedeutend mit einem Einbruch in die Intimsphäre.”

3. “Ganz wichtig sind die Geheimnisse, die man unbedingt für sich behalten muss, obwohl man sie gesehen hat.” Im Märchen von der Schwarzen Frau soll die Heldin eine bestimmte Türe nicht öffnen, weil sie dort Schreckliches sehen würde. Dreimal fragt die Schwarze Frau: Hast du mich gesehen? Die Heldin hütet sogar auf dem Scheiterhaufen das quälende Geheimnis und erlöst so die schwarze Frau. “Jeder Mensch hat ein Geheimnis, dass er nicht preisgeben will. Öffnet man diese Tür, muss man stillschweigen. Es zerstört die Würde des anderen, ihm zu sagen, ich habe dich in deiner Schwachheit gesehen.”

 

4. “Ungewöhnlich sind Geheimnisse, die gar nicht aufgedeckt werden sollen.” In dem russischen Märchen Baba Yaga hat die Herrin über das Totenreich dreimal zwei Hände. Der Grund dafür wird nie erklärt. ‚Wer viel fragt, wird schnell alt’, sagt Baba Yaga. “Damit ist gemeint, ohne viel zu fragen, Grenzen zu respektieren.”

5. Entdeckt werden wollen auf jeden Fall die schönen Geheimnisse, meist sind es verborgene Schätze wie das Wasser des Lebens oder die Äpfel der Jugend. Gewöhnlich finden diesen Schatz nicht die klugen Brüder oder die strahlenden Prinzen, sondern die Frauen, die Hirten oder die Dummlinge. Der Grund: Sie sind meist von der Liebe motiviert.

Sigrid Frühs Fazit: In der heutigen Zeit, wo fast alles erklärbar geworden ist, braucht der Mensch das letzte Geheimnis. “Das Märchen ist nahe an Gott, beides ist ein Geheimnis. Auch die göttlichen Mächte sind nicht zu erklären. Dem Märchen bleibt etwas geheimnisvolles, was wir nie ganz ausdeuten können. Wenn man es versucht, verliert es etwas von seinem Zauber.” 

Maicke Mackerodt
 

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