„... der werfe den ersten Stein“

 

Er war noch keine zwei Jahre im Dorf und kannte nur wenige seiner Ortsgeschichten. In einer der langen, dunklen Karpatennächte saß der Pfarrer über den Familienbüchern der Kirchengemeinde, um für die Menschen in Siebenbürgen Ahnenpässe auszustellen. Nur wer seit vielen Generationen deutsch war, durfte auch nach Deutschland ausreisen. In jener Nacht fand er unter dem Buchstaben S. den Eintrag: Schneider, Johann. Beruf: Landmann. Wurde in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1958 von seiner Frau in Notwehr erwürgt. Dahinter ein Fragezeichen.

Weil der Pfarrer nach dieser Entdeckung nicht schlafen konnte, ging er zur alten Maria, die am Ende des Dorfes wohnte und von jedem alles wusste. Sie stellte eine Karaffe Wein auf den Tisch und sagte: „Ich verrate dir ein Geheimnis, Pfarrer, das alle im Dorf kennen. Ich darf es nur Menschen erzählen, die, wie auch du, das Land verlassen werden.“

 Und dann erzählte die alte Maria dem Pfarrer die Geschichte vom Schneider, Johann, der am Tag der fleißigste Landmann war und in der Nacht der fleißigste Trinker. Ein Mann wie ein Büffel. Stark und jähzornig. Er schwankte in der Nacht, in der das Geheimnis entstand, betrunken über die Dorfstraße und entdeckte seine Tochter Anna in den Armen von Mattes, dem Nachbarsohn. Er schleifte sie an den Haare ins Haus und brüllte: Hure, Schlampe, Hure. Und sie, stolz und trotzig, sagte: Wir kriegen ein Kind, auch wenn Du uns totschlagen möchtest. Sie riss sich los und versteckte sich in der Scheune hinter dem aufgeschichteten Brennholz. Weil er sie nicht fand, ging er ins Haus und schlug seiner Frau Katharina seine Fäuste ins Gesicht und nannte sie Hurenmutter. Anna hatte sich einen schweren Holzscheit gegriffen und als sie sah, dass der Vater nicht zu beruhigen war, schlug sie ihm das Holz so wuchtig gegen die Kehle, dass er zu Boden fiel. „Anna“, sagte die alte Maria bewundernd zum Pfarrer, „war nämlich ein schönes, starkes Mädchen“. Johann muss sofort tot gewesen sein. Als sich die beiden Frauen aus der Erstarrung lösten, sagte die Mutter zur Tochter: „Ich habe ihn erwürgt, vergiss das nie.“

Am nächsten Tag kamen die Gendarmen, nahmen Annas Mutter fest und ließen sie am Abend wieder frei. Alle im Dorf kannten die wahre Geschichte. Alle sagten, es sei Notwehr gewesen. Alle kannten Johann. Beim Sonntagsgottesdienst predigte der Pfarrer Johannes 7, Vers 8: Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Anna bekam einen Sohn, den sie Johann nannte. Man nannte ihn Johnny, weil seine Mutter davon träumte, ein neues Leben in Amerika zu beginnen. Niemand weiß, warum sie blieb, sagte die alte Maria zum Pfarrer. Vielleicht konnte sie sich von der Scholle nicht lösen, auf der es geschah.

Ich fragte den Pfarrer, ob die wahre Geschichte das Dorf niemals verlassen habe. Er lächelte und sagt: „Soeben.“ Warum er sie mir erzählt hat? Weil ein Geheimnis nur dann ein Geheimnis ist, wenn es von Mensch zu Mensch wandern kann und dadurch lebendig bleibt.

Lisa Prust